Portrait

Olten und Solothurn rücken nach links – nur Grenchen tickt anders

Mitten im Zentrum, wo sich andernorts Kathedralen erheben, stehen in Grenchen Industrieareale. Das ist symptomatisch für die Stadt, in der 60 Prozent an der Werkbank arbeiten. In Solothurn und Olten sind es gerade einmal 13 Prozent.

Mitten im Zentrum, wo sich andernorts Kathedralen erheben, stehen in Grenchen Industrieareale. Das ist symptomatisch für die Stadt, in der 60 Prozent an der Werkbank arbeiten. In Solothurn und Olten sind es gerade einmal 13 Prozent.

Die Solothurner Städte rücken nach links. Nur Grenchen nicht. Die einst rote Hochburg tickt rechts, wenn sich denn überhaupt noch jemand für Politik engagiert. Warum ist das so? Eine Spurensuche.

Das Telefonat ist rasch zu Ende. «Zur Politik möchten wir uns nicht äussern», sagt der Grenchner Gewerbepräsident Heinz Westreicher. Gespräch erledigt.

Ja, so ist das in Grenchen: Zur Politik wollen sich viele nicht äussern. Nicht einmal an der Urne. Gerade einmal 21.27 Prozent der Grenchner Wahlberechtigten wollten am 23. April beim zweiten Wahlgang für den Regierungsrat noch mitreden. Einmal mehr war die Stimmbeteiligung miserabel. «Politik spielt hier eine sehr untergeordnete Rolle», sagt mir ein Kollege gleich zu Beginn der Recherche. «Was zählt, ist die Industrie.» Warum ist das so? Warum ist die einst rote Hochburg heute für die Masseneinwanderungsinitiative und gegen die Energiestrategie? Warum erreicht die SVP für Solothurner Verhältnisse Traumresultate und die Grünen kommen nicht vom Fleck?

Morgens um acht Uhr steht François Scheidegger in seinem Büro. Am Fenster hinter dem Stadtpräsidenten hängen die Wappenscheiben von Olten und Solothurn. «Es ist auch ein Recht, nicht stimmen zu gehen», sagt Scheidegger. Der FDP-«Stapi», vor vier Jahren gewählt, liefert einen Strauss an Gründen, weshalb in Grenchen die Stimmbeteiligung tiefer ist. Da ist die Soziodemografie. «Es gibt in Grenchen Leute, die man weniger erreichen kann.» Da sind die Leute, die sich heute zunehmend nur engagieren, wenn sie betroffen sind. «Aber für grosse Ideen wie den Liberalismus oder den Klassenkampf geht heute niemand mehr abstimmen», sagt Scheidegger. Alles wohl wahre Gründe. Aber das das könnte auch in Basel sein. Warum also Grenchen? 

Wo andernorts Kathedralen stehen, ist in Grenchen Industrie

Spaziergang durch die Uhrenstadt. An bester Zentrumslage mögen sich andernorts Kathedralen erheben. Doch in Grenchen prägen grosse Industriebauten das Stadtbild und Fabrikareale das Zentrum. Grenchen hat keine alte Stadtgeschichte. Grenchen war ein Bauerndorf, das innert hundert Jahren rasant zur Industriestadt heranwuchs. «Die alten Leute reden noch vom Dorf», sagt Scheidegger.

Tatsächlich hat Grenchen bis heute und trotz aller Deindustrialisierung eine Industrie, von der andere Gemeinden nur träumen können. Keine andere Solothurner Stadt hat so viele Jobs an der Werkbank: Fast 60 Prozent der Arbeitsplätze sind es. In Solothurn und Olten sind es nur knapp 13 Prozent. Diese Städte leben von den Dienstleistungsbranchen.

Die Industrie prägte und prägt Grenchen: Italiener wurden für den Tunnelbau geholt. Die Uhrenindustrie zog Leute an. Aus der Schweiz, aus dem Ausland. Nach Grenchen kommt, wer Arbeit sucht. Was früher galt, gilt noch immer. Es gibt den Walliserverein und es gibt die Österreichfreunde in der Uhrenstadt. «Urgrenchner gibt es relativ wenige», sagt François Scheidegger. Selbst der Stadtpräsident ist vor Jahren aus beruflichen Gründen zugezogen. Die Industrie zog auch Ausländer an. Sie, die klassischen Arbeiter, wären SP-Wähler, sind aber nicht stimmberechtigt. «Es gibt Zweit- und Drittgenerationsausländer, die gut integriert sind, aber nicht am politischen Leben teilnehmen», sagt Kurt Boner. Die Ausländer. Sie prägen Grenchen.

