Stadtbummel
Ohne Baustellen ins neue Jahr

Roger Rossier
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Es ist gar nicht mehr so einfach es bei der Menu-Auswahl allen recht zu machen.

Es ist gar nicht mehr so einfach es bei der Menu-Auswahl allen recht zu machen.

Heute feiern wir Weihnachten. Die die ersten Zeilen widme ich allen Frauen und vereinzelt auch Männern, die heute stundenlang in der Küche stehen, nachdem sie sich schon seit Tagen den Kopf zermartert hatten, welches Entree, welchen Hauptgang und welches Dessert der erwartungsvollen Weihnachtsgesellschaft aufgetischt werden darf.

Heute genügt es nicht mehr, einfach gut kochen zu können. Jeder gewiefte Gastgeber muss sich im Vorfeld Gedanken machen, ob jemand der Gäste an Laktose-, Fruktose- oder Glutenintoleranz leidet, die Freundin des jüngsten Sohnes sich immer noch zu den Vegetarierinnen zählt oder bereits zur wachsenden Gilde der Veganer gewechselt hat, ob der Freund der Cousine mit fremdländischen Namen Schweinefleisch isst, ob beim Dessert nicht saisonkonforme Früchte verwendet werden dürfen, weil man sie im Sommer für den Winter eingefroren hatte?

Hat man alle Eventualitäten berücksichtigt, gilt die Aufmerksamkeit dem ausgesuchten Wein. Dieser sollte allen munden, aber nicht zu schwer sein. Darf es edler Italiener oder muss es unbedingt der Tropfen aus einem Ostschweizer biologischen Rebbau sein, den wir letztes Jahr von einem der Gäste geschenkt bekommen haben?

Muss ich zum Nachtisch auch koffeinfreien Kaffee bereitstellen oder halte ich mich lieber wie im Vorjahr an die drei «G» (Grappa, Grüne Fee oder Grüntee)? Der Lohn dieser strategisch-kulinarischen Überlegungen und der schweisstreibenden Arbeit in der Küche?

Die in rekordverdächtiger Zeit leergegessenen Teller, die mit Lippenspuren verzierten Gläser und das schmutzige Besteck stapeln sich in der Küche und warten darauf, einen Platz in der bereits überfüllten Geschirrwaschmaschine ergattern zu können. Es muss nicht so sein.

Vielleicht werden Sie zu Weihnachten eingeladen? Dann sollte man das leckere Essen und die grosse Arbeit gebührend würdigen. Sonst läuft man Gefahr, dass man nächstes Jahr selber in der Küche stehen muss.

Erinnere ich mich an meine Kindheit, war das Leben früher weniger gesundheitsbewusst, dafür in einigen Bereichen einfacher. Traditionell wurde zu Weihnachten neben dem Kartoffelsalat das Rollschinkli, das einem seit Wochen in der EPA oben links neben der Rolltreppe anlachte, serviert. Fiel die Grati in der Fabrik etwas höher aus, durfte es auch ein besseres Stück Fleisch von einem der damals zahlreichen Grenchner Metzger sein.

Die vergangenen Wochen prägten grosse, lärmige Baustellen die Stadt. Jura-, Däderiz- und Kirchstrasse waren wochenlang gesperrt. Ärgerliche Umwege für Fahrer und Anwohner mussten in Kauf genommen werden, wollte man nicht in einer Sackgasse enden. Rechtzeitig, kurz vor Jahresende, wurden Gräben zugeschüttet, die Strassen frei gegeben, die belastenden Umwege fielen weg, man kam wieder schneller ans Ziel.

Wie ist es im Leben? Haben wir nicht alle die eine oder andere Baustelle, denen wir ausweichen, die unnötig an unserer Energie zerrt, weil sie uns immer wieder begegnet, Jahr für Jahr? Leider ist es im Leben nicht so einfach wie im Strassenverkehr, wo man Baustellen einfach zuschütten kann. Es braucht einen ersten Schritt, auch wenn es nicht einfach ist. Dies könnte ein Vorsatz für das neue Jahr sein. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein von Baustellen befreites neues Jahr.

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