Grenchen
Rundgang im Kastels: In keinem Quartier der Stadt wurde und wird so viel gebaut

Das Kastels ist ein Grenchner Quartier mit bewegter Vergangenheit und wohnlicher Zukunft.

Oliver Menge
Merken
Drucken
Teilen
Ansichten des Grenchner Kastelsquartiers
13 Bilder
Das Tor zum Kastels: Kreisel an der Kapellstrasse
Alterszentrum Kastels
Schulhaus Kastels
Verschiedene...
Baustile....
... sind anzutreffen
und noch etwas Bauland
Die Hanglage...
... macht das Kastels attraktiv
Quartier-Attraktion: Urs Affolter und seine Galloway-Rinder

Ansichten des Grenchner Kastelsquartiers

Oliver Menge

Man braucht einem Grenchner nicht zu erklären, wo genau das Kastels liegt. Schliesslich gibt es die Kastelsstrasse, das Alters- und Pflegezentrum Kastels, das Kastelsschulhaus. Ältere Ein- und Mehrfamilienhäuser wechseln sich ab mit modernen Mehrfamilienhäusern neueren Datums oder gar einer grösseren Überbauung – Neukastels – aus lauter modernen Ein- und Mehrfamilienhäusern mit Eigentumswohnungen.

Vereinzelt sieht man noch ältere Gebäude und sogar Bauernhäuser. Aber das Kastels ist stark geprägt von Neubauten, die in den letzten fünf Jahren oder erst kürzlich entstanden sind oder just gebaut werden. In keinem Quartier der Stadt wurde und wird so viel gebaut, wie im Kastels. Das heutige Quartier erstreckt sich von der Kastels- und Jurastrasse bis hinauf zum Waldrand und von der Kapellstrasse bis zur Stadtgrenze Grenchens.

Die Grenchner Quartiere

Die Stadt will Grenchen vermehrt als Wohnstandort vermarkten. Ein Anlass, die Quartiere der Uhrenstadt etwas näher unter die Lupe zu nehmen und in einer Serie vorzustellen. Wir fahren fort mit dem Kastels-Quartier, das in den vergangenen Jahren markant gewachsen ist.

Das Kastels lag früher offenbar weiter südlich

Wenn man in der Vergangenheit etwas weiter zurückgeht, stellt man fest, dass das Kastels ein Gebiet umschrieb, das von der heutigen Bettlachstrasse im Süden bis zur Jurastrasse im Norden reichte, westlich begrenzt durch die Kapellstrasse und östlich durch die Dorfgrenze zu Bettlach. Will heissen, der nördliche Teil des Quartiers Ziegelmatt gilt heute als Kastels-Teil und markante Gebäude, welche heute diesem Quartier zugerechnet werden, wie das Spital Grenchen (Sunnepark), gehörten früher zum Kastels. Nördlich des Kastels lag (oder liegt noch immer für manche Einwohner) das Studenquartier – die Studenstrasse weist darauf hin. Entlang des Waldes, wo jetzt die Allmendstrasse bis nach Bettlach führt, befand sich früher die «alte Allmend», das Gebiet nördlich der Schmelzi erstreckte sich bis zur Bettlacher Grenze.

Der Name Kastels ist laut Heimatbuch von Werner Strub eine Entlehnung aus dem Lateinischen Castellum, was so viel wie befestigter Platz heisst. Diese Entlehnung soll nach dem Einfall der Alemannen (406–534 n. Chr.) stattgefunden haben und lässt darauf schliessen, dass sich dort bereits früher römische Ansiedlungen befanden. 1825 schrieb Prof. Dr. Hugi über das Kastelsgebiet: «Dieses Gebiet ist bei gewöhnlicher Witterung nicht reich an Quellen und diese vermögen vereint kein selbstständiges Bächlein zu bilden. Ist aber Regenwetter eingetreten, so stürzt erst nach geraumer Zeit eine solche Wassermasse aus dem Kessel, dass sie zwei klaftrige Felsen rollt (1 Klafter mass 1,80 m), die Burgmatten oft überführt und dem Dorfe Bettlach Gefahr droht». Strub führte weiter aus, dass der Giglerbach einen Grossteil dieses Wassers vom Bettlachberg aufnimmt.