Solothurn: Eine Barock-Beamten-Bastion, die vom hohen Ross aus nicht über ihre Kulisse hinaus blicken kann?

Kurt Boner ist Leiter der Grenchner Sozialdienste und eine über Grenchen hinaus gehörte Stimme. Auch er kam der Arbeit wegen nach Grenchen. Anfangs störte er sich am Gejammer über die schlechte Behandlung durch den Kanton. Heute ist er einer der stärksten Fürsprecher für die Stadt. «Vergesst nicht: Hier ist die real existierende Wirtschaft mit ihren Folgen», mahnt Boner. «Wir sind eine Industriestadt, die eher Bieler Strukturen hat als solothurnische», sagt er. «Lasst uns nicht hängen», ruft Boner nach Solothurn. Ihn stört, dass man in der Kantonshauptstadt lieber auf Grenchen hinabschaut als versucht, die Eigenheiten zu verstehen. «Solothurn hat den Barock-Blick. Man pflegt sich selbst», sagt Boner. Solidarität für die Sozialprobleme einer Industriestadt hat man in Solothurn aus Sicht vieler Grenchner nicht. «Grenchner sind selbst schuld und sollen ihre Probleme lösen», das sei die dortige Devise. Wer kann aareabwärts verstehen, was für eine Stadt alte nicht sanierte Wohnblöcke bedeuten, in die nicht Gutverdiener, sondern Sozialbezüger ziehen?

Aber muss man Grenchen mit Solothurn vergleichen? Wo steht Gerlafingen, das ebenfalls eine Industriegeschichte hat? Vielleicht könnte man, statt über die fehlende Altstadt und das serbelnde Gewerbe zu klagen, auch einfach Grenchen als schönste Agglogemeinde des Kantons verkaufen – mit vielen Einkaufsmöglichkeiten, mit tollen Wohnlagen, bestem Naherholungsgebiet und hervorragender Verkehrserschliessung.

Grenchen: Selbst gewählt einflusslos oder dazu verdammt?

In Solothurn fehlt nicht nur das Verständnis für Grenchen. Auch die Grenchner fehlen in Solothurn: Die zweitgrösste Stadt ist in Kantons- und Regierungsrat seit Jahren untervertreten. Solothurn und Olten stellen quasi permanent einen Regierungsrat, Grenchen seit 1987 nicht mehr. Das hat Folgen: Ämter wurden aus der Uhrenstadt abgezogen. Der Kanton hat gerade einmal noch 17 Beamte in Grenchen stationiert. «So viel zu den Finanzströmen», höhnt François Scheidegger.

«Solothurn ist eine typische Kleinstadt, wo ein linkes städtisches Milieu am Entstehen ist», hat der Solothurner Politologe Lukas Golder kürzlich gesagt. «Es gibt mehr junge Familien, die etwas staatsnaher als bisher denken und weniger klassisch aus dem Gewerbe kommen.» Für Grenchen gilt das nicht. Die Uhrenstadt tickt politisch anders. Wer überhaupt noch wählen geht, der legt immer öfter die SVP-Liste ein. Die Masseneinwanderungsinitiative erreichte 61 Prozent Zustimmung.

Zurück im Büro des Stadtpräsidenten. FDP-Mann Scheidegger zeigt nach Norden, dann nach Westen und schliesslich nach Süden. «Oben ist der Berg, im Westen der Kanton Bern und unten die Aare.» Bei Kantonsratswahlen kann Grenchen auf keine Agglomeration zählen. Führt die Vernachlässigung dazu, dass weniger Grenchner wählen und dass sie aus Frust rechts wählen?

