Flughafen Grenchen
Pistenverlängerung: Alles halb so schlimm, findet der Kanton

Die Pistenverlängerung ist aus rein rechtlicher Sicht nicht so dringlich, wie es von den Betreibern stets erklärt wird. Wurden die Solothurner Behörden hinters Licht geführt?

Sven Altermatt
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In Landwirtschaftsland gebaut: Piste des Flughafens Grenchen.

In Landwirtschaftsland gebaut: Piste des Flughafens Grenchen.

Hanspeter Bärtschi

Bei den Planungen zur Pistenverlängerung am Flughafen Grenchen kann man schnell einmal den Überblick verlieren. Da ist die Regierung, die eine Pistenverlängerung nach Osten bevorzugt. Da sind aber auch Umweltverbände, Landwirte und von Überflügen betroffene Gemeinden. Sie wollen den Ausbau verhindern. Manche um jeden Preis.

Doch nun ist eine ganz andere Frage ins Zentrum gerückt: Seit wann gelten die Vorschriften, dass Flugzeuge beim Starten und Landen mehr Reserven brauchen? Die Flughafenbetreiber begründen die Pistenverlängerung nämlich gerne mit flugrechtlichen Normen, die 2008 in Kraft getreten seien. 2008? «Im Jahr 2008 sind keine Normen in Kraft getreten, die Grund für eine Pistenverlängerung sein könnten.» Das schreibt Peter Müller, Direktor des Bundesamts für Zivilluftfahrt (Bazl), in einem E-Mail an Peter Brotschi. Der Grenchner Pilot und Kantonsratspräsident war ob dieser Antwort ziemlich überrascht (wir berichteten). Zwar seien 2008 die Sicherheitsanforderungen für gewerbsmässige Flüge angepasst worden, hält der Bazl-Chef fest. Grund für eine Pistenverlängerung sei das jedoch nicht.

«Etwas hochgespielt»

Auch der Regierungsrat schreibt in einer Medienmitteilung vom 20. Mai: «Eine Pistenanpassung ist notwendig, weil in der Schweiz auf Flugplätzen seit 2008 höhere EU-Sicherheitsbestimmungen anwendbar sind.» Hat sich der Kanton von den Flughafenbetreibern hinters Licht führen lassen? Bernard Staub, Chef des kantonalen Amts für Raumplanung, will davon nichts wissen. «Fakt ist, dass die Piste nicht mehr den heutigen Anforderungen entspricht.» Geht es nach Staub, wird «da gerade etwas hochgespielt». Trotzdem will er das Bazl um eine Klärung bitten.

Flughafen-Sprecher Charles Riesen räumte vorgestern gegenüber dieser Zeitung ein, dass die Vorschriften für die Pistenverlängerung bereits seit 1997 gelten. Grössere Flugzeuge können seither nicht mehr vollbetankt starten. Für Riesen ist klar: Mit der ersten Pistenverlängerung vor 15 Jahren ist das Problem noch nicht vollständig gelöst worden. Der Bedarf nach Business-Flügen mit Jets oder Turbopropeller-Flugzeugen sei stark gestiegen. «Es sind unsere Kunden, die eine Verlängerung wünschen.» Gemäss Riesen verweise man immer auf neuste Bestimmungen, und diese stammen aus dem Jahr 2008.

Auf andere angewiesen

Tatsächlich ist die Passagierluftfahrt eine Welt mit Tausenden Vorschriften. Für Nicht-Aviatiker sind diese kaum überblickbar – und offenbar auch nicht für Fachleute beim Kanton. Deshalb sei man bei einem Projekt dieser Tragweite auf das Fachwissen anderer angewiesen, erklärt Amtschef Staub. «Es ist üblich, dass wir uns auch auf Angaben und Ingenieurgrundlagen des Projekt-Urhebers stützen.»

Pikant ist allerdings: Die von Staub und Baudirektor Roland Fürst (CVP) verbreiteten Faktenblätter stammen direkt aus der Feder der Flughafenbetreiber. «Auch das ist nichts Aussergewöhnliches», sagt Staub. Immerhin räumt der Amtschef ein, dass es «in der öffentlichen Wahrnehmung» wohl nicht besonders geschickt gewesen sei, die Papiere mit dem Logo des Flughafens zu verbreiten.

Nichts in Stein gemeisselt

Auf eine Feststellung legt Staub besonders Wert: Das vom Regierungsrat gestartete Planungsverfahren werde ergebnisoffen geführt. «Es ist noch lange nicht klar, ob die Piste verlängert wird.»

In einem Vorverfahren können alle betroffenen Verbände, Gemeinden und Behörden ihre Stellungnahme abgeben. Die Ergebnisse werden in einem Protokoll festgehalten. Aufgrund dessen wird die Regierung entscheiden, ob die Flughafenpiste ausgebaut werden darf. «Bei Kontroversen müssen die Flughafenbetreiber alle Fakten offenlegen», versichert Staub. Erste Sitzungen haben diese Woche stattgefunden.