Die Grenchner Familie Sommer leistet in einer der abgelegensten Ecken der Welt Entwicklungszusammenarbeit, in Papua-Neuguinea. Einblick in eine Welt voller Gegensätze: fröhliche Feste, Farben und Blumen, häusliche Gewalt und Stammesfehden, Furcht vor Rache und Zauberei. Der Clan bestimmt das Schicksal des Einzelnen.

Während des einjährigen Heimataufenthalts gehen die älteren zwei der vier Kinder: Marvin (10), Eleni (6), Ilai (4) und Vania (knapp 2-jährig) in Grenchen in die Schule. «Die beiden Grossen haben sich auf die Schweiz gefreut. Bei Ilai gab es ein paar Albträume, aber jetzt hat er sich gut eingewöhnt», sagt die Mutter, Christin Sommer. Nachdem die Kinder den lang ersehnten Schnee gesehen haben, freuen sie sich nun auf die «Heimkehr» Ende Juni.

«Wir haben grosses Glück mit den Lehrkräften der Kinder. Sie haben Verständnis für die spezielle Situation mit zwei so unterschiedlichen Kulturen», freut sich Christin Sommer.

Sprachbilder und Tabus

In Papua-Neuguinea werden die Kinder anhand von schweizerischen und deutschen Lehrmitteln zu Hause unterrichtet. Meistens übernimmt das eine junge Volontärin, die für sechs Monate oder ein Jahr mit Sommers lebt und in Hilfsprojekten mitarbeitet. Christin Sommer engagiert sich in der Erwachsenenbildung. Sie verfasst Familienratgeber in der Verkehrssprache Pidgin. René Sommer erklärt: «Im Land werden über 800 Sprachen und Dialekte gesprochen. Pidgin bildet eine Brücke der Verständigung im Alltag.»

Weit schwieriger zu meistern als die gesprochene Sprache sei die Kultur der Verständigung mit Ehrenkodex und Tabus. Entscheidend sei, das Gesicht zu wahren. Vieles wird nicht direkt angesprochen. Ausserdem finden unzählige Sprachbilder Verwendung. René Sommer nennt ein Beispiel aus der reichhaltigen Festkultur des Landes. «Statt des Schweins, das zu jedem Fest gehört, spricht man in der Regel nur andeutungsweise von Fett.»

Doppelte Identität

«Ich musste mich hier erst wieder daran gewöhnen, dunkle Kleider und Schwarz zu tragen. In Papua-Neuguinea, mit seinem tropischen Klima mit Regenzeiten und hoher Luftfeuchtigkeit, haben die Kleider bunte und kräftige Farben, häufig mit Blumendesign», sagt Christin Sommer. Die gelernte Kleinkinderzieherin ist im Aargau aufgewachsen. Ihr Mann René ist in Grenchen und Bettlach gross geworden.

Dass die Familie Grenchen für die Heimataufenthalte gewählt hat, hat einerseits mit den hier wohnhaften Grosseltern zu tun. Andererseits soll die Uhrenstadt den Kindern ebenso Identität geben wie die Hafenstadt Lae (sprich: Lai), wo die Familie auf einer Station mit Theologiecollege, Druckerei und Farmbetrieb zur Selbstversorgung der Studenten in einer Gemeinschaft von rund 400 Personen lebt. Davon sind etwa 15 Ausländer.

Büro und Busch

«Wir Ausländer sind nicht die Chefs. Die verantwortlichen Positionen sind mit Einheimischen besetzt. Wir bringen unsere Ausbildung und Stärken ein. Die zeigen sich bei der Arbeitsorganisation und im Büro, etwa bei der Korruptionsbekämpfung, indem wir Buchhalter und Revisoren ausbilden, und bei der Organisation der Gesellschaft, bei Fragen von Menschenrechten und Menschenwürde», erklärt René Sommer. «Die Menschen in Papua-Neuguinea leben in ständiger Angst vor Zauberei und Racheakten. Gewalt, vor allem gegen Frauen und Kinder, ist dort Alltag.»

«Jede Exkursion zu Dörfern, die wir regelmässig unternehmen, zeigt mir, dass wir Ausländer die grössten ‹Gschtabis› sind, hilflos wie Kleinkinder. Ohne die Einheimischen und ihre unermüdliche Geduld und Freundlichkeit wären wir im Busch völlig verloren.» René Sommer hat ursprünglich Baumschulist gelernt und sich nach einem Theologiestudium auf Erwachsenenbildung spezialisiert. Derzeit absolviert er eine Weiterbildung. Daneben hält er Vorträge über seine Arbeit.

Die Willkommenskultur

René und Christin Sommer sind sich einig, dass die Willkommenskultur und die Gastfreundschaft in Papua-Neuguinea zu den grossen Vorteilen des Landes zählen. «Welcher Schweizer hätte das Gefühl, er könnte von Migranten lernen, die eben erst hergekommen sind und noch kaum ein Wort Deutsch können?», gibt er zu bedenken. «Das ist aber genau die Art, wie die Einheimischen uns begegnen.»

Die Frage nach der Motivation ihres Engagements beantwortet Christin Sommer folgendermassen: «Wir sind überzeugt, dass wir den Leuten in Papua-Neuguinea mit unseren Fähigkeiten dienen können und dass Gott uns diese Aufgabe gegeben hat.» Im Einsatz sind sie seit 2008, erst im Hochland, dann an der Küste. In drei bis fünf Jahren, wenn die Kinder ins Jugendalter kommen, wollen Sommers endgültig in die Schweiz zurückkehren. Dann hätten die Ausbildung und Berufswahl der Kinder Vorrang.

Staat schwach – Kirchen stark

Die Familie Sommer gehört zur Gemeinde für Christus und ist von der Freikirche angestellt. «In Papua-Neuguinea sind es die Kirchen, denen der Staat an vielen Orten die Bildung und das Gesundheitswesen in einem partnerschaftlichen Verhältnis übertragen hat. Der Staat ist aufgrund der allgegenwärtigen Korruption so schwach, dass er seine Funktion oft nicht wahrnehmen kann», sagt René Sommer.

Die Folgen dieser Schwäche schlagen sich in einer hohen Kriminalitätsrate, verbreiteter Drogen- und Alkoholsucht und entsprechenden Reisewarnungen des Aussendepartements nieder. Sommers lassen sich davon nicht abschrecken. Das, obwohl René Sommer schon einmal im Büro überfallen und Christin Sommer Zeugin einer Stammesfehde geworden sei, bei der zwei Gruppen mit Pfeil und Bogen aufeinander losgingen.

«Wir vertrauen auf Gott und unser grosses Beziehungsnetz. Sogar mit dem Mann, der mich damals gefesselt hat, rede ich gelegentlich», sagt René Sommer. «Heute ist dieser Überfall dem betreffenden Dorf peinlich.» Dabei ist sich das Ehepaar bewusst: «Ein Restrisiko bleibt immer.»