Aufführung
«Menschen sind Menschen, und ich will ich sein»: Feministisches Manifest eines Frauenhassers im Parktheater Grenchen

Das Renaissance-Theater Berlin zeigte im Parktheater Grenchen das Stück «Fräulein Julie» des Schweden August Strindberg.

Susanna Hofer
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Judith Rosmair und Dominique Horwitz in «Fräulein Julie» von August Strindberg.

Judith Rosmair und Dominique Horwitz in «Fräulein Julie» von August Strindberg.

Daniel Devcioglu / zvg

Leider vor nur wenig Publikum kam Grenchen in den Genuss eines exzellent gespielten Dramas, das in seiner Drastik der Realität in manchen Belangen in nichts nachsteht: «Fräulein Julie» von August Strindberg, dem exzentrischen schwedischen Dichter.

In Grenchen im Parktheater auf zwei Figuren reduziert, aber mit einem kongenialen Bühnenbild, wurde das Stück erstmals 1889 aufgeführt. Gespielt wurde es vom Renaissance-Theater Berlin, Regie führte Torsten Fischer.

Strindberg ist bekannt als Frauenhasser, der Frauen unter anderem «Kriminelle aus Instinkt, unwissentlich bösartige Tiere» nannte. Erstaunlicherweise lässt sich «Fräulein Julie» trotzdem als feministisches Manifest sehen. Das Bild des «unwissentlich bösartigen Tieres» nimmt die Berliner Inszenierung konsequent auf, indem die Protagonisten Fräulein Julie (gespielt von Judith Rosmair) und deren Diener Jean (Dominique Horwitz) immer mal auf allen Vieren herumkriechen, dann wieder sich am Boden rollen oder auch einmal zusammen kämpfen.

Eine explosive Mischung

Zwei Ebenen der sozialen und geschlechtlichen Gegensätze werden in diesem Drama behauptet, und daraus entsteht eine explosive Mischung: Einerseits die soziale, denn Julie ist aus besserem, reichem Hause; Jean ist ihr Lakai. Anderseits ist Julie die Frau, Jean der Mann; er also, damals mehr noch als heute, der Mächtigere.

Spätestens als Jean und Julie zusammen geschlafen haben, wird dies deutlich, indem Jean die «Gefallene» nun «Nutte» nennt und sie mit einem Ledergürtel verprügelt. Auch das Ende ist schlecht: Jean übergibt Julie die Waffe, mit der die beiden schon vorher hantiert haben, damit sie sich erschiessen kann.

Starke Schweinwerfer

Das Bühnenbild (Anja Hofmann) nimmt die Aussage des Stückes auf, indem es zwei Zimmerwände aufeinander schiebt. Im unteren Bereich umrandet ein Metallband die Bühne, dass die beiden Protagonisten überwinden müssen, um in den oberen Teil zu kommen. Doch auch dort ist der Platz knapp, bietet kaum Raum für Bewegung. Starke Scheinwerfer werfen Schattenbilder auf die Wand, in denen Jean und Julie sich manchmal vereinen, manchmal sich selber verdoppeln.

Auch die Kostüme (Bettina Gawronsky) nehmen diese Dualität gekonnt auf: mit schwarz und weiss, aufgebrochen vom goldenen Schimmer von Julies Kleid oder dem roten Blut eines Vogels, den Jean umbringt. Untermalt wurde die Szene von sehnsuchtsvoller Musik, die man sich manchmal etwas dezenter gewünscht hätte.

Vor dem Hintergrund der «Me too»-Debatte ein hochaktuelles Stück, dem das Publikum lange applaudierte, und das sicher zu regen Diskussionen inspirierte. Und aktuell sicher auch, was Julie sagte: «Menschen sind Menschen, und ich will ich sein.»

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