Der Entscheid sei schon letztes Jahr gefallen, sagt Lilian Roth, die das Fachgeschäft für TV, Video und HiFi vor 27 Jahren von ihren Eltern übernommen hatte. Diese hatten das Geschäft bereits 30 Jahre zuvor gegründet. Seit 1975 befindet sich «Roth TV Video HiFi» an der Marktstrasse und zeichnete sich all die Jahre vor allem durch ein hochwertiges Angebot an bedeutenden Marken und guten Service aus.

Nun also das endgültige Aus Ende Mai. Schuld daran sei vor allem das Internet, sagt Lilian Roth. Und Billiganbieter, wie Mediamarkt, Lidl, Aldi und andere. «Die Preise zerfielen in jedem Bereich innert kürzester Zeit», sagt die Geschäftsfrau, die die Entwicklung schon seit Jahren mit Sorge beobachtet. «Zwar blieb die Marge prozentual etwa gleich hoch, aber in Franken ging sie massiv zurück, da die Geräte immer billiger wurden», erklärt Roth. «In der Landi gibt es zum Sack Dünger ja schon fast den Fernseher gratis dazu.»

Internet und Billiganbieter

Ein grosses Problem für den Fachhandel sei der Verkauf übers Internet: «Ich hatte sogar schon ältere Leute im Laden, die erklärten, ihr Sohn wolle ihnen einen Fernseher kaufen und sie wollten sich zuerst einmal über das Gerät informieren. Gekauft wurde das Gerät dann aber nicht bei mir, sondern übers Internet.» Das sei nicht nur in ihrer Branche so, sagt Roth. «Junge gehen sogar ins Sportgeschäft, probieren dort Sportschuhe an, die sie dann später übers Internet viel billiger beziehen.»

Die Einnahmen aus dem Verkauf von TV- und HiFi-Geräten seien in den letzten Jahren also stetig zurückgegangen, die Fixkosten blieben aber dieselben, erklärt Roth. Auch die Werkstatt, die sich über Jahre eigentlich selber finanziert hatte, rentiert nicht mehr wirklich. «Die Geräte gehen heute einfach viel weniger schnell kaputt. Und wenn doch, lohnt sich eine Reparatur meistens nicht mehr.»

Luxusmarke kündigte Vertrag

Bang&Olufsen-Geräte gehörten zu den meistverkauften Marken im Fachgeschäft an der Marktstrasse, Roth hatte während 25 Jahren die hiesige Vertretung der Luxusmarke. «Vor einem Jahr wurde mir in einem simplen Brief mitgeteilt, dass der Vertrag nicht mehr erneuert werde. Das ging nicht nur mir so, auch etliche andere Fachgeschäfte erhielten die Kündigung.»

Eine Entwicklung, die sich laut Lilian Roth schon länger abgezeichnet hatte. «B&O wurde immer teurer, die anderen Marken senkten derweil die Preise.» B&O setzte im HiFi-Bereich voll auf Streaming – komplette Stereoanlagen fehlten im Angebot. Ein Angebot, das eigentlich auf eine zahlungskräftige Klientel im mittleren Alter zugeschnitten sein sollte, welche Musik lieber auf herkömmliche Art hört. «Es war nie eine Frage der Qualität, die hat immer gestimmt, sondern einfach des Angebots und des Preises.»

Etliche Fachgeschäfte, die fast ausschliesslich B&O verkauften, seien über kurz oder lang eingegangen. «B&O setzt wahrscheinlich darauf, an exklusiven Lagen eigene Prime-Shops zu betreiben.»

Den Ausschlag zu ihrer Entscheidung, das Geschäft aufzugeben, gab allerdings die Kündigung ihres langjährigen Mitarbeiters nach 24 Jahren. «Eigentlich war er als mein Nachfolger vorgesehen, das hatten wir auch schon besprochen. Aber als der Markt dermassen einbrach, überlegte er es sich anders und wechselte zur Swisscom.»

Diese neue Situation habe ihr schwer zu schaffen gemacht. «Da ist richtiggehend etwas weggebrochen. Mit 58 quasi nochmals von vorne anfangen, einen Nachfolger suchen, das machte für mich keinen Sinn mehr.» Gleichzeitig habe das Geschäft grade mal so viel abgeworfen, dass die Fixkosten gedeckt gewesen seien. Darum ihr Entschluss, per Ende März aufzuhören. «Aber», so Roth: «Ich darf aufhören. Niemand sagt mir, ich muss!» Sie höre nicht auf, weil sie wirtschaftliche Probleme habe. Sondern weil die Branche am Boden sei und sich das auch nicht mehr ändere.

Momentan ist Hochbetrieb

«Die Umstellung der GAG auf digital brachte mich dazu, die Schliessung auf Ende Mai zu verschieben. Denn einerseits wollten wir unsere langjährige Stammkundschaft nicht hängen lassen und andererseits war die Umstellung auch wirtschaftlich interessant: Wir haben alleine im Mai über 50 ältere, noch analoge Geräte durch neue Fernsehgeräte ersetzen können», so Lilian Roth.

Für die zwei verbliebenen Mitarbeiter heisst das noch bis Ende Monat: Rund 10 bis 12 Installationen pro Tag durchführen: Senderumstellungen, Lieferung und Inbetriebnahme von neuen Geräten. «Vor vier Jahren, bei der ersten Umstellung, waren der Run auf neue Geräte und die Zahl der durchgeführten Installationen ebenso gross. Allerdings mussten wir damals feststellen, dass in den Monaten danach fast gar nichts mehr lief. Das wird jetzt nicht anders sein.»

Für ihre beiden Mitarbeitenden ist gesorgt. Die Lehrtochter kann ihr 4. Lehrjahr in einem anderen Fachgeschäft abschliessen. Der junge Mitarbeiter, der seine Lehre letztes Jahr bei Roth abschloss, wird eine Weiterbildung absolvieren. Die Räumlichkeiten kann Lilian Roth ohne Um- und Rückbauten hinterlassen, die Geschäftstelefonnummer bleibt in Betrieb: Kunden können sich im Fall von Problemen an sie wenden und werden weitervermittelt.

Und sie selber? «Eine Ära geht für mich zu Ende. Ich werde mich aber nach einem neuen Job umschauen, sonst wird mir einfach nur langweilig», sagt die eidgenössisch diplomierte Luftverkehrsangestellte, die, bevor sie das Geschäft ihrer Eltern übernahm, bei der Swissair arbeitete. «Hätte man mir damals gesagt, dass die Swissair einmal zugrunde geht, ich hätte das nie geglaubt. Aber heute muss ich sagen, wirtschaftlich betrachtet ist einfach alles möglich. Auch das, mit dem man nie gerechnet hat oder hatte rechnen wollen.»