Ohne Bosse kein Genosse

Anruf bei Walter Bürgi (83). Der Alt- Regierungsrat war der letzte Grenchner, der in der Kantonsregierung sass. FDP-Mann Bürgi ist in Grenchen geboren und lebt noch immer dort. Er analysiert das Ende der roten Vorherrschaft im Grenchner Hôtel de Ville nicht aus dem Tagesgeschehen heraus. Der Elder Statesman blickt gelassen auf den langen Lauf der Dinge. «Es ist relativ einfach. Seit ich in die Schule ging, war Grenchen rot regiert», sagt Bürgi. «Wer lange regiert, macht irgendwann Fehler und das Pendel schlägt um.»

Bürgi, nicht nur Politiker, sondern als Atel-Chef einst auch Wirtschaftskapitän, blickt zurück: «Der rote Stadtpräsident war ein Ausgleich zu den Industriebossen, die in Grenchen wohnten und Gegendruck gaben.» Mehrere SP-Stadtpräsidenten waren auch Nationalräte. Heute aber wohnten nur noch wenige Industrieunternehmer in der Stadt. «Und sie machen keine Gemeindepolitik mehr.» Den SP-Gegendruck braucht es nicht mehr.

Noch immer ist die SP zwar die stärkste Partei. Aber sie hat nichts mehr zu sagen. Die Bürgerlichen regieren Grenchen. SVP und FDP haben hier zusammengefunden, wie sie es im Kanton sonst nicht schaffen. Die Anti-Banga-Koalition vor vier Jahren einte die beiden Parteien. Stadtpräsident François Scheidegger legt sein damaliges Wahlplakat auf den Tisch, mit dem er 114 Jahre sozialdemokratische Herrschaft beendete. Alle bürgerlichen Parteien unterstützten ihn. «Das Miteinander ist seither geblieben», sagt Scheidegger. «Wir trinken ab und zu nach dem Gemeinderat ein Bier. Und das kann lange gehen.» «Wir haben eine konsequente Politik gemacht und sind nahe am lokalen Gewerbe», sagt Richard Aschberger.

Das aufstrebende Grenchner SVP-Talent, das es mit links in den Kantonsrat geschafft hat, kennt keine Berührungsängste. «Wir machen Sachpolitik und schiessen nicht auf Leute.»
Über die SP wollen die Bürgerlichen lieber nicht reden. Alte Grabenkämpfe, die in der Ära Banga tief gingen, wollen sie nicht aufreissen. Stapi Scheidegger, der Ex-Richter, regiert konziliant; auch mit dem politischen Gegner. Nur hinter vorgehaltener Hand hört man: Zu veraltet die Köpfe bei der SP, mit der Forderung nach Steuererhöhungen habe sich die Partei selbst ins Bein geschossen. Und dann, die Ausländer: Im Solothurner Steingrubenquartier gibt es keine Kopftücher. Im Lingeriz oder im Ruffini-Quartier schon.

Probleme, sagt ein Insider, fangen bei der Waschküchenordnung an. Viele fremdenfeindlichen Initiativen haben in Grenchen Boden gut gemacht. Eine «dumpfe Angst vor der Zukunft und vor dem Fremden» verfängt. Wenn Arbeitsplätze verlagert werden, trifft das die Grenchner Werkbank besonders stark. «Die SP Schweiz ist von den Leuten abgerückt. Auch in der Ausländerpolitik»: Das kritisiert Boris Banga. Und nur das. Mehr will der ehemalige Stadtpräsident nicht sagen. «Servir et disparaître» hat er gesagt, als er von Grenchens Politbühne abtrat – oder wegbugsiert wurde.

Boris Banga: Heute ist er namenlos. Früher prägte er die Stadt, den Politstil und die SP

Banga schweigt. Aber auch heute kann eine Geschichte über Grenchen nicht ohne Boris Banga auskommen, den Mann, der der Stadt 22 Jahre lang den roten Stempel aufdrückte. Banga ist noch immer präsent, auch wenn im Büro von François Scheidegger die Karte hängt: «There is a new sheriff in town.» Auch wenn Scheidegger nur von «meinem Vorgänger» spricht und den Namen Banga nie erwähnt.

