Grenchen
«Schräge Stadt könnte spannend sein»

Wie kommt eine Baslerin dazu, nach Grenchen zu ziehen, um dort Stadtschreiberin zu werden? Gesprächsleiter Thomas Schärli ging gleich zu Beginn der Veranstaltung von «ProAudito» in medias res.

Oliver Menge
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Stadtschreiberin Luzia Meister stellt sich bei der Organisation für Menschen mit Hörproblemen den Fragen des Publikums. om

Stadtschreiberin Luzia Meister stellt sich bei der Organisation für Menschen mit Hörproblemen den Fragen des Publikums. om

Solothurner Zeitung

Als die Stelle ausgeschrieben worden sei, habe sie das enorm gereizt, erzählt Luzia Meister, die seit dem 1.Februar 2010 das Amt ausübt. «Ich dachte: Diese etwas schräge Stadt könnte spannend sein». Als sie es dann in den engeren Kreis der Bewerber geschafft habe, sei sie von den Parteien befragt worden. Sie habe gewusst, dass Grenchen «für Beton den Wakkerpreis erhalten hat» – etwas, das ihr enormen Eindruck gemacht habe, verbinde man diesen Preis doch eher mit Traditionellem, Heimatlichem. Sie habe auch gewusst, dass es in Grenchen die einzige Kantonsstrasse der Schweiz mit Tempo 20 gibt und dass die Stadt immer als etwas aufmüpfig galt. «Das könnte gut zu mir passen», habe sie sich gedacht. Denn hier könne man die Ellenbogen gebrauchen. Das sei übrigens keine a priori schlechte Eigenschaft, denn für sie heisse das, hartnäckig zu bleiben und nicht gleich aufzugeben.

Nicht herausgeputzt, aber präsent

«Ich komme aus Riehen bei Basel, das im Städteranking immer sehr weit vorne zu finden ist. Grenchen hingegen eher weiter hinten. Aber ich war wirklich überrascht, was diese Stadt und ihre Menschen alles zu bieten haben», sagt Meister. Als sie in Basel ihren Bekannten gesagt habe, sie gehe nach Grenchen, habe man über sie gelacht. Aber sie könne nun getrost sagen, sie habe es keinen Augenblick bereut. «Hier läuft enorm viel und die Offenheit der Menschen hier ist beeindruckend. Auch das Mass, in welchem die Leute sich hier irgendwie engagieren, ist enorm, und das ist ein grosser Bonus von und für Grenchen».

Der Beruf der Stadtschreiberin sei sehr vielseitig, sagt Meister. Ihre Tätigkeit umfasse drei Aufgabenbereiche: Zum einen sei sie die Stadtschreiberin, die Anlässe organisiere, bei Gemeinderatssitzungen und GRK-Sitzungen für das Protokoll verantwortlich sei. Zum anderen sei sie aber auch Leiterin des Rechtsdienstes und somit das «juristische Gewissen» der Stadt. Sie sei dafür besorgt, dass die Stadt sich juristisch korrekt verhalte. Und nicht zuletzt habe sie gewisse repräsentative Aufgaben, etwa beim Besuch der Partnerstädte – sogenannte «Jüpli-Anlässe». Werbung für die Stadt, das mache der Stadtpräsident mit viel Herzblut. Für sie gehe es eher darum, Kontakte zu knüpfen und zu pflegen, nicht herausgeputzt, sondern präsent zu sein.

Sachpolitik im Vordergrund

Im Gegensatz zu ihrem Vorgänger sei sie kein parteipolitischer Mensch, Sachpolitik stehe im Vordergrund. Das lasse ihr einen gewissen Handlungsspielraum, aber sie könne auch nicht arbeiten, ohne politisch zu denken.

Ihr erster Eindruck von Grenchen vor eineinhalb Jahren sei positiv gewesen, erzählt Meister: Grenchen fehle zwar der historische Kern, aber die Stadt sei sehr grosszügig bebaut, eine gesunde Mischung von Industrie und Wohnen im selben Gebiet, gut erschlossen und wunderschön gelegen: «Im Sommer fahre ich mit dem Velo durch die Witi an die Aare, und im Winter bin ich in einer halben Stunde mit dem Bus im Schnee, das ist einfach genial.»

Sie habe noch nie innerhalb eines Jahres so viele Leute kennengelernt, und sie suche immer noch Leute, die mit ihr zusammen zu Mittag essen, «denn da kann man die Menschen auch ausserhalb ihrer Tätigkeiten kennenlernen. Das ist spannend.»

«Ich habe nichts gegen Autos»

Meistens sehe man sie auf dem Fahrrad. «Ich fahre Velo nicht aus sportlichen Gründen, sondern weil ich das einfach ein gutes Verkehrsmittel finde. Meist bin ich vor meinen Kollegen, die mit dem Auto kommen, vor Ort.» Ausserdem sehe sie vom Velo aus bedeutend mehr, als im Auto. Sie sei bereits seit 30 Jahren bei der Organisation «ProVelo» und unterstütze Massnahmen zur Förderung des Fahrradverkehrs. Aber sie habe auch nichts gegen Autos – diese Frage habe ihr auch die SVP gestellt. Sie selber besitzt einen Oldtimer. Überhaupt sei sie eine begeisterte Sammlerin, im Speziellen von Haushaltgeräten aller Art aus den 50er und 60er Jahren.

Vom Publikum an der Veranstaltung im «Häxekafi»» wurde Meister gefragt, was für sie die wichtigsten Herausforderungen seien. «Grenchen muss sich seiner Stärken bewusst sein und sie pflegen». Es sei notwendig, dass man einen Teil der 6000 Pendler, die täglich nach Grenchen kommen, um zu arbeiten, dazu bewege, hier einzukaufen, zu konsumieren und eventuell auch zu wohnen. Grenchen habe wirklich viel zu bieten und sei, verglichen mit Städten gleicher Grösse, sehr attraktiv. «Hier kann man über 40 verschiedene Sportarten in Velodistanz ausüben. Das gibt es sonst nirgendwo.»

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