Seeland/Kanton Bern
Pfadikrieg: Der Streit spitzt sich immer mehr zu

Nach dem Bekanntwerden der Vorfälle im Lager des Pfadfinderbund Seeland in Studen häufen sich die Vorwürfe gegen das einschlägig bekannte Leiterehepaar, Alexander und Sabine S.. Hauptgrund ist dessen Umgang mit Pfadern, Eltern oder Behörden.

Marco Sansoni und Oliver Menge
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Der Ort des Geschehens: Pfadilager in Studen

Der Ort des Geschehens: Pfadilager in Studen

Oliver Menge

Das Leiterpaar Alexander und Sabine S. bestreiten in zahlreichen Mails und Telefonaten die Vorwürfe vehement. Tatsächlich: Es gibt auch Kinder, welchen das Lager gefiel.

Chronologie:

Bereits im Jahr 2000 geriet Alexander S. zum ersten Mal in den Schlagzeilen. Er war damals Leiter der Pfadfinder Abteilung Grenchen und hatte sich mit dem Vorstand überworfen. Gegen den Willen der Abteilungsleitung und der Kantonsleitung hatte er eine «Biberstufe» gründen wollen, so hätten Kinder schon mit fünf Jahren in die Pfadi aufgenommen werden können. Der Vorstand war nicht nur in dieser Beziehung anderer Meinung und schloss das Paar S. aus. Alexander S. gründete in der Folge die «Seeland-Scouts», Im März 2003 brennt der Wohnteil der Schopfbühne an der Schützengasse vollständig nieder. Dort lebte das Leiterehepaar mit seinen Kindern und gleichentags droht der Familie die Zwangsräumung aus ihrer Wohnung. Die Polizei stellt Brandstiftung fest, eine Täterschaft kann vorerst nicht ermittelt werden. Im Juni 2003 reicht der suspendierte Aktuar der Seeland Scouts, Willy Schweizer, gegen das Ehepaar Alexander und seine Frau Sabine die erste von mehreren Strafklagen ein. Es geht um Veruntreuung, Unterschlagung, Verleumdung, sexuelle Nötigung und Rufschädigung. Der schwerste Vorwurf Schweizers: Sabine S. soll einen Dreijährigen zur Strafe in einen Backofen gesteckt haben, eine Klage wegen Kindsmisshandlung / Freiheitsberaubung ist die Folge. Im Gegenzug zeigt das Leiterpaar S. Schweizer wegen Rufschädigung und sexuellem Missbrauch eines Kindes - ihrer eigenen Tochter - an. Das Gericht entscheidet allerdings in diesem Fall 2006 für den Angeklagten Schweizer. Das Gericht verurteilt Sabine S. wegen Verleumdung zu einer Busse. In diesem Jahr ändern die Seeland Scouts auch ihren Namen in «Pfadfinderbund Seeland Pbs». Im Falle der Kindsmisshandung / Freiheitsberaubung wird das Ehepaar freigesprochen. Das Gericht erachtet es aufgrund der Dauer, während der der Junge im Backofen festgehalten wurde - 10 Minuten - laut Schweizer als «Übertretung» und nicht als strafbare Handlung. Allerdings sieht das Amtsgericht Solothurn die Schuld von Alexander S. im Fall der Brandstiftung als erwiesen und verurteilt ihn zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus unbedingt. Das Obergericht bestätigt 2008 das Urteil, milderte es aber zu zwei Jahren bedingt. Aus zwei voneinander unabhängigen Quellen ist zu erfahren, dass es zudem über die Jahre zu weiteren Strafanzeigen und Gerichtsverhandlungen kam. Das Paar hat links und rechts ausgeteilt und nie Recht bekommen. Allerdings hätten sie auch die verhängten Bussen und zu leistenden Entschädigungen nie bezahlt. (om)

Hintergrund zum neuen Konflikt ist der zweifache Polizeieinsatz der Berner Kantonspolizei in Studen, wo der Pfadfinderbund Seeland das Sommerlager abhielt. Bestätigten Informationen zufolge musste die Polizei nach einer missglückten Pfadfindertaufe - ein achtjähriges Mädchen musste angeblich im Regen im Pyjama angeleint durch den Schlamm kriechen - zum ersten Mal ausrücken. Später wurde die Polizei ein zweites Mal wegen eines Handgemenges und Tätlichkeiten zwischen dem Leiterpaar und der Küchencrew gerufen und schickte eine Präventionsgruppe auf das Lagergelände in Studen. Seither bekämpfen sich die Parteien offen. Fakt ist, dass ein Grossteil der Vorwürfe nicht neu ist (siehe Chronologie).

«Die Kinder stehen im Vordergrund»

Das Ehepaar leitete seit mehreren Jahren in Grenchen auch Ferienpasskurse, welche im Schnitt überdurchschnittlich besucht wurden. Bereits nach einer rechtskräftigen Verurteilung von Alexander S. vor drei Jahren wegen Brandstiftung gingen die Verantwortlichen dort zwar über die Bücher. Die Behörden entschieden aber, die Kurse weiterhin durchzuführen.

