Sie sind jetzt gut ein Jahr Präsident des städtischen Personalverbandes. Was ziehen Sie für eine Bilanz?

Peter Brotschi: Auch wenn es mir nicht an Arbeit mangelt und mit dem Präsidium wieder ein zusätzliches Pensum hinzugekommen ist, ziehe ich ein positives Fazit. Der wieder engere Kontakt zum städtischen Personal macht mir als ehemaligem Stadtschreiber-Stellvertreter Freude.

Die Stadt ist am Reorganisieren, insbesondere auf der Bauverwaltung. In welcher Rolle sehen Sie sich da?

Als Beobachter, wenn nicht gar als Aufpasser. Ich habe in meinem Leben zu viele Reorganisationen und Reformen miterleben müssen, beispielsweise bei der Armee und in der Schule, die überhaupt nicht hielten, was ursprünglich versprochen wurde oder beabsichtigt war.

Ich bin gegen Veränderungen, nur damit verändert wird und Berater oder Professoren sich profilieren können. Bei einer Reorganisation muss eine klare Verbesserung erkennbar sein, und sie darf nicht einseitig auf Kosten der Mitarbeitenden durchgeführt werden.

Bei der Baudirektion prüft man die Auslagerung des Tiefbaus. Was halten Sie davon?

Das beobachte ich ganz genau. Wenn es Bestrebungen gibt, gewisse Bereiche dieses wichtigen Amtes – notabene nicht aus finanziellen Gründen – auszulagern, um sie so der Einflussnahme der Politik und letztlich der Gemeindeversammlung zu entziehen, werde ich mich auch als Einwohner dieser Stadt zu wehren beginnen. Ein Abbau der demokratischen Mitwirkung wird nicht einfach so hingenommen werden.

Dennoch muss die Stadt vor allem sparen, denn es herrscht ein strukturelles Defizit. Welche Beiträge kann das Personal leisten?

Zuerst ist anzumerken: Das Personal hat schon viel geleistet! Das Personal hat bisher alles getan, damit das Defizit reduziert wird. So sieht man in der Jahresrechnung 2015, dass die Lohnkosten bei allen Abteilungen unter Budget sind. Konstruktive Vorschläge für Sparmassnahmen werden wir im Vorstand analysieren und gegebenenfalls unterstützen.

Ich befürchte aber, dass die Zitrone schon ziemlich ausgepresst ist. Denn rigorose Sparmassnahmen bei der Stadt habe ich selber schon in den 1990er-Jahren miterlebt.

Sie haben kritisiert, dass die Stadt zu wenig Konsequenzen aus der Mitarbeiterbefragung ziehe. Ist das nicht einfach ein Ausdruck der Verunsicherung aufgrund der laufenden Reorganisationen?

Also eine Reorganisation läuft ja «nur» bei der Baudirektion. Nein, eine Mitarbeiterbefragung muss wieder durchgeführt werden, denn nur so kann überprüft werden, ob die nach der Befragung realisierten Massnahmen auch etwas zum Positiven bewirkt haben.

So habe ich innerhalb unseres Verbandes erfahren, dass auf gerechtfertigte Anregungen einzelner Mitarbeiter zum Teil gar nicht eingetreten wurde. Periodische Befragungen, zum Beispiel in jeder Legislaturperiode eine, sind für mich courant normal und gehören zu einer modernen Personalführung.

Wie empfinden Sie denn das Klima beim städtischen Personal?

Das ist ein Knackpunkt. Ich spüre gewisse Spannungen zwischen dem oberen Kader und den Mitarbeitenden, was ich schade finde. Die neueren Kaderleute sehen sich – im Gegensatz zu ihren Vorgängern – in der Rolle eines Arbeitgebers.

Dem ist natürlich mitnichten so. Das tut mir schon fast weh, wenn ich so etwas höre. Arbeitgeber des städtischen Personals ist der Souverän der Stadt Grenchen, der mit dem Gemeinderat seine Exekutive hat. Auch die Abteilungsvorsteherinnen und -vorsteher erhalten ja den Lohn aus dem Steuerertrag des Souveräns.

Was heisst das konkret?

Als Präsident des Personalverbandes und vor allem als Einwohner dieser Stadt wünsche ich mir ein städtisches Personal, das am gleichen Strick zieht und nicht ein «oben» und «unten» zu stark betont.

Wir sind zu klein, um gross zwischen Indianern und Häuptlingen unterscheiden zu können. Das wäre sicher auch im Interesse des Gemeinderates.

Die Wünsche des Personals haben aber zum Teil Kopfschütteln ausgelöst: «In der Privatwirtschaft wird nicht gefragt, sondern entlassen. Die sollen zufrieden sein mit ihrem sicheren Job und nicht noch mehr ‹usehöische›», war etwa zu hören. Was sagen Sie dazu?

In der Privatwirtschaft wird nicht nur entlassen, sonst müssten nicht jährlich rund 80 000 Menschen neu in unser Land kommen. Im Gegenteil: In der Privatwirtschaft werden auch Löhne bezahlt, die in einem öffentlichen Haushalt nie möglich sind.

Entlassen werden vor allem Menschen über 50, ganz zu meinem Leidwesen, die dann nicht selten durch jüngere EU-Bürger ersetzt werden. Aber auch in den öffentlichen Gemeinwesen hat letztlich niemand mehr seine Stelle auf sicher. Das wissen wir alle.

Zurzeit wird die Personalordnung revidiert. Welches sind dort für Sie die Knackpunkte?

Der Vorstand hat sich letztes Jahr intensiv mit dieser Revision auseinandergesetzt. Auch über eine allfällige Abschaffung des Beamtenstatus haben wir uns an der Generalversammlung durch Léa Wormser, Präsidentin des Personalverbandes der Stadt Solothurn, informieren lassen.

Wir lassen uns laufend vernehmen zu dieser Revision. Aber die Fronten sind ganz klar: Unser Vorstand hat für unsere Mitglieder zu schauen, der Gemeinderat steht da – vielleicht – auf der anderen Seite. Dem demokratischen Diskurs zur Ausarbeitung einer neuen Personalordnung stellen wir uns weiterhin gerne.