Auf einer Geländeterrasse inmitten der Gemeinde Port wird eine Grossüberbauung realisiert. Wo früher Apfelbäume auf einer grossen Wiese standen, entstehen nun mehrgeschossige Blöcke, die zum Teil schon im Rohbau fertiggestellt sind.

Östlich davon stehen zwei Zelte, welche die Ausgrabungen schützen, die momentan im Gang sind und noch bis nächsten Sommer dauern. Hier ist man nämlich auf Überreste einer römischen Villa grösseren Ausmasses gestossen.

Keine römischen Funde vorher

Im Jahr 2010 stiess man erstmals auf römische Ziegel. In diesem definierten Gebiet waren bis dato keine römischen Befunde bekannt. Da auf der fraglichen Bellevue-Matte grössere Überbauungen geplant waren – sie ist im Besitz der Stadt Biel – wurde der archäologische Dienst des Kantons Bern hinzugezogen, der 2013 auf dem ganzen Gelände Sondierungen vornahm und auf die Überreste einer rund 2500 m2 grossen Anlage stiess. Im Ostteil entdeckte man erstmals römische Mauern. Die Rettungsgrabung begann 2014.

Im Zuge des letzten Jahres lösten mehrere Bauvorhaben weitere Grabungen westlich und nördlich aus. Man fand ein römisches Steingebäude sowie Vorgängerbauten aus Holz und Funde, die auf eine noch frühere Besiedlung aus keltischer Zeit schliessen liessen: So unter anderem eine Vorratsgrube und mehrere kleine Vertiefungen, in denen das Fundament von Trägerbalken eines Holzhauses ruhte. Aber auch Scherben von Tafelgeschirr aus frührömischer Zeit und einen mehr als neun Meter tiefen Brunnen, der aufgegeben und mit einem Granitblock verschlossen wurde.

«Es gibt in der Schweiz über 1000 römische Villen, die wir kennen. Weit über 100 alleine im Kanton Bern», sagte Christa Ebnöther, Professorin für Archäologie der Römischen Provinzen an der Uni Bern, welche mit ihrem Institut die archäologische Grabung begleitet. Diese hier in Port sei in zweifacher Hinsicht einzigartig. Denn, während die meisten der bekannten Villen aus dem 1. und 2. Jahrhundert nach Christus stammen, ist diese hier älter.

Wahrscheinlich war sie eine der ersten Villen, welche die Römer in der Deutschschweiz errichtet haben und wurde um die Zeit von Christi Geburt gebaut und in mehreren Etappen erweitert.

Noch bedeutender aber sei das Gebäude, das sich vorher an der Stelle befunden habe. Denn erste Funde lassen darauf schliessen, dass es sich um ein Holzgebäude der Römer handelt, das einer militärischen Nutzung diente. Und es stammt aus einer Zeit aus dem 1. Jahrhundert vor Christi Geburt, aus der es bisher wenige Funde gebe und über die man eigentlich nur aus den Schriften Cäsars wisse, so Ebnöther. «Dieser Fund ist sensationell.»

Die Schlacht von Bibracte

Wie man einst in der Schule lernte, beschlossen die Helvetier 61 vor Christus unter ihrem Führer Orgetorix, keltisch für König der Totschläger, dem Druck der Germanen von Norden her auszuweichen und nach Südfrankreich auszuwandern. 368 000 Helvetier, Tulinger, Bojer, Rauraker und Latoviker verbrannten drei Jahre später, was sie nicht mitnehmen konnten und zogen Richtung Gallien.

Gaius Julius Cäsar, der Oberbefehlshaber der römischen Truppen, liess die Rhônebrücke bei Genf zerstören und zwang die Helvetier und die anderen Stämme zu einem Umweg durch den Jura. Im Burgund schliesslich schlug er sie mit seinen Truppen vernichtend, verkaufte Tausende in die Sklaverei und schickte nur 122 000 Überlebende wieder zurück in die Schweiz.

Das «militärische» Gebäude unter der Villa lässt jetzt vermuten, dass entgegen der landläufigen Meinung, die römische Besiedlung des Gebiets sei vor allem Ende des ersten und im Lauf des 2. Jahrhunderts nach Christi erfolgt, bereits früher römisches Militär in der Gegend war. Genaueres wird man aber erst sagen können, wenn die nun freigelegten Überreste der römischen Villa erfasst und weggeräumt sind.

War es etwa ein Gasthof?

Die Villa selber hat imposante Ausmasse. Bisher freigelegt wurde insbesondere eine grosse Badeanlage, mit Badebecken, Umkleideräumen, beheizten Räumen mit Fussbodenheizung. Wahrscheinlich kuppelartig mit reich verzierten Wänden und Decken: Schutt mit Farbresten wurden zuhauf gefunden. Ebenso ein paar Fibeln – Spangen, um die Kleider zusammenzuheften im Umkleideraum, eine Wasser-Zu- und -abfuhr, eine Latrine und so weiter. Die Villa wurde aber schon in der zweiten Hälfte des 2. Jh. n. Chr. aufgegeben.

Welchen Zweck die Villa hatte, ob es sich hier um einen Gasthof oder die Privatvilla eines reichen Beamten handelte, kann noch nicht mit Bestimmtheit gesagt werden. Sie lag in der Nähe der wichtigen Wasserwege auf Bielersee und Zihl und der Landstrassen durch den Jura, aber auch zwischen der helvetischen Hauptstadt Avenches und dem Legionslager Vindonissa.

Der Bielersee reichte damals vielleicht bis nach Port, was auch den Namen der Gemeinde erklären würde: Lateinisch portus für Hafen, an dem reger Handel betrieben wurde. Unter den Fundstücken befinden sich beispielsweise Stücke von Weinamphoren aus Südfrankreich.
In den römischen Provinzen bildeten die Villen die Grundlage der Wirtschaft. Sie bestanden aus einem repräsentativen Gebäudekomplex für den Gutsherrn und einem ausgedehnten Wirtschaftsteil.

Auf einem römischen Landgut lebten und arbeiteten bis zu 200 Personen. Im Mittelland finden sich Villen vor allem auf Böden, in denen der Ackerbau einen guten Ertrag versprach. (sda)


Am «Tag der offenen Grabung» kommenden Samstag von 10 bis 16 Uhr kann die Bevölkerung die einstige Villenanlage besichtigen.