Stadtbummel Grenchen
Schöne neue Welt

Oliver Menge
Oliver Menge
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In Grenchen läuft ein Versuch mit einer App fürs bargeldlose Parkieren.

In Grenchen läuft ein Versuch mit einer App fürs bargeldlose Parkieren.

Oliver Menge

«Muss ich eigentlich jetzt ein neues Handy kaufen, wenn ich in Grenchen parkieren will?», so die Frage eines Besuchers am Stand der Stadtpolizei Grenchen im Freimattquartier diese Woche. Dort rührte Selbige kräftig die Werbetrommel für das neue Park&Pay-App, mit welchem man schon jetzt seine Parkzeit bezahlen kann. Keine unberechtigte Frage, denn längst nicht alle Grenchnerinnen und Grenchner haben so ein modernes Kommunikationsmittel, auf dem man mithilfe von Apps die meisten der Aufgaben lösen und Fragen beantworten kann, die den digital-affinen Menschen beschäftigen.

Tatsächlich bringt besagtes App viele Vorteile: Man bezahlt nur die effektive Parkzeit – sofern man nicht vergisst, den «Parkvorgang» zu beenden. Der Gang zum Automaten erübrigt sich, man «bezahlt» auch bei miesem Wetter im Trockenen. Und auch das Aufladen des Kontos ist relativ einfach, sofern man schon mit der elektronischen Führung seiner Konten vertraut ist. Und das ist ja ohnehin schon bald ein Muss, wenn die Post ihre Drohung wahr macht. Dann hat das gelbe Einzahlungsbüechli endgültig ausgedient, weil es bald keine Schalter mehr gibt, an denen man abstempeln lassen kann.

Auch Bahnbillete werden über eine entsprechende App gelöst. Das macht auch der Stadtbummler seit Jahren so. Zwar kann er sich noch vage an nette Begegnungen am Schalter oder in der Warteschlange davor erinnern. Wo Zwischenmenschliches noch gefragt war. Jetzt ist es mehr ein Mensch-Maschine-Ding, oder eben, eine User-App-Angelegenheit. Und jetzt das: Die SBB kreieren ein neues Login. Also einen neuen Zugang mit Benutzernamen und Passwort. Weshalb? Warum kann ich nicht weiterfahren, wie bisher? Muss ich mir jetzt noch ein weiteres, kompliziertes Passwort merken?

Gut, dann mit dem Auto. Schliesslich hab ich ja ein Park-App, mit einer ellenlangen Liste von Städten und Gemeinden, wo Park&Pay möglich ist. Doch weit gefehlt: In Bern kann ich gerademal in einigen Parkhäusern parkieren. Dasselbe in Biel und Solothurn, Luzern und Basel. Immerhin: In Zürich in 20! Parkhäusern und auf dem Löwenbräu-Areal. Will ich woanders parkieren, stehen mir – oh Wunder – andere Apps von anderen Anbietern zur Verfügung. Mit neuen Logins, Konten und Passwörtern.

Die Digitalisierung kann gewaltig nerven. DAB-Radio ist nicht besser als UKW, wie in der Werbung behauptet wird. Jedenfalls nicht in Grenchen. Das eine rauscht, das andere hat Aussetzer. Und nicht jeder «Chlapf» ist DAB-Radiotauglich. Also aufs Radiohören verzichten? Oder sich gleich ein neues Auto kaufen? Wie sehr freuen sich wohl diejenigen, die jetzt eine neue Alarmanlage anschaffen müssen, weil das Telefonnetz von analog auf digital umgestellt wird und die alten Anlagen mit der neuen Technik nicht funktionieren? Überhaupt: Was passiert mit der ganzen Kommunikation und Information, wenn aufgrund einer Katastrophe das Stromnetz zusammenbricht? Ach ja, vielleicht findet man dann ein App auf dem Handy, das weiss, was zu tun ist – falls man Netz hat. Und sein Passwort kennt. Und der Akku noch ein wenig Saft hat.

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