Mit den erneuten Vorfällen haben aber nun auch die Ferienpass-Verantwortlichen in Grenchen genug. «Die Kinder stehen im Vordergrund», erklärt Tamara Sitter von «Netzwerk Grenchen», welche im Auftrag der Stadt die Kurse organisiert. Sie teilte dem Ehepaar gestern mit, dass die beiden Kurse dieses Jahr ersatzlos gestrichen werden. Für Kurt Boner, Leiter Soziale Dienste Oberer Leberberg, dem das Netzwerk unterstellt ist, ist die Entscheidung der Verantwortlichen völlig logisch und klar und wird von ihm begrüsst. Er selber habe nichts unternommen, da er sich nicht ins operative Geschäft einmische, sagt er auf Anfrage. Aber natürlich sei ihm das Paar bestens bekannt.

Drohungen und Beleidigungen

Alter Feind: «Das überrascht mich überhaupt nicht»

Willy Schweizer, der ehemalige Aktuar der Seeland Scouts, der mit dem Paar über Jahre in gerichtlichem Streit lag, ist nicht überrascht, als ihn diese Zeitung über die neusten Aktivitäten des Leiterpaars informiert. «Typisch», ist seine erste Reaktion. Das Leiterpaar S. habe kein Verantwortungsgefühl und auch keine entsprechende Ausbildung, um mit Kindern zu arbeiten. Pikantes Detail: Auf der Homepage der Seeland Scouts - die in den letzten zwei Tagen über 500 Mal aufgerufen wurde - werden Schweizer und seine Frau massiv beschuldigt, über 20000 Franken unterschlagen zu haben. Schweizer soll die Arbeit mit den Jugendlichen nur dazu gebraucht haben, seine «etwas dubiosen Ansichten gegenüber jungen Mädchen auszuleben».

Er müsse sich schon überlegen, ob er nochmals eine Klage einreichen soll, sagt Schweizer daraufhin. Aber schliesslich habe er auch die ihm 2006 zugesprochene Entschädigung und das Schmerzensgeld nie erhalten. Von daher sei ihm der Tausender für einen Anwalt wohl doch zu teuer.
Grenchens Stadtpräsident Boris Banga, dessen Konterfei auf der Webseite der Seeland Scouts als prominenter Pfader figuriert - er will es umgehend entfernen lassen - hatte schon gestern dem «Bieler Tagblatt» gegenüber deutliche Worte gebraucht: Man müsse dieses Paar aus dem Verkehr ziehen und es entsetze ihn, dass diese Geschichte kein Ende nehme. Wo sie aufgetaucht seien, habe es Probleme gegeben, sei es mit dem Bademeister in der Badi oder auf der Stadtverwaltung, wo Sabine S. Hausverbot erhielt, nachdem sie die Angestellten verbal attackiert hatte. Für das Zirkusprojekt hätten sie auch bei ihm um finanzielle Unterstützung gebeten, aber sie hätten auf die Aufforderung, ein Konzept einzureichen, nicht reagiert und folglich habe er das Gesuch abgelehnt. Er kenne das Paar gut, denn während vieler Jahre war die Familie in Grenchen wohnhaft. Erst 2007 ist sie nach Zuchwil gezogen. Dort will man sich nicht offiziell äussern, aber hinter vorgehaltener Hand war zu erfahren, dass das Paar mit Nachbarschaftstreitereien und Alkoholproblemen auffällig wurde. Zu den aktuellen Begebenheiten könne er sich nicht äussern, sagt Stadtpräsident Banga, da seine persönlichen Erlebnisse bereits Jahre zurücklägen.(om)

«Von den Archer Kindern ist sowieso keines mehr dabei», erzählt eine Mutter, welche ihre Kinder während mehrerer Jahre im Pfadfinderbund Seeland hatte. Sie war nicht erstaunt, als sie von den neuen Vorwürfen erfuhr. «Schon damals wurden die Kinder systematisch unter Druck gesetzt, wenn sie beispielsweise nicht im Lager übernachten wollten. Zudem war die Pfadi ein organisatorisches Chaos, im Gegenzug wurde aber die anderen immer als unfähig und schuldig dargestellt.» Das Ehepaar S. sei auch gegenüber den Eltern ausfällig geworden und einmal seien sogar falsche Rechnungen für zu späte Lagerabmeldungen verschickt worden.

Keine Strafanzeigen eingegangen

Im Gegenzug gibt es auch positive Stimmen. So sei die Betreuung ihres Sohnes gut gewesen, erzählt eine Mutter eines autistischen Kindes aus Dotzigen. Ihr Sohn sei rücksichtsvoll begleitet worden. Den Konflikt im Lager zwischen der Küchencrew und dem Leiterehepaar könne sie sich nicht erklären. Dieser müsse sich um belanglose Dinge gedreht haben, bis er eskaliert sei. Diese These stützt auch eine andere Lagerteilnehmerin, welche das Lager als «cool» bezeichnet. Der Streit sei nur zwischen den Leitern ausgebrochen und ausgetragen worden.

Fakt ist, im aktuellen Fall holt nun das Ehepaar S. wieder zum Rundumschlag gegen alle Kritiker aus und spricht gegen Journalisten und Fotografen Drohungen aus. Obwohl von allen Seiten im Anschluss an die Eskalation im Zirkuslager in Studen mehrere Strafanzeigen angedroht wurden, ging bisher bei keiner Kantonspolizei eine derartige Anzeige ein. Sie seien gerade auf dem Weg auf den Polizeiposten, erklärt Sabine S. am Handy. Für weitere Auskünfte sei der Anwalt zuständig, der aber nicht erreichbar war.