Dienst am Nächsten

Profis helfen unentgeltlich - «Mit Empathie allein kommt man nicht weit»

Fredo Reinhard, Leiter der Anlaufstelle, in seinem Büro an der Mühlestrasse. Andreas Toggweiler

Fredo Reinhard, Leiter der Anlaufstelle, in seinem Büro an der Mühlestrasse. Andreas Toggweiler

Der neue Hilfsverein Dienst am Nächsten, der von drei Kirchgemeinden getragen wird, deckt ein Bedürfnis ab. Er bietet mit der Anlauf- und Beratungsstelle Grenchen ein niederschwelliges Angebot für Leute, die Rat suchen.

Oft sind es kleine Dinge, die einen Menschen aus dem Gleichgewicht bringen: Knatsch mit dem Chef, ein Brief der Versicherung, der sich durch mangelnde Sprachkenntnisse zur Bedrohung auswächst, oder ein überzogenes Bankkonto. Unbürokratische und unentgeltliche Unterstützung bietet in solchen Fällen die Anlauf- und Beratungsstelle Grenchen an der Mühlestrasse.

«Es ist erstaunlich, wie viele Probleme sich in nur einer Sitzung lösen lassen. Manchmal genügt sogar ein einziges Telefongespräch mit einem Amt oder Vermieter», sagt Fredo Reinhard, der die Anlaufstelle leitet. «Uns ist aufgefallen, dass es in Grenchen viele spezialisierte Fachstellen gibt, aber kein niederschwelliges Angebot für Leute, die allgemein privat oder beruflich Rat suchen.» Er sieht das Projekt als Ergänzung zu den Fachstellen.

So kam es letzten Herbst zur Gründung des Vereins DaN (Dienst am Nächsten), der die Anlaufstelle seit dem 3. November 2014 betreibt. Getragen wird der Verein von drei örtlichen Kirchgemeinden, der reformierten Kirchgemeinde, der evangelisch-methodistischen Gemeinde und der BewegungPlus, in deren Räumen an der Mühlestrasse 9 die Beratungsstelle ihr Domizil hat. Präsidiert wird der Verein DaN vom reformierten Pfarrer Marcel Horni.

Guter Wille allein reicht nicht

Betrieben wird die Anlaufstelle von einem siebenköpfigen Team von Fachleuten. Diese stellen dafür ihre beruflichen Kompetenzen auf ehrenamtlicher Basis zur Verfügung. Derzeit umfasse das Team Profis aus dem Sozialbereich, Lehrkräfte und einen Versicherungsfachmann, erklärt Fredo Reinhard, ausgebildeter Sozialpädagoge und Pfarrer der BewegungPlus. 

Das lässt auch die Nachfrage vermuten. Rund 80 Dossiers seien es bisher, wobei etwa 200 Gespräche geführt worden seien. Die Gespräche finden nach Voranmeldung jeweils am Montag sowie jeden zweiten Freitag statt. Bisher habe die Anlaufstelle Budgetberatungen durchgeführt, Deutschunterricht organisiert, Gewaltopfern beigestanden, Streit geschlichtet, Lösungen nach Kündigungen erarbeitet sowie Kündigungen verhindern können.

Überweisung an Fachstelle

Ungefähr drei Viertel der Familien und Einzelpersonen, die hier Hilfe suchen, haben nach Aussage des Stellenleiters einen Migrationshintergrund. Rund die Hälfte der Fälle lasse sich in einer Sitzung klären, nach fünf Sitzungen sei in der Regel Schluss. Personen, die weiterhin Unterstützung benötigen, werden an eine geeignete Fachstelle überwiesen und allenfalls dorthin begleitet.

Die Professionalität der Mitarbeitenden helfe bei der Triage und biete zugleich Schutz vor Überforderung, ist Reinhard überzeugt. Umgekehrt erhalte die Anlaufstelle Klienten von Fachstellen vermittelt, die dort durch die Maschen fallen. Die Sozialen Dienste hätten die Unterstützung durch die Beratungsstelle sofort gut aufgenommen, freut sich Reinhard, andere Stellen hätten sich anfänglich zurückhaltend gezeigt, fassten nun aber Vertrauen.

Der Leiter der Sozialen Dienste Oberer Leberberg, Kurt Boner, äussert sich positiv über ergänzende Angebote zum gesetzlichen Auftrag der Fachstellen. «Bei dieser Anlaufstelle leisten sie offensichtlich gute Arbeit – vermutlich auch in der Prävention, selbst wenn sich der Erfolg nicht genau beziffern lässt. Ansonsten würde das Angebot nicht genutzt.» Dass Profis am Werk sind, begrüsst Boner: «In diesem Bereich kommt man mit Empathie allein nicht weit.»

Dass es nach dem gelungenen ersten Jahr weitergeht, steht fest. Für die Ausgestaltung des Angebots bleibe man weiterhin eine lernende Organisation, erklärt Hans Eschler, Vorstandsmitglied im Trägerverein DaN vonseiten der Evangelisch-methodistischen Gemeinde Grenchen. «Wir suchen weiterhin Fachkräfte, die das Team verstärken. Von ihnen hängt es ab, was die Beratungsstelle auf ehrenamtlicher Basis leisten kann und was nicht.»

Anlauf- und Beratungsstelle Grenchen: Die Beratung findet nach Terminvereinbarung an der Mühlestrasse 9 statt und ist gratis. Telefon: 079 520 74 09, E-Mail: anlaufstelle-grenchen@gmail.com, www.anlaufstelle-grenchen.ch

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