Die Kontrolltour startet kurz vor Mittag in Solothurn. Als es mit dem Bus Richtung Arch geht, sind Ausbildner Martin Hiltbrand und sein neuer Kollege Beat Stucki guter Laune. Was sich rasch ändern könnte. Bis schätzungsweise acht Schwarzfahrer täglich werden aufgeschrieben. Rund um Grenchen liegt diese Quote höher als in der restlichen Bahn- und Busregion. Von 2010 auf 2011 ist die Schwarzfahrerquote von 5,8 auf 6,8 Prozent gestiegen.

«In Grenchen fahren eindeutig zu viele Leute ohne Fahrausweis», sagt Beat Stucki (46). Um dem entgegenzuwirken, hat sich der Busbetrieb Grenchen (BGU) mit den Profis des RBS zusammengetan: Seit eineinhalb Monaten arbeitet Stucki, vorher Fahrteamleiter beim BGU, in deren Kontrolleurpool mit. Auch beim BGU kontrollierte er Fahrgäste in einem Fünferteam. Jetzt aber sind die Kontrollen professioneller und vor allem – häufiger. Fast täglich wird das BGU-Netz kontrolliert. Hinzu kommen die Linien des Busbetriebs Solothurn und Umgebung (BSU).

Der Erste ohne Fahrschein lässt nicht lange auf sich warten. In Arch steigen die Kontrolleure aus, nur um ein paar hundert Meter nach der Haltestelle auf den nächsten Bus zu warten. Denn: In den Bussen des BGU kann man Billette auch im Bus nur am Automaten kaufen. «Die Fahrgäste müssen Zeit haben, um ein Ticket zu lösen», erklärt der 49-jährige Hiltbrand. Wenn die Kontrolleure zusteigen, kann keiner mehr behaupten, er habe noch lösen wollen. Der Chauffeur blockiert beim Eintreffen der Kontrolleure sofort die Automaten.

Erwischt

Ein Mittzwanziger sucht mit zittriger Hand nach einem Billett, nachdem sich die uniformierten Kontrolleure mit «Fahrausweiskontrolle, bitte Billette vorweisen» angemeldet haben. Er habe sein Generalabonnement vergessen, erklärt er Beat Stucki, der gelassen die Personalien aufnimmt. «Wie man einem Fahrgast begegnet, so kommt es zurück», erklärt Stucki später. Er zweifelt daran, dass der Reisende wirklich ein GA hatte. Respekt sei dennoch wichtig.

«Bleibe ich ruhig, bleiben es die Fahrgäste meistens auch.» Das gelte übrigens auch für betrunkene Fahrgäste. Der Mittzwanziger kann nun während 10 Tagen sein Abo am Schalter vorweisen. Hat er aber tatsächlich keines, wird ihn das bis zu 120 Franken kosten.

Angriff auf Zumstein

Heikle Situationen gibt es immer wieder, wie BGU-Geschäftsleiter Hans-Rudolf Zumstein weiss. «Letztes Jahr hatten wir mehrere, auch extreme Übergriffe auf unser Personal.» Auch Zumstein selber wurde einmal angegriffen. Dramatisch geendet hätten die Konflikte nie. Die Zusammenarbeit mit der Stadtpolizei funktioniere sehr gut. Die Kontrolleure selbst sind nie allein unterwegs.

«Wir sehen uns nicht als Billettpolizisten», sagt Ausbildner Hiltbrand. «Natürlich geht es darum, die Schwarzfahrerquote zu senken, aber die Arbeit gefällt mir mehr aus anderen Gründen.» Ähnliche Gründe, wie sie auch Stucki anführt: Menschenkontakt, eine interessante Ausbildung, die Herausforderung und dass man sich viel an der frischen Luft bewegt. «Manchmal sind es 14 Kilometer Fussmarsch täglich», weiss Hiltbrand.

Apparat spuckt kein Wechselgeld mehr aus

Eine junge Frau steht am Billettautomat, sie kann nicht lösen. Ungelogen, denn der Apparat spuckt kein Wechselgeld mehr aus. Freundlich erklärt ihr Martin Hiltbrand, sie solle am Bahnhof Süd, den der Bus eben erreicht, ein Billett lösen. Was sie unter den wachsamen Augen des Kontrolleurs auch macht. Dem Zufall überlässt man nichts, sagt Hiltbrand.

Zum Vergleich: Beim BSU nahm die Schwarzfahrerquote von 2001 bis 2006 von rund 1 auf fast 4 Prozent zu. Die Zusammenlegung mit der RBS trug Früchte: Die Schwarzfahrerquote konnte langsam gesenkt werden auf heute rund 3 Prozent. Dennoch gehen RBS und BSU bei dieser Schnorrerquote noch immer über 1,5 Millionen Franken verloren.

Übrigens: Wer eine Zuschlag nicht zahlt, wird angezeigt. 2011 hat der BGU mit seinem alten System 42 Kontrolldienste durchgeführt und 5800 Personen kontrolliert. 302 hatten keinen gültigen Fahrausweis. 116 wurden angezeigt. Für ganz harmlose Fälle kann aber auch einmal eine Mahnung geschrieben werden.

Kein Billett, Abo vergessen, Hund hats gefressen – die beiden Kontrolleure kriegen im weiteren Verlauf der 4-stündigen Kontrolle noch einiges zu sehen und zu hören. Am späteren Nachmittag findet eine zweite Tour statt. 492 Minuten täglich arbeitet ein Kontrolleur. Schon in den ersten drei Stunden ihrer heutigen Tour erwischen Hiltbrand und Stucki zwei eindeutige Schwarzfahrer, drei, die angeben, das Abo vergessen zu haben, und zwei, die kein Billett kaufen konnten.

Sozialhilfebezüger als oft gesehene «Kunden»

Ein ruhiger Tag, erklärt Stucki. «Da gibt es andere.» Etwa Wochenenden, wenn die Menschen vom Ausgang nach Hause fahren. «Oder wenn viele Schüler unterwegs sind.» Die haben zwar meistens ein Billett, benehmen sich aber zunehmend daneben, belästigen Leute, lassen Abfall liegen. Gewisse Linien, wie die ins «Lingeriz», sind stark mit Schwarzfahrern belastet. Sozialhilfebezüger sind auch oft gesehene «Kunden», wissen Hiltbrand und Stucki.

Mehrere Linien, Busse und Fahrgäste haben die Kontrolleure nach drei Stunden kontrolliert. Ein junger Fahrgast zückt gleich seinen Ausweis, als die Kontrolleure zusteigen – ein Schwarzfahrer, der weiss, dass er verloren hat. Allerdings: Bei den Kontrollen geht es nicht um Verlierer allein. «Wir wollen den treuen Kunden, die mit gültigen Fahrausweisen fahren, auch zeigen, dass wir da sind und uns kümmern», sagt Linda Segessenmann, RBS-und BSU-Mediensprecherin. Kontrolleure sind nicht nur der Feind aller Schwarzfahrer, sie sind eben auch die Freunde aller ehrlichen Fahrgäste. Zwei von ihnen sind Martin Hiltbrand und Beat Stucki. Weitere 13 Männer und Frauen komplettieren das nun um einen Mann verstärkte Team der RBS/BSU- und BGU-Kontrolleure.