Kein Thema hat in den letzten Jahren die Gemüter der Grenchner Bevölkerung so erhitzt wie der Dok-Film des Schweizer Fernsehens «die schweigende Mehrheit», der vergangenen Donnerstag gezeigt wurde, sollte man meinen. Die Zürcher Filmemacherin Karin Bauer zeigte darin ein Bild von Grenchen, das offenbar den meisten Einwohnern der Uhrenstadt nicht passt. Es gab in den sozialen Medien Hunderte von Einträgen, die meisten mit heftiger Kritik am Tenor des Films und am Bild, das er skizziert.

Das Bild einer Stadt mit überdurchschnittlichem Ausländeranteil und den daraus resultierenden Problemen, hässlichem Wohnraum, hohen Sozialausgaben und offensichtlichen Opfern der Globalisierung. Auch Exil-Grenchner meldeten sich zu Wort, Menschen, die in Grenchen gearbeitet haben und sich in ihrer Meinung über die Stadt bestätigt sahen durch den Film.

Auch alle Parteipräsidenten der im Gemeinderat vertretenen Parteien zeigten sich schockiert, der Film sei rufschädigend und ehrverletzend, die ganzen Bemühungen der Wirtschaftsförderung würden damit untergraben und so erhielt Stadtpräsident François Scheidegger schon am Sonntag nach seinen Ferien ein Schreiben mit harschen Fragen. Die Stadt Grenchen müsse rechtliche Schritte prüfen und dürfe nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Man erwarte eine sofortige Reaktion.
Stadtpräsident ist empört

Brief der Parteipräsidenten

Brief der Parteipräsidenten

Auf Anfrage sagte Scheidegger: «Ich bin absolut entsetzt!» Das sei «schäbiger» Boulevard-Journalismus und die Filmemacherin habe darauf abgezielt, Grenchen schlecht zu machen. «Es ist schäbig, wie die Stadt und ihre Einwohner in dem Film vorgeführt werden.» Mit subtiler Bildsprache sei ein Bild der Stadt gezeichnet worden, das nichts mit der Realität zu tun habe. Dagegen sprächen schon alleine die Fakten: «Zwischen 2005 und 2015 ist die Zahl der Arbeitsplätze in Grenchen um 12% gestiegen, deutlicher als der kantonale Schnitt von 6,5%. In der Industrie stieg die Beschäftigung sogar um 17% in Grenchen, schweizweit nur um 8%». Zugpferde und Jobmotoren seien nach wie vor die beiden High-Tech-Branchen Uhrenindustrie und Medizinaltechnik. «Beim Städteranking gehört Grenchen zu den grössten Aufsteigern und bewegt sich aktuell im Mittelfeld.» Scheidegger führt noch weitere Punkte an, in denen man die Vorzüge der Stadt preisen und belegen könne. So sehe keine Stadt aus, die dem Untergang geweiht sei. Die Fakten sprechen eine andere Sprache.

Doch Filmemacherin Karin Bauer habe subtil ein zu ihrer These passendes Bild zusammengezimmert und mit passender Musik unterlegt, das erachte er als grotesk, ja sogar bösartig. «Natürlich haben wir hier Probleme, natürlich haben wir hier viele Ausländer, aber deswegen haben wir noch lange kein Ausländerproblem, wie das dargestellt wird. Im Gegenteil, wir tun sehr viel für die Integration und das gelingt uns auch ganz gut. Wir brauchen doch keine Zürcher, die uns die Welt erklären», so der Stadtpräsident, der nun durch einen Anwalt prüfen lässt, inwiefern rechtliche Schritte unternommen werden sollen oder können.

«Wahrscheinlich wurden Persönlichkeitsrechte verletzt, und das wollen wir genau abklären.» Ausserdem werde man eine Beschwerde bei der unabhängigen Beschwerdeinstanz UBI einreichen. «Umso mehr werden wir aber jetzt vorwärts schauen und die Dinge vorantreiben, die unsere Stadt lebenswert machen, so wie die aktuelle Musikwoche, die Aktion «Jurasonnenseite», die im Mai mit verschiedenen Aktionen schwerpunktmässig auffallen werde.

Zur Frage, ob die Stadt überhaupt Einfluss gehabt habe auf den Film, sagt Scheidegger, Karin Bauer sei eng begleitet worden, aber sie habe niemanden an sich herangelassen. «Sie hat mit sehr vielen Leuten telefoniert und viele Absagen erhalten. Mich hat sie gefragt, ob ich ihr jemanden vermitteln könne, der früher mal bei der SP gewesen sei und jetzt SVP wähle. Da konnte ich ihr leider nicht helfen,» so Scheidegger. Das bestätigt auch Stadtschreiberin Luzia Meister, die den direkten Auftrag vom Chef erhalten hatte, Frau Bauer mit allem zu dokumentieren, was hilfreich sein könnte, aber nicht zu ihr durchgedrungen sei.

SRF-Dok: «Die schweigende Mehrheit – Schweizer Nabelschau in Grenchen»

Familiengärten in Verruf

Ein Bashing sondergleichen erlebt auch Rolf Vogt, Präsident des Familiengartenvereins. Der Film gebe ein komplett verzerrtes Bild wieder. Beispielsweise sei die Familie Djokic sehr gut integriert. Spanferkel und Hühner am Spiess habe er beispielsweise für das gemeinsame Fest auf seinem Grill zubereitet und am Pétanque-Turnier nehme er nicht teil, weil er damit nichts anfangen könne.

«Von Burgs übrigens sind Bettlacher, nicht Grenchner, und die viel diskutierte Szene mit dem ‹Ausländer chippen› ist gar nicht in Grenchen gedreht worden. Der, der das sagt, ist ein Lengnauer und keiner von uns.