Stadtentwicklung
Quartierverbesserung kommt wieder aufs Tapet

Behörden und Politik wollen gemeinsam mit Eigentümern Radikalschnitt in Problemquartieren vollziehen. Die billigen Mieten und der Zustand einiger Liegenschaften ist für die Stadt Grenchen zum Problem geworden.

Patrick Furrer
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Solothurner Zeitung

«Wir müssen sorgfältig und besonnen vorgehen», sagt Stadtbaumeister Claude Barbey. Alle bisherigen Verbesserungsmassnahmen in den als Problemquartiere verschrienen Gegenden hätten nur teilweise und nicht dauerhaft Wirkung gezeigt.

Die billigen Mieten und der Zustand einiger Liegenschaften ist für die Stadt Grenchen zum Problem geworden, denn zwischen dem Wohnungsangebot und der sozialen Migration wird ein direkter Zusammenhang festgestellt. Kurt Boner, Leiter der Sozialen Dienste Oberer Leberberg (SDOL), hat bereits verschiedentlich erklärt, dass (zu) viel Sozialgeld in solche Quartiere fliesse. Die Zuzüge direkt in die Sozialhilfe aus anderen Gemeinden haben sich innert drei Jahre markant um über 40 Prozent erhöht – ein Grund für die Attraktivität für Sozialhilfebezüger sind eben die günstigen Wohnungen.

In einem gemeinsamen Schreiben haben die SDOL und die Baudirektion im Frühling Stadtpräsidium, Fraktionsvorsteher und Abteilungsleiter gewarnt, dass dringend etwas unternommen werden müsse (wir berichteten).

Abreissen und neu bauen

Das Thema der Quartierentwicklung kommt nun wieder aufs Tapet. Eine erste Vorlage wird an einer der nächsten Gemeinderatssitzungen behandelt werden. Was die Behörden der Politik vorschlagen, ist ambitiös und nicht unheikel: Im Fokus liegen nicht ganze Quartiere, sondern bewusst gewählte Teile davon.

Zur Diskussion steht insbesondere das Viertel Monbijou–Bielstrasse–Karl Mathy Strasse. SDOL und Baudirektion kommen zum Schluss, dass nur mit einer radikalen und konsequenten Erneuerung des Immobilienparkes auch eine Trendwende in der sozialen Struktur erwirkt werden kann. Das heisst konkret: Die Liegenschaften, bei denen der Zeitpunkt einer Reinvestition verpasst worden ist, sollen abgerissen werden und an ihrer Stelle neue, zeitgemässe Wohnungen entstehen, vielleicht sogar mit einem Gesamtinvestor.

Vielerorts erscheine als klügste Lösung ein Abbruch, um mit dem freien Grundstückswert und einer Bebauung eine neue Basis zu legen. «Wir wollen keinen Druck machen, sondern gemeinsam mit allen Beteiligten an einer Lösung arbeiten, von der letztlich alle profitieren», erklärt Stadtbaumeister Barbey. Gezwungen werden können die Eigentümer zu nichts. «Deshalb suchen wir den Dialog. Obwohl es einige Eigentümer gibt, die unserer Idee sicher kritisch gegenüber stehen, gibt es auch einige, die ganz froh wären, wenn etwas geschieht. So könnten wir eine Lösung erarbeiten, die letztlich der Quartier- und der Stadtentwicklung zugute kommt, denn ein einzelner Eigentümer hat kaum mehr Chancen alleine etwas zu verbessern.» Auch bestehende Parkplatzprobleme könnten unter Umständen im gleichen Zug gelöst werden. Dafür soll der Gemeinderat der Baudirektion den Auftrag erteilen, den Dialog mit den Eigentümern für «eine nachhaltige Quartierentwicklung» zu suchen und Massnahmen zu prüfen. Eine Anschubfinanzierung von 25000 Franken ist für eine externe Begleitung vorgesehen. «Die detaillierten Massnahmen werden noch erarbeitet», sagt Claude Barbey. Man wolle erst mit einem guten und allgemein verträglichen Lösungsansatz an die Eigentümer treten. Auch Stadtpräsident Boris Banga unterstützt die Ideen: «Die Probleme sind vor allem baulicher und gestalterischer Natur. Wobei man die Sache allerdings nicht generalisieren darf, es geht immer nur um Teile von Quartieren.» Viele, vor allem auswärtige Eigentümer hätten es verpasst, ihre Liegenschaften rechtzeitig zu sanieren.

Gemeinsam statt gegeneinander

Dennoch: Nicht alle Parteien erachten es als Aufgabe der Stadt, sich in die Privatwirtschaft einzumischen. Doch für die Baudirektion und die Sozialen Dienste steht nicht diese Frage im Vordergrund, sondern jene, wie man die Zukunft der heute problembehafteten Quartiere sichern kann. «Man sollte sich fragen: Wo stehen diese Quartiere in 10 Jahren?», sagt Claude Barbey. «Dann wird klar, dass man den Mut haben muss, etwas zu unternehmen.» Ein schnelles Handeln sei angezeigt und liege im übergeordneten städtischen Interesse, heisst es auch in der Vorlage für den Gemeinderat. «Handlungsbedarf besteht», sagt Stadtpräsident Boris Banga. Oder wie es in einer Bildlegende der Vorlage weiter heisst: «Stimmungsbilder aus dem heutigen Lingeriz: Wer nicht muss, wird nicht hier wohnen.»

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