Grenchen
«Plexiglas ist das neue WC-Papier» – Werbeagentur hat in der Krise umgesattelt

Die üblichen Nachfragen sind völlig zurückgegangen. Die Grenchner Werbeagentur T-Rex profitiert jetzt von der sprunghaft gestiegenen Nachfrage nach Schutzscheiben.

Daniela Deck
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Die sonstigen Aufträge für die Grenchner Werbeagentur T-Rex sind wegen Corona storniert worden.
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Jetzt wird auf Plexiglas gesetzt.
Marcel Hartmann bearbeitet eine Plexiglasscheibe für einen Kunden aus dem Gastgewerbe.
Zuschneiden, biegen und beschriften, das ist beim Spuckschutz gefragt. Verarbeitet werden dafür meist dünne Scheiben in einer Stärke von drei bis fünf Millimeter.
Zur Ladenöffnung des Grenchner Gewerbes hat die Agentur für die Stadtpolizei diese Kleber designt.

Die sonstigen Aufträge für die Grenchner Werbeagentur T-Rex sind wegen Corona storniert worden.

Tom Ulrich/fotomtina.ch

Plexiglas heisst das Gebot der Stunde. Ob am Schalter oder an der Kasse: Die Scheiben dienen der Gesellschaft auf dem Weg zurück zur Normalität als Leitplanken. Davon profitiert in Grenchen die Werbeagentur T-Rex, die sich in letzter Minute einen Vorrat des begehrten Materials sichern konnte.

«Wenn wir die Nachfrage nach Plexiglas nicht hätten, müssten wir Däumchen drehen. Denn sämtliche unserer üblichen Aufträge wurden storniert», sagt Marcel Hartmann, Inhaber der Agentur «T-Rex Werbung & Beschriftung». Aktuell würden die Anlässe im August abgesagt und nach einer Trendwende sehe es im Unterhaltungs- und Sportsektor nicht aus.

Spezialwerkzeug für die Scheiben gekauft

So beschäftigt ist Hartmann, dass er während des Gesprächs weiterarbeitet. Bis zum Abholtermin einer ganzen Ladung von Scheiben samt zugehörigen Ständern hat er nur noch wenig Zeit. Zuschneiden, biegen und beschriften, das ist beim Spuckschutz gefragt. Verarbeitet würden dafür meist dünne Scheiben in einer Stärke von drei bis fünf Millimeter, ohne UV-Schutz, erklärt er. Als Plexiglas bloss ein Material unter vielen war – bis vor ungefähr drei Wochen – bearbeitete Hartmann es mit seinen Laser-Werkzeugen, die auch für Rohmaterialien wie Holz, Gummi und Keramik zum Einsatz kommen. Inzwischen hat er sich ein Spezialwerkzeug gekauft, mit dem sich Plexiglasscheiben schneller und einfacher biegen lassen.

Ein Draht in der modernen Werkbank erhitzt die Linie, an welcher die Scheibe geknickt werden soll. Dann biegt Hartmann die Kunststoffplatte entlang einem schweren Industrie-Lineal auf dem Ar- beitstisch bis zum gewünschten Winkel, oft rechtwinklig. Da ist einiges an Körperkraft gefragt. Für den gelernten Maurer und seit bald einem Vierteljahrhundert passionierten Werbetechniker ist das kein Problem. Er ist ein Hüne. Das Markenzeichen des gebürtigen Meinisbergers, abgesehen von seinem langen Rossschwanz: Er ist am liebsten barfuss unterwegs und arbeitet, wenn immer möglich, auch so.

Er sieht sich als «Büezer mit Ideen»

«Eigentlich wollte ich nicht auf den Zug mit dem Plexiglas aufspringen», sinniert Hartmann, als er einen Stapel undurchsichtiger Ständerelemente für die Scheiben zusammenstellt. Doch dann habe ihn ein Stammkunde dringend darum gebeten, und inzwischen ist er dankbar um die Beschäftigung. Es war, was die Beschaffung des Rohma­terials angeht, fünf vor zwölf. «Inzwischen sind die passen-den Plexiglasbestände in der Schweiz ausverkauft und vielleicht sogar in ganz Europa», sagt Hartmann.

Tatsächlich zeigt die Abfrage im Onlineshop von Obi, dass von diversen Plexiglasplatten nur noch Einzelstücke erhältlich sind.

«Plexiglas ist das neue WC-Papier», gibt Hartmann seine Partnerin, Tania Conte, in Anlehnung an die Hamsterkäufe vor zwei Monaten recht und lacht. Sie ist gelernte Bijouterie-Verkäuferin und als Desi­nerin von Schmuck und Gebrauchsgütern ebenso kreativ wie er in seiner Sparte. Wobei sein Aktionsradius von der Kaffeetasse bis zur Blache reicht, die eine ganze Hausfassade abdeckt. Hartmann stellt freundlich und unmissverständlich klar: Er sieht sich als Handwerker, als Büezer mit einem Haufen guter Ideen.

Gelegentlich auch nachts im Atelier

Damit diese Ideen Realität werden, ist das Paar unermüdlich am Tüfteln und steckt mit den Freelancern, Steinbildhauer, Grafiker usw. die Köpfe zusammen. «Ich könnte nicht arbeiten, wenn ich nicht hier, direkt beim Atelier, wohnen würde», sagt Hartmann. «So kann ich auch einmal nachts aus dem Bett steigen und die Maschinen anwerfen, um etwas auszuprobieren. «Wenn ich eine Idee habe, lässt sie mir doch keine Ruhe – ausser am frühen Morgen. Da ist von uns nichts zu wollen.»

Deshalb ist für das Paar das Haus an der Wandfluhstrasse, das die beiden von Freunden mieten, ein Glücksfall. Es handle sich um die alte Liegenschaft der Feller Pivotages. Im Erdgeschoss befindet sich das Atelier mit mehreren hohen Räumen unterschiedlicher Grösse, ideal für verschiedene Werkzeuge und Arbeitsplätze. Die grössten Maschinen befinden im Vollenweider-Areal an der Tunnelstrasse.

Nur etwas sucht man im T-Rex-Atelier vergeblich, eine Abbildung von T(yrannosaurus)-Rex. «Der Name entstand vor 23 Jahren bei einer Flasche Champagner auf Mykonos», erklärt Hartmann. Die Idee dahinter: Werbung mit Biss an­bieten.

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