Römische Villa gefunden

Ein weiterer kleiner Bach, das Wissbächli, fliesst entlang des Waldrand neben dem Schulhaus Kastels vorbei. Auch dieser Bach hatte es früher in sich: Bei Starkregen führte er eine Menge Geschiebe mit. Im Rahmen eines Meliorationsprogramms wurde in den Jahren 1920–23 der obere Lauf des Wissbächlis gefasst, durch Röhren bis zur Bahnlinie weitergeleitet und in den Witibach geführt. «Das Wissbächli hatte seinen Namen von dem angesammelten Geröll, das weiss gewaschen wurde», schreibt Strub in seinem Heimatbuch. Irgendwann in längst vergangener Zeit muss ein Bergsturz den Abfluss «verstopft» haben und als dieser sich endlich löste, wurde das ganze Gebiet mit einer «20 bis 50 Fuss mächtigen» Schlamm- und Schuttschicht bedeckt. Immerhin zwischen 6 und 15 Meter in heutigem Mass.

Bei Grabungen im Jahr 1823 fand man neun bis zwölf Meter lange Holzpfähle, die in den Untergrund eingelassen waren, dazu Mauerüberreste und römische Münzen. Dass man 2011 beim Bau einer Mehrfamiliensiedlung an der Jurastrasse auf die Überreste eines römischen Gutshofes stiess, überrascht vor diesem Hintergrund nicht. Der Quartiername scheint seine Berechtigung zu haben.
Wo sich heute moderne Bauten mit viel Umschwung aneinanderreihen, war früher die Landwirtschaft massgebend. Auch heute gibt es einige aktive Landwirtschaftsbetriebe. So weiden vor dem Hof von Urs Affolter an der Kastelsstrasse einige der auffälligen Galloway-Rinder (siehe Kasten unten). Auch weiter nördlich gibt es einige Bauernhöfe, wobei nur noch einer zu Grenchen gehört, die anderen befinden sich auf Bettlacher Boden.

Das Gebiet nördlich der Jurastrasse war die Reservezone der Stadt Grenchen und mit dem Wachstum der Stadt wuchs auch dieses Quartier. Als in den Jahren 1911–1915 der Grenchenbergtunnel gebaut wurde, errichtete man westlich der Kastelsstrasse an der Alpenstrasse das Tripoli, die bekannte Arbeitersiedlung für die italienischen Tunnelbauer und ihre Familien. Nach Abschluss der Bauarbeiten blieben viele der Italienischstämmigen in Grenchen. Auch weiter südlich gab es lange nach Tripoli eine Barackensiedlung mit Notunterkünften: 1961 baute dort die ETA drei Baracken für Arbeiterinnen aus dem Tessin und Italien.

In dieser Zeit wurden Firmen aufgefordert, sich an der Lösung der damals herrschenden Wohnungsnot zu beteiligen. Zudem wurde das Nachtwächterhäuschen von der Centralstrasse dorthin verlegt. Es ist das einzige dieser Gebäude, das heute noch steht. Die drei Baracken wurden abgebrochen, an ihrer Stelle gibt es jetzt einen grossen Parkplatz der ETA. Auch noch zum Kastelsquartier zählen dürfte man die Industriebauten an der Kapellstrasse, in denen früher die Ebosa untergebracht war.

Vom Tripoli zum begehrten Wohnquartier

In den 1950er-Jahren entstanden im Quartier markante Gebäude: Das Schulhaus Kastels wurde gebaut. Denn das Quartier war gewachsen, die Bevölkerung nahm zu. Die Schulhäuser im Zentrum reichten nicht mehr aus. In derselben Zeit wurde übrigens auch das Schulhaus Eichholz im Süden der Stadt gebaut. Entlang der Hohlen- und der Kapellstrasse entstanden viele Wohnüberbauungen mit Mietwohnungen, die heute noch begehrt sind.

