Granges Mélanges
Olivier Messerli gibt Migrantenschicksalen ein Gesicht

Zum Jubiläum des Vereins «Granges Mélanges» hat Filmemacher Olivier Messerli in Grenchen lebende Migranten interviewt. Dabei stand die Frage im Zentrum, wann sich die Protagonisten zum ersten Mal in der Stadt «angekommen» gefühlt haben.

Oliver Menge
Drucken
Teilen
Olivier Messerli inmitten der im Entstehen begriffenen Ausstellung im Kultur-Historischen Museum.

Olivier Messerli inmitten der im Entstehen begriffenen Ausstellung im Kultur-Historischen Museum.

Oliver Menge

Den Berner Filmemacher Olivier Messerli verbindet vieles mit Grenchen. Hier geboren und aufgewachsen kam er als Sohn von Anna Messerli, Kulturvermittlerin, ehemals Chefin des Amtes für Kultur und Mitbegründerin von «Granges Mélanges» schon früh in Berührung mit dem Thema Migration. Der Verein beschloss, zum 10-jährigen Jubiläum in einem Film der Frage nachzugehen, was Menschen bewegt, die aus dem Ausland hierherzogen und in Grenchen heimisch wurden.

Als Messerli von «Granges Mélanges» angefragt wurde, gab es allerdings noch kein wirkliches Konzept. «Nur die Sonderausstellung im Kultur-Historischen Museum war beschlossene Sache.» Man entschied sich, einen reinen Interviewfilm mit ehemaligen Flüchtlingen zu realisieren.

Zum Jubiläum: Grosse Feier im Eusebiushof

Der Verein «Granges Mélanges» feiert in diesem Jahr sein 10-jähriges Bestehen. Morgen Freitag findet daher im Eusebiushof ab 19 Uhr eine grosse Jubiläumsfeier statt. Eine Ausstellung im Kultur-Historischen Museum zeigt zudem vom 23. August bis 21. September 2013 das Ergebnis des Film- und Audioprojekts, an dem zehn Menschen ihre Erfahrungen schildern, wie sie in Grenchen «angekommen» sind und sich nach und nach integriert haben (siehe Haupttext).
Zum Festakt morgen sprechen Stadtpräsident Boris Banga und Hilda Heller Butt, Integrationsdelegierte des Kantons Solothurn. Vereinspräsidentin Elisabeth Egli hält Rückschau auf die zehn Jahre Vereinsarbeit und Museumsleiterin Angela Kummer stellt den Anwesenden das Ausstellungsprojekt vor, ein gemeinsamer Anlass von Granges Mélanges mit dem Kultur-Historischen Museum Grenchen.
Die Feier wird musikalisch umrahmt von Carlos Dorado, Gitarre, und Lucas Dorado, Vibrafon. Anschliessend wird ein Apéro offeriert und die Ausstellung kann in Gruppen frei besichtigt werden.
Die zehn Protagonisten - fünf im Film und fünf an Hörstationen - sind heute ein Teil der Grenchner Bevölkerung. Integration ist ein anspruchsvoller, aber auch bereichernder Prozess, sowohl für die Ankommenden wie auch die Einheimischen. Passende Gegenstände, die ausgestellt sind, untermalen die sehr persönlichen Geschichten. (mgt)

Nach einem Testlauf mit einem der Protagonisten, Muhamet Januaj, den Messerli selber schon seit Jahren kannte, wurden dann vier weitere Interviews realisiert.

Er sei schon etwas skeptisch gewesen, vor allem, weil die Leute keinerlei Erfahrung mit Film hatten, sagt Messerli. «Aus meiner langjährigen Erfahrung – ich habe schon etliche Interviews gedreht – war zu befürchten, dass die Menschen sich vor der Kamera verkrampfen. Aber das lief bei Mohammed ausgezeichnet und bewies uns, dass das Konzept so stimmte: Zwei Menschen sitzen am Tisch und reden miteinander, die Kamera läuft beim Gespräch ständig mit, ich bin als Filmemacher sozusagen unsichtbar, bloss ein Zuschauer.»

Schicksale bekommen ein Gesicht

Mitglieder von Granges Mélanges führten die Interviews durch. «Die Protagonisten gewannen dadurch schnell Vertrauen, denn es waren quasi Freunde, die sich da im Gespräch austauschten.» Die Fragen waren in etwa immer dieselben: «Woher kommst Du, warum musstest Du flüchten, wann kamst Du nach Grenchen und wie hast Du die erste Zeit hier erlebt», und als zentrale Frage des Films: «Wann hattest Du das erste Mal das Gefühl, Du seist hier angekommen in Grenchen.»

Sehr speziell für Messerli sei das Interview mit Gitti Buser gewesen, die nach dem Zweiten Weltkrieg von Berlin nach Grenchen kam, denn er kannte sie schon, als er Kleinkind war. Ihre Geschichte sei für ihn sehr berührend gewesen. «Auch bei den anderen Interviews war vor allem die Offenheit sehr eindrücklich, da kamen unvorstellbare Dinge ans Licht.»

Messerli erzählt von Rumy Mohideen, der aus Sri Lanka geflüchtet war, seine Frau hochschwanger zurücklassen musste und seine erste Tochter erst sieben Jahre später zum ersten Mal sah, als er seine Familie nachziehen durfte. «So etwas fährt einem extrem ein. Zwar sieht man jeden Tag am Fernsehen Flüchtlingsdramen, aber hier bekommen die sonst namenlosen Schicksale plötzlich ein Gesicht.»

Ihn hätten die durchwegs positiven Aussagen der Flüchtlinge über ihre neue Heimat eher überrascht. «Eigentlich rechnete ich mit Berichten über Fremdenfeindlichkeit, vor allem aus der Anfangszeit.» Aber alle hätten sich sehr dankbar gezeigt und vor allem betont, dass sie hier sehr gut aufgenommen wurden.

«Im Grunde hätte man über jede der fünf Personen einen abendfüllenden Film drehen können», sagt Messerli. Die grösste Herausforderung sei gewesen, die Sequenzen so zusammenzuschneiden, dass die Interviews zwar komprimiert, aber dennoch flüssig wurden und die starken, zentralen Aussagen erhalten blieben. «So entstand ein kurzweiliger Einblick in fünf Migrantenschicksale aus fünf verschiedenen Ursprungsländern.»

Das Endprodukt, ein knapp 20-minütiger Film, ist nun Teil der Ausstellung zum Jubiläum. Der Film läuft ohne Pause «im Loop», man könne jederzeit einsteigen, so Messerli. Und sagt: «Ich bin sehr happy über das Resultat und über die tollen Begegnungen.»

Aktuelle Nachrichten