Start-up
Rohre unter Strom: Berliner testen Grenchner Leitungsrohre

Ein deutsches Start-up hat ein Verfahren entwickelt, um Defekte an unterirdischen Leitungen zu lokalisieren. In Grenchen wurden so einige Leitungen getestet.

Oliver Menge
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Ein Empit-Mitarbeiter bei der Kontrolle der Leitungen auf der Kapellstrasse.

Ein Empit-Mitarbeiter bei der Kontrolle der Leitungen auf der Kapellstrasse.

Oliver Menge

Grenchens Strassenuntergrund ist durchzogen von Leitungen. Wasser, Gas, Abwasser und Elektrokabel verlaufen in verschiedenen Röhren. Das System ist im Geo-Informationssystem GIS abgebildet, wie Per Just, Geschäftsleiter der SWG, erklärt. Und zwar sehr genau: Jahrgang, Material und Durchmesser aller Leitungen sind dort vermerkt.

Ein Teil der Leitungen für Wasser und Gas sind aus Duktilguss, einer Gusseisensorte, bei der der enthaltene Kohlenstoff in kugeliger Form vorliegt und die stahlähnliche mechanische Eigenschaften besitzt (Wikipedia). Die «jüngsten» dieser Leitungen wurden Ende der 80er-Jahre, Anfang 90er-Jahre eingebaut und korrodieren schneller als ursprünglich erwartet. Hält eine Leitung aufgrund einer korrodierten Stelle dem Druck nicht mehr stand, kommt es zu einem Leitungsbruch. Wie beispielsweise vor einigen Wochen an der Leuzigenstrasse, wo es zum Bruch einer Transportleitung kam und innert kürzester Zeit Hunderte Liter Wasser in die benachbarten Gebäude flossen.

Geringerer Druck in Gasleitungen

In erster Linie geht es dabei um Wasser- und Gasleitungen, die aus diesem Material sind. «Die Gasleitungen sind weniger heikel, da das Gas nur mit geringem Druck durch die Leitung fliesst «erklärt Just. Im Gegensatz zu den Gasleitungen mit 0,05 bar Druck müssen die Wasserleitungen bis zu 10 bar Druck aushalten.

Reparaturarbeiten an der Gasleitung.

Reparaturarbeiten an der Gasleitung.

Andreas Toggweiler

«Wir hatten anfänglich die Idee, einen sogenannten ‹Molch› durch die Leitungen zu schicken. Ein Gerät, das durch die Leitung fährt und sie dabei von innen prüft. Aber dieses Vorhaben mussten wir schnell aufgeben, da die Rohre zu eng und die entsprechenden Geräte zu gross waren», sagt Just. Bei der Suche nach einer Lösung sei man auf ein deutsches Start-up gestossen: die Firma Empit aus Berlin. Drei Physiker hatten 2015 die Firma gegründet und sich auf die Prüfung von Rohren und Leitungen spezialisiert. Am Anfang konnten nur freiliegende Rohre geprüft werden. Ein spezielles Gerät wurde um das Rohr montiert und mass dann auf seiner Fahrt Abweichungen in der Rohrwand.

Verfahren in Grenchen getestet

Das geht mit im Boden verlegten Leitungen natürlich nicht. Doch die Physiker entwickelten ein System, wie man das Problem lösen kann: Ein Abschnitt eines Rohrs wird unter Strom gesetzt. Die dabei entstehenden elektromagnetischen Felder können auch an der Oberfläche gemessen werden. Und gibt es im Magnetfeld eine Abweichung, weist das auf einen Schaden im Rohr hin. «Dieses Verfahren hat den grossen Vorteil, dass man nicht ganze Strassen aufreissen muss, sondern nur dort zu lochen braucht, wo ein Schaden festgestellt wurde.» Aber es setze natürlich eine möglichst genaue Abbildung des Leitungsnetzes voraus.

Die Firma war schon einmal in Grenchen tätig. Vor rund zwei Jahren unternahmen die Spezialisten erste Versuche mit der Oberflächenmessung – mit mässigem Erfolg, wie Just sagt: «Wir haben damals an einigen Stellen die Strasse vergebens aufgerissen, die Leitung war einwandfrei.»

Trefferquote markant gesteigert

In der Zwischenzeit haben die Berliner ihr System aber verfeinert und die Trefferquote liege jetzt nahezu bei 100 %, sagt Just.

Eigentlich war nur ein Kurzeinsatz der Deutschen geplant gewesen, aber die Coronakrise führte dazu, dass die dreiköpfige Equipe in der Schweiz hängenblieb. «Wenn sie nach Deutschland zurückgekehrt wären, hätten sie zuerst einmal 14 Tage in Quarantäne verbracht. Sie zogen vor, hierzubleiben.»

Statt einiger Tage blieben die Spezialisten nun mehr als einen Monat hier und verbrachten ihre Zeit mit Messungen des Grenchner Leitungssystems. «Wir haben sie dort messen lassen, wo das Schadenpotenzial am grössten war», erklärt Just. Das ganze Netz zu überprüfen wäre illusorisch, bestehen doch 50 Kilometer der insgesamt 170 Kilometer Wasserleitungen aus Duktilguss. 40 Kilometer von insgesamt 200 Kilometern Gasleitungsnetz sind aus diesem Material.

Auch nicht verzeichnete Leitungen gefunden

Und doch fanden die Jungs aus Deutschland etliche Stellen, an denen die Korrosion der Leitungswand so weit fortgeschritten war, dass ein Bersten unmittelbar bevorstand. Die SWG konnte so die defekten Stellen unmittelbar danach reparieren.

An einigen Stellen schlug die Software, mit der die Berliner die Magnetfelder berechnen, aber aus, ohne dass ein Schaden festgestellt wurde. Im Gegenteil: «Fast immer handelte es sich um ein Rohr, das die Leitung kreuzte, die sie am Messen waren. Das aber nirgends im GIS vermerkt war.» Das habe einmal mehr gezeigt, wie wichtig es sei, eine genaue Karte des Untergrunds zu haben, so Just.