Region Grenchen

Pilotversuch startet: Jetzt holen die Pöstler Lebensmittelspenden ab

Früchte, Gemüse und Milchprodukte dürfen nicht abgegeben werden. (Archiv)

Früchte, Gemüse und Milchprodukte dürfen nicht abgegeben werden. (Archiv)

In der Region Grenchen startet die Organisation Tischlein Deck dich zusammen mit der Post einen Pilotversuch: Ab heute Mittwoch holen die Pöstler auch bei Privaten nicht gebrauchte Lebensmittel.

Die Idee ist bestechend: Hat man Lebensmittel zu Hause, die man nicht braucht, weil sie zu viel Platz wegnehmen oder weil man weiss, dass man die beispielsweise in einer Aktion gekaufte zusätzliche Tube Mayonnaise oder das Pack Teigwaren nicht innerhalb der Haltbarkeitsspanne vertilgen wird, kann man diese neuerdings in eine Tasche packen, mit einem speziellen Kleber versehen und draussen neben den eigenen Briefkasten stellen. Der Pöstler nimmt die Tüte dann mit und «Tischlein deck dich» holt die Waren dann bei der Postverteilstelle ab.

Man betritt Neuland

Die gemeinnützige Organisation startet zusammen mit der Post ab heute einen entsprechenden Pilotversuch in Bettlach, Selzach und Pieterlen. Ende Monat kommen Grenchen, Lengnau und weitere Gemeinden der Umgebung dazu.

Für Tischlein deck dich sei das gemeinsame Projekt eine gute Sache, erklärt Mina Dello Buono, Mediensprecherin der Organisation. Aber man betrete absolutes Neuland. «Mit diesem Pilotprojekt haben wir nun die Möglichkeit, etwas Neues auszuprobieren und Privathaushalte weiter für das Thema Food Waste zu sensibilisieren. Denn in Haushalten werden am meisten Lebensmittel verschwendet.

Der Fokus von Tischlein deck dich liegt aber weiterhin bei Produktspenden aus dem Detailhandel, der Lebensmittelindustrie und der Landwirtschaft.» Damit schaffe man auch eine niederschwellige Art, Lebensmittel zu spenden. «Es können sich auch Nachbarn zusammentun und gemeinsam eine Tasche füllen.»

Nichts Gekühltes

Allerdings sind die Spenden mit Auflagen verbunden. Denn Tischlein deck dich muss das Lebensmittelgesetz einhalten. Grossverteiler können bei der Organisation auch Gemüse und Frischwaren abliefern, so lange sie noch im Haltbarkeitsdatum sind. Das ist für Private nicht möglich. Beispielsweise Reis, Teigwaren, Öl, Essig, Mehl, Zucker, Salz, Schokolade und Konserven, alles noch originalverpackt und innerhalb der Haltbarkeitsspanne können gespendet werden. «Die Kühlkette könnte bei diesem Pilotversuch nicht garantiert werden, wie das bei Grossverteilern der Fall ist. Deshalb können wir von Privathaushalten kein Fleisch oder Milchwaren, aber auch kein Gemüse oder Obst entgegennehmen», so Dello Buono.

Aber, und das sei in der heutigen Zeit wichtig, auch Privatpersonen können mit ihrer Spende so ein Zeichen setzen gegen Lebensmittelverschwendung – Food Waste – und gleichzeitig armutsbetroffenen Menschen helfen. Bei Tischlein deck dich, das in Grenchen eng mit dem Netzwerk Grenchen und Prowork zusammenarbeitet, werden dann die Einkaufstaschen geleert und der Inhalt sortiert. Wie viel Aufwand das bedeute, könne man zurzeit noch nicht beurteilen.

Post sucht nach Lösungen

Bei der Post liegt die Motivation woanders, wie Post-Sprecherin Léa Wertheimer sagt. Seit nunmehr 10 Jahren gebe es einen starken Mengenrückgang bei der Briefpost, alleine letztes Jahr sei der Anteil um rund vier Prozent gesunken. Dies nicht zuletzt wegen der elektronischen Briefzustellung, sprich E-Mail. Dieser Trend werde sich nicht umkehren lassen, sondern im Gegenteil eher noch verstärken. «Das bedeutet, dass wir einerseits herausfinden müssen, wie wir die wegbrechenden Erträge kompensieren können und andererseits, wie wir unsere Zusteller besser auslasten und so auch Arbeitsplätze sichern können.»

Der grosse Vorteil der Post sei nämlich der, dass diese an sechs Tagen die Woche rund 4,1 Millionen Haushalte in der Schweiz direkt an der Tür aufsuchten. «Wir wollen diesen Vorteil ausnützen und Dienstleistungen auf der letzten Meile anbieten.» Beispielsweise gebe es im Bündnerland nach der Fusion einiger Gemeinden eine Aufhebung von zentralen Sammelstellen. «Statt dass Private nun weit fahren bis zur nächsten Sammelstelle, kann man dem Pöstler nun dort das Altpapier mitgeben.»

Auch im Zürcher Oberland laufe ein Versuch, bei dem man Kleinmaterial, wie Bücher, Geschirr oder Ähnliches für die Brockenstube dem Postboten mitgeben könne, statt die Dinge selber hinzubringen. Und mit dem neuen Pilotversuch mit Tischlein deck dich könne man auch etwas gegen Food Waste tun, eine gute Sache. «Was wir nämlich am besten können, ist Logistik. Und wir sind mit unseren Zustellern direkt bei unseren Kunden.»

Überall in Europa

Dass die Post zukünftig andere Betätigungsfelder suche, sei ein europaweiter Trend, erklärt Wertheimer: «In Finnland beispielsweise plant die Post, dass ihre Boten Postboten auf Wunsch auch den Rasen mähen. In Frankreich besuchen Postboten ältere Menschen, verweilen eine Zeit lang bei ihnen und leisten ihnen so Gesellschaft.»

Dieser Flyer liegt heute in vielen Briefkästen der Region. Darauf wird genau beschrieben, was zu tun ist und was gespendet werden darf.

Dieser Flyer liegt heute in vielen Briefkästen der Region. Darauf wird genau beschrieben, was zu tun ist und was gespendet werden darf.

Ab heute werden die abgebildeten Flyer in alle Haushalte verteilt. Mit Lebensmitteln gefüllte Taschen dürfen maximal 10 Kilogramm wiegen. Die den Flyern beigelegten Kleber müssen auf die Einkaufstaschen geklebt werden, denn ohne diese nimmt der Pösteler die Tasche nicht mit. Der Dienst ist nämlich nicht gratis: Die Post verrechnet der Organisation Tischlein deck dich einen Tarif – wenn auch einen günstigen – für das Einsammeln der Taschen.

Der Pilotversuch, der bis Ende Januar 2018 laufen soll, beginnt vorerst in den Gemeinden Bettlach, Pieterlen und Selzach und wird Ende November, Anfang Dezember auf Grenchen, Lengnau und Umgebung ausgeweitet. Auch die Berner Gemeinde Ostermundigen wird im Dezember dazustossen. Gerade in der Vorweihnachtszeit dürften sich viele Leute über die Möglichkeit freuen, auf direktem Weg mit den Lebensmittelspenden etwas Gutes zu tun.

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