Auszeit
Pfarrer aus Grenchen «wollte mit den Händen arbeiten» und versuchte sich als Müllmann

Am Seniorennachmittag der Reformierten Kirchgemeinde hielt der Nidauer Pfarrer Bruno Wiher einen aussergewöhnlichen Erfahrungsbericht. Während einem halben Jahr arbeitete der Pfarrer als Müllmann, Baggerfahrer, Restaurantküchengehilfe und Hilfsconfisseur.

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Pfarrer Bruno Wiher arbeitete in seinem Sabbatical unter anderem bei der Müllabfuhr.

Pfarrer Bruno Wiher arbeitete in seinem Sabbatical unter anderem bei der Müllabfuhr.

zvg

Beim Seniorennachmittag der Reformierten Kirchgemeinde gab es neben der üblichen geselligen Runde einen ungewöhnlichen Erfahrungsbericht. Bruno Wiher, Grenchner und Pfarrer in Nidau, gab Einblick in seine Erlebnisse abseits der Kanzel. Sein halbjähriges Dienstaltergeschenk (Sabbatical) setzte er vor einigen Jahren ein, um als Müllmann, Baggerfahrer, Restaurantküchengehilfe und Hilfsconfisseur in Arbon (TG) (dort war er damals Pfarrer) tätig zu sein.

«Ich wollte mit den Händen arbeiten», begann er seinen Bericht. Der Saal im Zwinglihaus war voll besetzt. Schliesslich ist Wiher den Grenchner Kirchgängern spätestens seit dem letzten Jahr vertraut, als er für mehrere Monate bei der Ablösung der örtlichen Pfarrer einsprang. Als ursprünglich gelernter Maschinenzeichner brachten seine Arbeiten während der Auszeit ihn zurück zu den Wurzeln.

Gluschtige Bilder von handgemachten Schokoladefischli machten grusigen Abfallbergen am Strassenrand Platz. Gegen zehn Tonnen Müllsäcke habe er pro Tag in den Laster gehievt, hat er ausgerechnet. Eine Belastung, die sich in den Gelenken bemerkbar machte. Und dann der Geruch: «Im Winter ging es ja noch (Bruno Wiher war zweimal für mehrere Wochen im Einsatz), aber im Sommer war der Gestank unerträglich. Aber ich habe nie vorher so gut geschlafen, wie in diesen sechs Monaten. Harte Arbeit, aber kein Stress. Schliesslich war ich Befehlsempfänger und tat, was mein jeweiliger Chef mir sagte.» Im Recyclinghof zertrümmerte er mit dem Bagger Bauschutt und im Restaurant wusch er im Akkord Tellerberge ab.

Mit dem Wechsel der Garderobe vom eleganten dunklen «Pfarrermantel» zur orangen Arbeiterkluft veranschaulichte Bruno Wiher, wie schnell wir Menschen nach ihrer Kleidung schubladisieren. Auch stellte er angesichts der Müllberge kritische Fragen zur Schweizer Überflussgesellschaft. (dd)

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