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Schuhmacher im Migros klagt: «Das Geschäft läuft überhaupt nicht»

Der Schuhmacher im Migros Grenchen ist seit der Geschäftsübernahme in Schwierigkeiten. Warum will niemand mehr seine Schuhe repariert bekommen? Wenn sich die Lage nicht bessert, muss Ümit Sanal das Geschäft aufgeben.

Daniela Deck
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Nur wenige bringen ihre Schuhe zum Schuhmacher. (Themenbild)

Nur wenige bringen ihre Schuhe zum Schuhmacher. (Themenbild)

Michel Lüthi

«Es ist schrecklich. Ich will hier nur noch weg, so schnell wie möglich. Das Geschäft läuft überhaupt nicht.» Der junge Schuhmacher im Migros, Ümit Sanal, ist ganz entmutigt. Er hat das Geschäft, den einstigen Mister Minit, Anfang Jahr übernommen, am 1. Februar, nachdem sein Vorgänger altershalber aufgehört hatte.

«Ich habe das Geschäft im guten Glauben übernommen, dass es läuft. Doch seither bin ich an sechs Tagen pro Woche hier, und die Leute kommen praktisch nicht zu mir. So rentiert das natürlich nicht.»

Liegt es an der Namensänderung von Mister Minit zu Tip Top? Diesen Namen trägt der Schuh- und Schlüsselservice in Anlehnung an das Geschäft des Vaters in Lyss, in dem Ümit Sanal zuvor gearbeitet hat. Oder ist der junge Geschäftsinhaber in den Sog einer allgemeinen Entwicklung geraten?

Gleiches Angebot, gleiche Zeiten

Keinen Grund für die Flaute bieten die Sprachkenntnisse. Anders als sein langjähriger Vorgänger, der nur gebrochen Deutsch spricht und sich zur Geschäftsübergabe grundsätzlich nicht äussern will, ist Ümit Sanal in der Deutschschweiz geboren und aufgewachsen.

Weder die Öffnungszeiten noch das Angebot können den Misserfolg erklären, sie sind gleich geblieben. Wenn sich die Lage nicht rasch bessert, sieht der gebürtige Türke keinen anderen Ausweg, als den Laden im Migros zu schliessen, den Mietvertrag aufzulösen und nach Lyss zurückzukehren.

Durchzogene Bilanz auch im «Ladedorf»

Noch ist es nicht so weit, wie Andrea Bauer, Sprecherin von Migros Aare, bestätigt. Ihr sei von Sanals Nöten nichts bekannt: «Wenn ein Mieter Probleme hat, sucht man gemeinsam mit ihm nach einer Lösung.

Das ist uns bisher noch immer gelungen. Wir haben aber keine Kenntnis, dass der Schuhmacher in Grenchen das Mietverhältnis auflösen möchte.» Was die Beliebtheit von Geschäften im Zusammenhang mit Migros-Supermärkten angeht, so erklärt Andrea Bauer, dass in den meisten Fällen schnell Nachfolger gefunden würden und oft sogar Wartelisten bestünden.

Die Nachfrage beim Schuhmacher im Ladedorf in Langendorf deutet hingegen darauf hin, dass Ümit Sanal nicht der Einzige ist, der mit Problemen kämpft.

Der dortige Minit-Inhaber, Farahat Reda, sagt: «Seit fünf oder sechs Jahren läuft das Geschäft nicht mehr so wie zuvor. Knapp kann ich momentan noch davon leben.»

Schuhe als Wegwerfartikel

Der Grund für diese Entwicklung liegt für ihn auf der Hand: «Schuhe sind viel zu billig geworden, und der Schlüsselservice als zweites Standbein macht das nicht wett. In Zeiten, in denen ein einzelner Schuh ab fünf Franken erhältlich ist, investieren die Leute kein Geld mehr in Reparaturen. Sie werfen die Schuhe weg und kaufen neue.»

Der gebürtige Ägypter mag die Erfahrung im Ladedorf nicht verallgemeinern, denn: «Vielleicht sieht es in Städten wie Zürich und Bern noch anders aus für die Schuhmacher. Dort leben mehr Leute, die für ein Paar Schuhe 500 oder 600 Franken bezahlen, als in Solothurn. Wer Qualitätsschuhe besitzt, ist eher bereit, für eine Reparatur 60 Franken zu bezahlen.»

Das Gewerbe ist vom Aussterben bedroht

Auf die grossen Städte als Retter der Schuhmacherei sollte man sich nicht verlassen. Das Handwerk ist hierzulande von Aussterben bedroht. Einer, der die Zahlen kennt, ist Patrick Winkler: Der Basler Orthopädieschuhmacher und Lehrmeister forscht seit Jahren zur Geschichte der Branche und arbeitet an einem Buch zu diesem Thema.

Er macht sich Sorgen: «Dieses Jahr hat erstmals landesweit kein einziger Lehrling die dreijährige Schuhmacherlehre begonnen, und bei der vierjährigen Orthopädieschuhmacherlehre sind es nur etwa zehn bis zwölf Lehreinsteiger pro Jahr – viel zu wenig für den Schweizer Markt.

Erschwerend kommt hinzu, dass ein Teil von ihnen die Branche verlässt, statt in den Arbeitsmarkt einzusteigen.» Auch die zweijährige Attestlehre Schuhreparateur ist bloss ein Tropfen auf den heissen Stein. Die Nachfrage in der Berufsfachschule Zofingen, die den Lehrgang für die Deutschschweiz anbietet, ergibt einen Schnitt von einem bis zwei Lehrabschlüssen pro Jahr.

Bedingt durch die Überalterung wachse der Bedarf nach Einlagen und anderen Hilfsmitteln sowie kompetenter Beratung im Zusammenhang mit Schuhen. «Das ist ein boomender Markt und wird es für mindestens 30 Jahre bleiben», ist Patrick Winkler überzeugt.

«Hier verdienen die Schuhmacher noch Geld, während die traditionelle Schuhmacherei (die Herstellung und das Flicken von Schuhen) mit der billigen Massenware aus dem Ausland nicht mithalten kann.» Aus diesem Grund sei letztes Jahr die Organisation OrthoSchuh gegründet worden

Ein neuer Berufsverband

Zu den fünf Gründungsmitgliedern des Verbands OrthoSchuh gehört neben Patrick Winkler der Grenchner Stefan Kliegl, der seinen Schuh-Service beim Südbahnhof hat.

«Meine Kunden schätzen die persönliche Beratung. Der Bedarf nach Dienstleistungen in der Kleinorthopädie ist eine Realität. Deshalb ist es höchste Zeit, dass wir in dieser Branche unsere Kräfte bündeln», ist Kliegl überzeugt.

Die Fachorganisation OrthoSchuh (orthoschuh.ch) hat die Vereinigung der schweizerischen Schuhmacher-, Orthopädieschuhmacher und Podotherapeuten zum Ziel, um die Position der Fachpersonen mit Diplom und Fachausweis am Gesundheitsmarkt zu stärken und ihre Aus- und Weiterbildung zu vertiefen. (dd)

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