«Wir sind hier, weil wir unseren Angehörigen die Entscheidung abnehmen wollen, im Falle eines Falles, über unser Leben entscheiden zu müssen.» Margaretha Lischer und Georges Mathez (beide 62) haben ihren zweiten Termin im ersten Stock des Grenchner «Centro».

Hier hat die Regionalstelle Grenchen des Schweizerischen Roten Kreuzes Kanton Solothurn (SRK) seit mehr als zehn Jahren ihre Büroräumlichkeiten. Das Paar hat sich entschieden, eine Patientenverfügung (PV) zu erstellen (siehe Box).

Unzählige Möglichkeiten gibt es, um diesen «letzten medizinischen Willen» umzusetzen. Alleine online bieten zig Institutionen ein Formular zum Ausfüllen aus. Nur was, wenn Fragen auftauchen?

Seite für Seite durch die PV

Genau dort will das Beraterteam des SRK in Grenchen Abhilfe schaffen. «Zwar gibt es die Patientenverfügung auch bei uns online, aber für diejenigen, die gerne zusammen mit einer Fachperson die PV ausfüllen möchten, bieten wir diesen Dienst an», erklärt Beatrice Gehri, Leiterin der Regionalstelle des SRK in Grenchen. Das Paar Lischer und Mathez hat die erste Sitzung schon hinter sich. Vor knapp einer Woche waren sie bei Beraterin Elisabeth Georg und der Auszubildenden Maya Emch in Besprechung. Beraterin Georg ging mit dem Paar jeden einzelnen Punkt des 24 Seiten langen Dokumentes durch.

Darin wird jede Information über die Wünsche einer medizinischen Behandlung im Ernstfall akribisch festgehalten. Von der Bevollmächtigung einer Vertrauensperson über exakte Angaben zu medizinischen Behandlungen bis hin zur Organspende. «Wobei man nie vergessen darf, dass die Patientenverfügung erst zum Tragen kommt, wenn man urteilsunfähig ist oder sich nicht mehr mitteilen kann, also wenn man praktisch schon auf der Zielgeraden ist», hält Beraterin Georg fest. Für Lischer und Mathez gilt es jetzt in einem zweiten Gespräch, die Patientenverfügung noch einmal Schritt für Schritt durchzugehen.

«Der Tod ist Teil des Lebens»

Die Gründe für eine Patientenverfügung seien sehr vielfältig, sagt Regionalleiterin Beatrice Gehri. Die meisten wollen wie Lischer und Mathez ihre Nachkommen oder Angehörigen entlasten. Auch dem «an den Schläuchen hängen» wollen viele mit der PV entgegenwirken. Dagegen gebe es aber auch Personen, die um jeden Preis am Leben erhalten werden möchten. Mathez und Lischer wollen Ersteres: «Wir wollen keine lebenserhaltenden Massnahmen, denn der Tod ist Teil des Lebens.» Zudem ist die Patientenverfügung für das unverheiratete Paar eine gute Lösung, einander als Vertrauenspersonen einzutragen und so die Bevollmächtigung überschreiben zu können.

Noch immer ein Tabu-Thema

Die Patientenverfügung ist heute vielen ein Begriff, und durch das Inkrafttreten des neuen Erwachsenenschutzrechtesauf den 1. Januar 2013 hat sie an Bekanntheit und Wichtigkeit zugenommen. Die Spitäler sind – je nach Situation – verpflichtet abzuklären, ob ein Patient eine PV ausgefüllt hat, und müssen sich auch daran orientieren. Das Thema löst trotzdem immer wieder bei vielen Ängsten aus. Gehri: «Sobald sich Menschen mit dem Thema Tod auseinandersetzen, wird es oft schwierig.

Einerseits wären die Kinder so froh, wenn die Mutter ihre Entscheidungen niederschreiben würde, oder andersrum: Das Mami möchte alles geklärt haben, aber die Kinder sagen ihm ‹Warum denkst du jetzt schon ans Sterben?›» Auch wird die Erstellung einer PV oft hinausgeschoben. Das bestätigen Lischer und Mathez: «Wir wollten die Patientenverfügung schon vor etwa zwei Jahren machen und haben es immer irgendwie vor uns hergeschoben.»

Die Besprechung beim SRK sei für sie darum sehr hilfreich gewesen. Dies habe aber vor allem auch damit zu tun, dass Beraterin Georg sie gekonnt jederzeit zurück zum Thema geholt habe. Sie hätten sich sonst in langen Diskussionen verloren und «verzettelt». Ein Zuckerschlecken sei es aber trotzdem nicht, so Lischer.

Beraterin ist kein einfacher Job

Wie unterschiedlich die Sitzungen ablaufen, davon weiss Beraterin Elisabeth Georg viel zu erzählen. «Diese Zweitbesprechung hat jetzt knapp 20 Minuten gedauert, es kam aber auch schon vor, dass es zwei Stunden dauerte», sagt die freiwillige Mitarbeiterin des SRK. Auch geschehe es, dass Personen bei der ersten Sitzung in Tränen ausbrechen oder die Sitzung gar abbrechen, weil die Konfrontation mit dem Tod für einige sehr schwierig sei.

Da gilt es für die Beraterin, kühlen Kopf zu bewahren. Georg: «Man muss Abstand wahren können. Die jeweiligen Geschichten der Personen könnten unterschiedlicher nicht sein und einige sind herzzerbrechend, das darf man aber nicht an sich heranlassen.»

Für Elisabeth Georg persönlich hat das zweite Gespräch einen hohen Stellenwert, dann jeweils, wenn die Kunden die Patientenverfügung nochmals durchgehen und unterschreiben. Sie sagt, sie wolle damit den «Fall» abschliessen und sicher sein, dass die Personen mit der Patientenverfügung «Frieden geschlossen haben». Ihr Lohn sei, zu wissen, dass sie einen guten Job gemacht habe, sagt die Freiwillige.