Reformierte Kirche

Reformierte Kirchen diskutieren in Grenchen über ihre Zukunft

Reformierte Kirche will Gottesdienste nach dem Publikum richten (Archiv)

Reformierte Kirche will die Menschen zum Thema machen. (Symbolbild)

Reformierte Kirche will Gottesdienste nach dem Publikum richten (Archiv)

Neue Wege für die Zukunft – an ihrer Gesprächssynode in Grenchen haben sich die Reformierten Kirchen Bern-Jura auf die Suche gemacht.

«Entweder die Kirche handelt aus der Perspektive des zunehmenden Beleidigtseins oder sie verbreitet die Botschaft von Freude und Hoffnung.» Matthias Drobinski, Inlandredaktor der «Süddeutschen Zeitung», hielt den Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn an ihrer Gesprächssynode den Spiegel vor. Zur Frage «Wie zukunftsfähig ist unsere Kirche?» fanden sich mehrere hundert Kirchenvertreter am Mittwoch zu Referaten und Diskussionen im Parktheater Grenchen ein.

Umkehrbarer Trend

Grundsätzlich ist Drobinski überzeugt, dass die Landeskirchen sich unter ihrem Wert verkaufen und ihr Potenzial nicht ausschöpfen. Deshalb sieht er, der seit Jahren hauptsächlich über Religion schreibt, keinen Grund, warum sie angesichts der Veränderungen in der Gesellschaft den Mut verlieren sollten. Mit einer Ladung Statistik zeigte er auf, wie die Kirchen in Deutschland und der Schweiz als Institutionen an Bedeutung verloren haben. «Die umfassende Entkirchlichung immer grösserer Teile der Bevölkerung» hält er für einen Trend, der sich nicht umkehren lässt.

In diesem Prozess haben die Kirchen gemäss Drobinski nicht nur Gottesdienstbesucher verloren, sondern auch die Armen. Wer den Kirchen heute die Treue hält, stamme aus einem ordentlichen, gutbürgerlichen Milieu und spreche eine Insidersprache, ohne die kein Gottesdienst verstanden werden könne. Ausgehend von den Bedürfnissen der Gesellschaft ermahnte er die Zuhörerschaft, nicht die Kirche, sondern die Menschen zum Thema zu machen. Dazu formulierte er eine Reihe von Wünschen. Etwa, sich nicht im Reformstress zu erschöpfen, die Stille zu suchen. Oder: Bekenntnis-Christen, nicht Institutions-Christen sein.

Das Beispiel St. Gallen

Eine praktische Umsetzung dieser Wünsche zeigte der St. Galler Kirchenratspräsident Dölf Weder nach der Kaffeepause auf. Im Jahr 2000 regte er in dieser reformierten Minderheitskirche einen Veränderungsprozess an, der bis mindestens 2015 dauern wird. Aus dem Glauben an die Vielfalt und der Überzeugung «man muss die Menschen nehmen, wie sie sind» gebe es heute unter den 55 Kirchgemeinden unterschiedliche theologische Schwerpunkte, die sich teilweise widersprechen. Zur Verbesserung der Qualität und Unterstützung der Pfarrer seien Arbeitsstellen für Pastorales, populäre Gottesdienstmusik und junge Erwachsene eingerichtet worden. Da eine Untersuchung ergeben hat, dass die kleinsten Kirchgemeinden bisher wenig von den Neuerungen profitiert haben, werden sie bis in vier Jahren zu grösseren Einheiten zusammengelegt.

Perspektive aus dem Polizeiauto

Mit der musikalischen Begleitung von Simon Jenny stimmten sich die Teilnehmenden mit Liedern auf Deutsch und Französisch für die Gruppendiskussionen ein, denen der Nachmittag gewidmet war. Der Synodepräsident, Robert Gerber, stellte im Namen der Kirchgemeinde Grenchen-Bettlach die Uhrenstadt vor. Dabei rührte er die Werbetrommel für die Tour de Romandie, die am Donnerstag stattfindet. Gerbers Fotoperspektive, die den Gästen die lokalen Besonderheiten vom Polizeiauto aus zeigte, kam gut an.

Arno Stadelmann, Bischofsvikar des Bistums Basel, versicherte den Reformierten, dass sich die Katholiken mit denselben Fragen konfrontiert sehen. Gottfried Locher erweiterte in seiner Grussbotschaft namens des Rates Schweizerischer Evangelischer Kirchen den Horizont bis in den Nahen Osten. Eben von einer Libanonreise zurückgekehrt, gab er zu bedenken, dass die Christen im syrischen Kriegsgebiet derzeit nicht nach dem «Wie» der Zukunft fragen. Sie wissen nicht, ob sie überhaupt eine Zukunft haben.

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