Emotionaler Abschied

Pfarrer Mario Tosin hält seinen letzten Gottesdienst in Grenchen

Mario Tosin, Pfarrer der röm.-kath. Pfarrei St. Eusebius verlässt nach 16 Jahren Grenchen und übernimmt das Pfarramt St. Clara im Kleinbasel, dort, wo der heute 64-Jährige aufgewachsen ist. Letzten Sonntag wurde er verabschiedet und sagte selber adieu – nicht ohne Emotionen.

In einem feierlichen Gottesdienst am Sonntagmorgen erlebte der Geistliche die erste Überraschung schon vor dem Einzug in die Kirche: Die Zahl der anwesenden Ministrantinnen und Ministranten übertraf seine Erwartungen um ein Vielfaches, hatten sich doch eine ganze Reihe seiner ehemaligen Zöglinge zum Abschiedsgottesdienst eingefunden, um ihn beim Einzug zu begleiten. Die Eusebiuskirche war fast bis auf den letzten Platz besetzt mit Kirchgängern, die von ihrem Pfarrer Abschied nehmen wollten.

Nach der Eucharistiefeier, die Tosin trotz sichtlicher Nervosität und Anspannung souverän leitete, trat Pastoralassistentin Gudula Metzel ans Pult, um Pfarrer Tosin zu verabschieden. Sie rief Tosins Werdegang in Erinnerung, beschrieb ihn als Einen, der stets auf der Suche nach dem Ursprünglichen ist. Metzel sprach von der heilen Welt, die er für seine Umgebung schuf. Vom Gastgeber am blankpolierten Holztisch, für den Essen und Trinken weit mehr ist, als nur reine Verpflegung, sondern Ausdruck eines Schaffens von Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft, die man regelmässig pflegte. «Dies ist nicht nur ein Tag des Abschiednehmens, sondern auch ein Tag, an dem wir unsere Gemeinschaft vertiefen.» Sie wünschte dem Pfarrer, dass er auch am neuen Wirkungsort eine Gemeinschaft antreffe, die ihn trage und erfülle.

Die nächste Überraschung, nicht nur für den Pfarrer, sondern für die meisten Besucherinnen und Besucher des Gottesdienstes, war die Grenchner Sopranistin Amelia Scicolone, die extra für den Abschiedsgottesdienst angereist war. Von der Empore klang das «Tu Virginum Corona», der dritte Satz aus «Exultate jubilate» für Sopran und Orchester von Wolfgang Amadeus Mozart. Die Sopranistin, die am Nationaltheater Mannheim engagiert ist und noch am selben Abend dort den Tebaldo in Verdis Don Carlo zu singen hatte, überzeugte mit ihrer glasklaren, Stimme und ihrem weichen timbre. «Für mich war das selbstverständlich, dass ich für Pfarrer Tosin nach Grenchen komme, als ich angefragt wurde», meinte sie später. Nur, viel Zeit habe sie nicht, da sie den Zug erwischen müsse, um rechtzeitig wieder in Mannheim zu sein.

Ein schwieriger Gottesdienst

«Dass dies einer der schwierigsten Gottesdienste sein wird in den 16 Jahren hier in Grenchen, das wusste ich schon vorher», meinte schliesslich ein sichtlich aufgewühlter Mario Tosin, als er sich am Schluss des Gottesdienstes an seine Gemeinde, die Pfarreimitglieder und die Vertreter der katholischen Kirchgemeinde wandte. Er habe in letzter Zeit emotionale Wechselbäder erlebt.

16 Jahre sei man nun gemeinsam unterwegs und habe Freud und Leid geteilt. Eine lange Zeit. Einige der Ministranten, die ihn heute begleitet hätten, habe er sogar selber getauft. Viele Leute in der Gemeinde seien ihm ans Herz gewachsen. Und von vielen habe er sich auch verabschieden müssen, auch von jungen Menschen, die gestorben seien. Man müsse den Mut aufbringen, alles zu teilen, die Freude und das Leid, im Vertrauen auf Gott.

Die 16 Jahre in Grenchen seien eine schöne und intensive Zeit für ihn gewesen, meinte Tosin. Er habe die Nähe zu seinen Mitmenschen und den Leuten in der Kirchgemeinde gelebt. «Manchmal gelingt das etwas besser, manchmal etwas weniger gut, so wie das in einer Ehe auch der Fall sein kann.»

Grenchen sei für ihn zu einem Stück Heimat geworden, er habe hier viel erlebt und auch viel gelernt, auch wenn er unüberhörbar Basler geblieben sei. «Für mich war eigentlich klar, dass ich in Grenchen pensioniert werde. Aber es gab grössere und kleinere Zeichen für mich, dass es mich jetzt noch woanders braucht. Deshalb gehe ich zurück in meine Heimat.» Das heisse aber nicht, dass er jetzt Grenchen komplett den Rücken kehre. «Es ist nicht so, dass ich bloss darauf gewartet habe, dass in Basel eine Stelle frei wird», versicherte Tosin. Hier in Grenchen habe er gute Freunde gewonnen und man werde ihn sicher ab und zu hier antreffen.

Tosin bedankte sich beim Dienst, bei der Kirchgemeinde und der Behörde für die gute Zusammenarbeit. Und er gab seiner Hoffnung und seinem Wunsch Ausdruck, dass man die Eucharistiefeier weiterhin pflege und wann immer möglich am Sonntag gewährleiste.

Kirchgemeindepräsident Alfred Kilchenmann würdigte Mario Tosin und überreichte dem scheidenden Pfarrer ein Geschenk in Form eines Möbelgutscheins zur Einrichtung des Domizils in Basel. Der Kirchgemeindepräsident erwähnte die Anstrengungen, die man unternommen habe, um einen Nachfolger zu finden. Angesichts des Priestermangels in der katholischen Kirche müsse man aber davon ausgehen, dass die Pfarrei St. Eusebius wohl noch einige Zeit ohne Pfarrer bleibe.

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