ETA-Hof Grenchen
Schock für Grenchner Bauern: Sechs tote Kühe wegen Splittern im Futter

Der Grenchner Bauer Ernst Schnyder ist wütend. Sechs seiner rund 50 Milchkühe sind tot, weil sie Splitter im Tierfutter frassen. Immer wieder gelangen Aludosen und Glasscherben ins hohe Gras, das dann gemäht wird.

Patrick Furrer
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Landwirt Ernst Schnyder zeigt auf seine geliebten Milchkühe, um die er sich zunehmend sorgen muss, weil das auf seinen Wiesen liegen bleibende Alu von Büchsen zur tödlichen Gefahr geworden ist.

Landwirt Ernst Schnyder zeigt auf seine geliebten Milchkühe, um die er sich zunehmend sorgen muss, weil das auf seinen Wiesen liegen bleibende Alu von Büchsen zur tödlichen Gefahr geworden ist.

Patrick Furrer

Isabelle, Nena, Troya, Paola, Odessa und Tanja. Sie alle sind längst auf der Schlachtbank oder in der Tierkadaververwertung gelandet. Sechs Milchkühe, von denen der Grenchner Landwirt Ernst Schnyder ungewollt Abschied nehmen musste, weil sie Abfall gefressen, erkrankt und gestorben sind oder notgeschlachtet werden mussten. Die letzte Kuh war zweieinhalbjährig, als sie der Ex-FDP-Parteipräsident vergangene Woche zum Schlachter brachte. «Das schmerzt mich sehr», sagt der 55-Jährige, während er im Hof am grossen Granittisch sitzt und erzählt.

Er pflege zu all seinen Kühen, Rindern und Kälbern – rund 50 Tiere an der Zahl – eine Beziehung. Jede hat ihren Namen, von jeder kennt der Landwirt ihre Eigenheiten, Vorzüge und Marotten. Der wirtschaftliche Schaden beträgt fast 20000 Franken – aber als leidenschaftlichem Züchter gehe ihm die Sache vor allem ans Herz, erklärt Schnyder.

Messerscharfe Splitter im Futter

Sechs Kühe sind seit Sommer 2011 verendet, fünf alleine seit Herbst. Littering ist auch im Winter ein Problem. Andere Bauern hätten ähnliche Probleme, und die Ursache ist für Schnyder eindeutig: Immer mehr Abfall landet auf seinen Wiesen und Weiden, weggeworfen von Menschen, die sich einen Dreck um die Folgen ihres Handelns scheren. Besonders gefährlich ist das beim Alu von Energydrinks oder Bierbüchsen: Weil der Abfall im hohen Gras kaum zu sehen ist, gerät er ins Mähwerk, danach in die Presse und den Futtermischwagen. Durch die stetige Verkleinerung entstehen messerscharfe kleine Splitter, welche die Kühe mit dem Heu oder dem Gras hinunterschlucken. «Das führt zu schmerzhaften Verletzungen im Magen mit Infektionen.» Für Schnyders Kühe endete das mit dem Herzstillstand oder der Notschlachtung. Heute scheut sich der Bauer vor seiner allabendlichen Stallrunde. Schliesslich wisse er nie, ob er nicht wieder ein totes Tier findet.

Tierärzte eingeschaltet

Ernst Schnyder führt seinen Milchproduktionsbetrieb als Pächter des ETA-Hofes an der Lebernstrasse seit 1986 und verfügt über knapp 50 Hektaren Betriebsfläche mitten in und rund um die Stadt Grenchen. Unter den jetzt toten Kühen befanden sich auch vielversprechende Zuchttiere.

Besonders traurig: Bis auf eine Kuh waren alle Tiere hochträchtig. Damit gehen zusätzlich fünf ungeborene Kälbchen auf das Konto der Abfallsünder, denen Schnyder die Schuld am Tod seiner Tiere gibt. Das Ganze ist mehr als ein Verdacht.

Denn nachdem ihm die vierte Kuhn starb, holte der Landwirt die Tierärzte, welche Anzeichen auf eine Infektion und Fremdkörper im Kuhleib feststellten. Schnyder liess allen Tieren Blut nehmen, mit dem Resultat, dass bei drei Vierteln erhöhte Leukozytenwerte festgestellt wurden, was keinen anderen Schluss zuliess, als dass die Tiere krank sind, vermutlich ebenfalls aufgrund von Fremdkörpern. Die Untersuchung der Fütterung bestätigte den Verdacht. Hinzu kommen die Schäden an den Maschinen, wenn Schnyder mit dem Traktor auf seinem Land unterwegs ist. Es sei einfach zum «Mööggen». Die ganzen Anti-Littering-Projekte haben nichts gebracht. Im Gegenteil – es werde nur noch schlimmer.

Keine Besserung in Sicht

«Viele Leute haben weder Respekt noch denken sie über das, was sie tun, nach», sagt Ernst Schnyder. Die Liste der Verursacher ist lang; dazu gehören auch Lastwagenfahrer und Junglenker, die ihren Abfall nach dem Einkauf im Tankstellenshop oder dem Fastfood-Schuppen zum Autofenster rausschmeissen.

Jede Woche sammelt Schnyder auf seinem Land ungeheure Mengen an Abfall. In diesem Frühjahr habe er in zweieinhalb Wochen dreissig 50-Liter-Säcke gefüllt. Littering wird zur Volksseuche – auch Spaziergänger respektieren Schnyders Besitz nicht. «Es geht nicht allein um die Alu-Büchsen, sondern ums Ganze», sagt er. «Das fängt schon beim Zigistummel an und betrifft beispielsweise auch die Robidog-Säcklein. Viele Hundehalter nehmen den Kot zwar auf, aber schmeissen ihn dann kurze Zeit später samt Plastiksack wieder ins Gras oder ins Gebüsch.» Damit landet nicht nur Plastik im Futter, auch vom Kot können die Kühe krank werden.

«Und alle schauen weg», ärgert sich Ernst Schnyder. Die Polizei ist machtlos, und von Bürgerinitiative ist nichts zu merken. Jetzt hat der Bauer Angst, dass ihm noch mehr Kühe sterben. «Stellen Sie sich vor, Sie stehen morgens auf und ihre Hauskatze oder ihr Hund liegt tot im Wohnzimmer», sagt er, während er im Stall traurig nach seinen Kühen schaut. «Es ist doch verrückt, wenn man seine Lieblinge wegen solchem Seich verlieren muss.»