Vielleicht lag es auch am früheren Stadtpräsidenten, dass sich die SP so lange halten konnte. Banga war eine politische Rampensau, im besten Sinn des Wortes: Er konnte den verbalen Zweihänder jederzeit einsetzen. Andererseits redete er im Berner Parlament gekonnt mit. Er war gleichzeitig Kumpel der Investoren und nahm trotzdem die Probleme der kleinen Leute ernst. Seine direkten Worte: Kaum vergleichbar mit all den SP-Politikern, denen political correctness in die DNA geschrieben scheint. Doch am Ende waren die Grenchner müde ob der Polarisierungen und Klein-Klein-Streitereien, mit denen Banga die Uhrenstadt schweizweit in die Schlagzeilen brachte. Sie wählten ihn ab.

Gekommen ist François Scheidegger. Geblieben ist das Kümmerer-Phänomen, das Banga pflegte. In Grenchen ist der Stadtpräsident für alles verantwortlich, wofür er sich andernorts nie interessieren müsste. Die Messe Mia: von der Stadt gekauft. Die Fussballvereine: fusioniert. Die Kürbisnacht: organisiert. Als ob es Kurt Fluri je in den Sinn käme, das Märetfest zu organisieren.

Am Ende bleibt in Grenchen vieles am Stadtpräsidenten hängen. Er kämpft für Telefonkabinen in der Stadt und mit dem Schneekettenobligatorium am Berg. «Der Stapi hat eine relativ grosse Präsenz», sagt Scheidegger. «Das hat auch mit der Organisation zu tun. Wir haben wenige Kommissionen.» Grenchens Verwaltung ist schlank. Vielleicht aber, so der Stadtpräsident, sei die früher vorgenommene radikale Kürzung der Kommissionssitze auch nicht ideal gewesen. «Das war eine institutionelle Entpolitisierung. Man braucht nicht mehr so viele Leute.»

Auch Schweizer können in der eigenen Stadt Fremde sein. Nicht nur Ausländer.

Ausländer sind nicht die einzigen Fremden in Grenchen. Ein Viertel der Stimmberechtigten wechselt in der Legislatur. Wen kennen die Zuzüger, den sie wählen können? Mit wem können sie sich identifizieren? «Ich kenne niemanden, der kandidiert», diesen Satz hört Stadtpräsident François Scheidegger oft. In Grenchen brachte die Traditionspartei FDP am 21. Mai keine volle Liste zusammen. In Solothurn kandidierten 123 Leute für 30 Sitze.
«Politik ist nicht mehr der Ort, wo man sich trifft», sagt Sandra Sieber. Die Schauspielerin und FDP-Gemeinderatskandidatin bezeichnet sich selbst als hartnäckig. Sie gehört zu einer Handvoll Leute, die mit viel Engagement ein Grenchner Kulturleben organisieren. «In Grenchen könnte sich etwas Tolles entwickeln», sagt Sieber. Aber es ist ein raues Pflaster für den Kulturbetrieb.

Olten entwickelt gerade eine grosse Dynamik. Da sind Bars und Kulturveranstalter, Schriftsteller, neue Stadtmagazine und neue Parteien. Solothurn hat sich an der Aare neu erfunden, und berauscht sich noch immer an Kulturanlässen, die schon vor Jahrzehnten ins Leben gerufen wurden. Man tut nur gerne so, als ob das alles frisch wäre.

Aber Grenchen? «Die Leute wollen dorthin in den Ausgang, wo die Masse ist», sagt Schauspielerin Sieber. Es brauche mehr belebte Gastronomiebetriebe. Sieber möchte, dass Ausländer auf Gemeindeebene mitreden können. Tatsächlich leidet Grenchen daran, wie die Statistik zeigt: 9788 Stimmberechtigte hat Grenchen auf rund 17100 Einwohner, Solothurn hat 11660 auf rund 16800 Einwohner und Olten 11558 Stimmberechtigte auf 18300 Einwohner.

Ausländerstimmrecht? «Ich begrüsse jeden, der sich einbürgern lässt», sagt François Scheidegger. Dass man aber den Fünfer und das Weggli will, «ohne Bekenntnisse», sieht er als Zeiterscheinung. Genauso sei es mit dem Bekenntnis zu den Parteien.

Wie man es auch sieht: Die Grenchner werden sich noch mehr mit sich selbst beschäftigen müssen. Sogar das Schweizer Fernsehen dreht in der Stadt über das Phänomen Grenchen, wo Städter rechts wählen, aber in der grossen Mehrheit gar nicht wählen.

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