Als in Grenchen nach dem 2. Weltkrieg eine akute Wohnungsnot ausbrach, holte die Stadt den Bieler Architekten Eduard Lanz. Er hatte dort schon vor dem Krieg Hunderte von Genossenschaftswohnungen gebaut und auch das Bieler Volkshaus. Seine Konzepte schienen auch für die Grenchner Probleme eine Antwort zu bieten.

«Die Wohnungsnot war damals so gross, dass man zuerst gebaut hat und danach darüber beschlossen», erklärt der stellvertretende Stadtbaumeister Jürg Vifian augenzwinkernd und verweist dabei auf eine Publikation der Museumsgesellschaft aus dem Jahr 2004, die den 50er-Jahren in Grenchen gewidmet ist und wo dieser Sachverhalt für die Kommunalsiedlung Riedernstrasse dokumentiert ist.

Originalpläne erhalten

Im Archiv der Bauverwaltung hat Vifian die Originalpläne der Arbeitersiedlung aus dem Jahr 1945 ausgegraben. Die am Reissbrett gezeichneten Pläne zeigen eine Reihenhaus-Anordnung mit einfachen zweistöckigen Einfamilienhäusern mit kleinen Gärten im Hinterhof. Die schnörkellosen Bauten erschienen für die damalige Zeit modern, auch bei beschränkten Platzverhältnissen: Kleine Küche mit Wohnzimmer im Parterre, separates WC und Bad, Obergeschoss mit drei Zimmern, Keller und Estrich. Geheizt wird bis heute mit Gas aus dem Gaswerk, das sich gleich nebenan befand.

Doch das Konzept mit viermal sechs Reihenhäuschen fand in Grenchen wenig Nachahmer. Denn der Bevölkerungsdruck wurde in den 1950er-Jahren noch ungleich grösser. Mehrstöckige Mehrfamilienhäuser (wie z. B. an der Mazzinistrasse) waren gefragt und bald schon auch die ersten Hochhäuser wie das Sorag-Gebäude in der Marktstrasse, das als erstes eigentliches Hochhaus im Kanton gilt, gefolgt vom Hallgarten-Gebäude beim Südbahnhof.

Im Bundesinventar

Die Wohnverhältnisse in der 1948 fertiggestellten Reihenhaussiedlung 51 bis 78 waren demgegenüber idyllisch. Durch die ebenfalls städtischen Häuser der «Kommunalkolonie» (erbaut 1918) vom Bahnlärm abgeschirmt, und an keiner Durchgangsstrasse gelegen, sind sie noch heute ein Mieterparadies. Im Bericht ISOS (Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz) ist zudem von einem «bemerkenswerten Erhaltungszustand von Bauten und Zwischenbereichen» die Rede.

Ein Augenschein vor Ort bestätigt dies. Marianne Gisiger ist die wohl zurzeit «amtsälteste» Mieterin der Siedlung. Sie wohnt hier seit 1964 und hat hier mit ihrem Mann, der leider nicht mehr lebt, drei Kinder grossgezogen. Wir treffen Gisiger im kleinen Garten, wo eben die Früchte am Kirschbaum reif sind zum Pflücken. Ein gedeckter Gartensitzplatz mit Grill erlaubt Geselligkeit an lauen Sommerabenden.

Billiger Mietzins

«Ich fühle mich sehr wohl in desem Häuschen», erklärt die aktive Rentnerin, und sie beabsichtige bis auf weiteres auch hierzubleiben. Die Mietzinse seien sehr günstig, die Nachbarschaft okay. Auch mit der Stadt als Vermieterin sei das Verhältnis gut und unkompliziert. Demnächst werde der Fussboden in der Stube ersetzt, erzählt sie. Den Unterhalt und kleine Umbauten habe man stets selber gemacht, auch eine neue Küche auf eigene Kosten eingebaut, erläutert die ehemalige ETA-Angestellte und lädt zu einem Rundgang über die beiden Etagen ein, wo sie sich heimelig eingerichtet hat. Kürzlich habe sie auch noch Mietzinsreduktion erhalten, ungefragt, wegen der Zinsen eben.

Die Wohnungen in der Reihensiedlung seien sehr begehrt, wenn etwas frei werde, dann nicht für lange Zeit. Kein Wunder, wenn man in einem Häuschen mit kleinem Umschwung leben kann zum Preis einer Zweizimmerwohnung. Die Anpassungen an die «moderne Zeit» sind dennoch äusserlich sichtbar. Die Bewohner haben begonnen, ihre kleinen Vorgärten mit Sichtschutz abzuriegeln. Da und dort ist auch eine Satellitenschüssel montiert.