Für René Affolter ist das diesjährige Jahreskonzert der Musikgesellschaften Arch und Leuzigen ein etwas Spezielleres. Er spielt bereits zum 60. Mal mit. In der heutigen kurzlebigen Gesellschaft ist so etwas kaum mehr vorstellbar: 60 Jahre ist René Affolter aktives Mitglied der Musikgesellschaft Leuzigen (MG).

Am Freitag und Samstag wird der Posaunist im Alter von 77 Jahren auch sein 60. Jahreskonzert spielen. Dabei wird er mit seinen Musikerkollegen und -kolleginnen unter der Leitung von Manuel Werder die Zuhörer auf eine musikalische Zeitreise mitnehmen und die einstudierten Stücke zum Besten geben.

Angefangen hat René Affolter allerdings auf dem Flügelhorn. «Wohl weil auch mein Vater Flügelhorn spielte», mutmasst er. Mit fünf anderen Jungen habe er angefangen. «Jeder bekam ein Instrument in die Finger gedrückt», erinnert sich der Leuziger. Ihnen wurde gezeigt, wie man die Tonleiter spielt, die sie dann zu üben hatten. Sie lernten das Notenlesen und erste Stücke spielen. Kurz darauf wurde René Affolter 1959 in der MG aufgenommen.

Vielseitiger Musiker

Später spielte Affolter auch Trompete, Es-Horn, Es-Bass oder Euphonium – je nachdem, welches Instrument gerade unterbesetzt war. «Weil die Instrumente ähnlich zu spielen sind, war das möglich und nicht sehr aussergewöhnlich», so Affolter. Vor gut 20 Jahren wechselte er auf Wunsch des damaligen Dirigenten auf die Posaune – sie unterscheidet sich deutlich von den bisherigen Instrumenten und setzt ein gutes musikalisches Gehör voraus. Beigebracht hat er sich das Posaunespielen selber, Theo Hänzi von der Ted Haenzi Big Band hatte ihn dabei unterstützt.

Der Posaune ist René Affolter bis heute treu geblieben, genauso wie der Musikgesellschaft, die mittlerweile mit der MG Arch zusammengeschlossen ist. Dabei war er stets ein fleissiges Mitglied, selten hat er eine Probe verpasst. «Früher habe ich im Jahr vielleicht einmal gefehlt», so Affolter. In den letzten Jahren seien es etwa 4 bis 5 Absenzen pro Jahr gewesen.

Posaune dank Tauschhandel

Einmal pro Woche findet die Probe statt, vor Konzerten oder Musikfesten kommt eine wöchentliche Registerprobe dazu. In seiner Zeit bei der MG engagierte er sich zudem 11 Jahre im Vorstand, 10 Jahre war er Appellführer, 33 Jahre in der Musikkommission und 30 Jahre in der Kleinformation der MG.

Der 77-Jährige spielte nicht nur in der MG, sondern war auch Schlagzeuger in der Ted Haenzi Big Band. Mit den Golden Age Brothers musiziert er heute noch einmal pro Monat mit ehemaligen Bandkollegen bei sich zu Hause im dafür eingerichteten Musikzimmer. Musik war für den 77-Jährigen immer ein wichtiger Bestandteil seines Lebens, auch als Ausgleich zum Alltag.

1982 übernahm Affolter den Décolletage-Betrieb seines Vaters, den er bis vor etwa 10 Jahren führte. Die Firma produzierte Teile unter anderem für die Uhrenindustrie, die Medizinaltechnik aber auch für Modelleisenbahnhersteller. Ein Kunde, der Musikinstrumente verkaufte, ermöglichte Affolter einen besonderen Tauschhandel: Auftrag gegen Instrument. «Der Kunde beglich nicht die Rechnung, sondern ich konnte mir bei ihm eine neue Posaune aussuchen. Und eine Gitarre obendrauf.»

Neben Arbeit und Musik findet Affolter zudem auch noch Zeit für Familie und weitere Hobbys. Im Schützenverein ist er ebenfalls langjähriges Mitglied, ab und an geht er fischen und zusammen mit seiner Frau kümmert er sich zweimal pro Woche um die beiden Enkelkinder.

Professioneller und moderner

In den 60 Jahren bei der MG habe sich einiges verändert. «Als ich angefangen habe, war es zum Beispiel unvorstellbar, dass Frauen in der Musik mitgespielt hätten», blickt Affolter zurück. Das habe sich dann aber bald geändert. Musikalisch sei alles etwas professioneller geworden. Die Jungen gehen heute in den Musikunterricht, und ganz ohne üben gehe es nicht mehr. «Früher wurden zum Teil die Bässe und andere grosse Instrumente gar nicht mit nach Hause genommen», erinnert er sich. «Nach der Probe versorgte man sie im Musikzimmer im Schrank, wo man sie eine Woche später wieder zu Hand nahm.»

Auch die Stücke haben sich verändert. Sie sind moderner geworden. «Mir sind die volkstümlichen eigentlich lieber», gibt der Rentner zu. Aber da es zunehmend schwierig sei, junge Menschen für die MG zu gewinnen, mache diese Veränderung Sinn. «So gibt es halt auch Stücke, die mir nicht gefallen.»

Legendärer Goldkranz

Highlights mit der MG gab es für René Affolter viele. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm der Goldkranz in der 4. Stärkeklasse am kantonalen Musiktag in St. Imier. «Dieser Sieg war legendär und bis jetzt einmalig. Damals waren wir einfach gut», erzählt er stolz. Oder die Durchführung des Seeländischen Musiktags in Leuzigen, das sei organisatorisch jeweils eine Riesensache gewesen. Praktisch das ganze Dorf mit all seinen Vereinen hat sich dafür engagiert.

In 60 Jahren erlebt man so einiges. Zahlreiche Musikfeste auf regionaler, kantonaler oder eidgenössischer Ebene, etliche Wettbewerbe, Konzerte, Geburtstagsständchen und Musikreisen mit Partnern, «etwa 10 verschiedene Dirigenten» sowie unzählige gesellige Stunden. Nicht zuletzt sei auch die Kameradschaft ein gewichtiger Grund, warum er nach so vielen Jahren noch dabei sei. «Wo verbringen schon Menschen zwischen 14 und 77 Jahren gemeinsam ihre Freizeit?», fragt Affolter. «Das gibt es nur in der Musikgesellschaft.»

Jahreskonzert der Musikgesellschaften Arch & Leuzigen: 26. und 27. April, 20 Uhr im Gemeindesaal Alte Post Leuzigen. Eintritt 10 Fr., Kinder gratis. Bar und Kaffeestube. Am Samstag Festwirtschaft ab 18.30 Uhr.