1969 erbaute die Stadt das Altersheim Kastels an der gleichnamigen Strasse, das erste Altersheim auf Grenchner Boden. Rund 80 Betagte leben im Alterszentrum Kastels, nochmals etwa 40 in den angeschlossen Alterswohnungen. Mit über 100 Angestellten ist das Kastels, das zusammen mit dem Alterszentrum am Weinberg die Alterszentren Grenchen bildet, der grösste Arbeitgeber im Quartier.
Noch gibt es Baulandreserven im Kastelsquartier, allerdings werden sie immer knapper. Wie beispielsweise die grosse Wiese nördlich des Alterszentrum Kastels, auf der einst ein kleiner Industriebau stand. Der Boden dort ist allerdings belastet und müsste saniert werden.

Die speziellen Kühe des Urs Affolter

Sie sind klein und auffällig gefärbt, die robusten Gallowayrinder, die ursprünglich aus dem Südwesten Schottlands stammen. Schwarz mit einem breiten, weissen Streifen rund um die Körpermitte. Landwirt Urs Affolter liebäugelte schon lange mit diesen Tieren, von denen es in der Schweiz rund 1000 Stück gibt. Zehn davon weiden auf dem Land der Affolters. Sie werden nicht gemolken, die Jungtiere bleiben ganze 10 Monate bei ihren Muttertieren. Jetzt sind sie eine Attraktion für Spaziergänger: «Ich hätte schon manchen Franken verdienen können, würde ich für jedes Foto etwas verlangen», sagt Affolter lachend, dem die Tiere ans Herz gewachsen sind.

Affolters Hof stammt aus der Jahrhundertwende und war bis in die 1920er-Jahre eine Hafnerei, also Keramik-Produktionsstätte, vom Bruder des Grossvaters von Urs Affolter betrieben. Als das Geschäft mit Keramikkacheln und Kachelöfen nicht mehr rentierte, verkaufte er den Hof an den Vater von Urs Affolter und dieser setzte auf Land- und Viehwirtschaft. Urs Affolter wuchs auf dem Hof auf, verdiente seine ersten Fränkli damit, dass er den Bauarbeitern, die auf der anderen Seite der Kapellstrasse die ersten Blöcke errichteten, Bier aus dem damaligen Coop brachte.

Die Affolters hatten einige Kämpfe mit der Gemeinde: Der vormalige Baudirektor Otto Singer beispielsweise plante zu einer Zeit, als Grenchen in der Hochblüte stand und man mit einer Bevölkerungszahl von gegen 30000 Menschen rechnete, eine neue Verbindungsstrasse vom weiter südlich gelegenen Spital mitten durch das Land der Affolters in Richtung Norden, mit einem Schwenk durch die Hessostrasse, um neue Wohnquartiere zu erschliessen. Der Widerstand gegen das Projekt war erfolgreich, jetzt weiden dort die besagten Galloways.
Vor über 20 Jahren pachtete Urs Affolter den Bauernhof Riedhof in der Witi neben Panaiia Crausaz dazu, der nun von seinem Sohn Fabian bewirtschaftet wird. Dort werden Getreide, Raps, Mais und Futter angebaut.

Einen Teil des südlich gelegenen Weidelands hat Affolter vor kurzem der Stadt verkauft. Dort soll die neue Dreifachturnhalle des Kastelsschulhauses zu stehen kommen. Ebenso eine Wiese an der Kapellstrasse, direkt gegenüber der Hostet vor dem Hof. «Ich hoffe einfach, dass die Stadt hier nicht einfach Blöcke hinstellt, sondern Platz für Einfamilienhäuser lässt.» Er verstehe das mit dem verdichteten Bauen zwar, aber man sehe es am Beispiel Bettlachs, dass es eben immer noch viele Leute gebe, die lieber ein Einfamilienhaus bauen würden. Es müsse Platz für beides geben. Affolter wird in drei Jahren pensioniert. Die Galloways werden ihn aber über die Pensionierung hinaus begleiten, wie er sagt. Und nein, sie zu schlachten, das habe er nicht vor, auch wenn die Rinder für ihr Fleisch bekannt sind. «Das wäre etwa mit 3 Jahren möglich. Aber ich veranstalte lieber eine Sammlung, um den Tieren das Gnadenbrot geben zu können», meint er schmunzelnd.