Stadtbummel
Offener Brief an das Virus

Roger Rossier
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Gerne würde ich wissen, wie du dich fühlst. Vielleicht grossartig? Grossartig, weil du die Welt an Ketten gelegt hast. Etwas, was bisher keinem Diktator und keiner Terroristenorganisation gelungen ist.

Geniesst du den Moment, weil sich deinetwegen Menschen streiten, Angst haben, vereinsamen, schwer erkranken oder gar sterben? Bist du stolz auf dich, wenn Kleinstunternehmer wie grosse Firmen um ihre Existenz bangen, wenn einfache Angestellte und Arbeiter ihren Job verlieren?

Verspürtest du Schadenfreude, als ein Grenchner Wirt von Boulevardmedien an den Pranger gestellt wurde, weil er trotz Quarantäne nach Arbeitsschluss in seinem Betrieb nach dem Rechten sah? Freust du dich, wenn Kinder ihre selbst geschnitzten Latärnli und gelernten Lieder nicht am Räbeliechtli-Umzug vorführen können und deshalb die unvergessliche Magie einer solchen Nacht nicht erleben dürfen?

Gefällt es dir, wenn an Weihnachten viele draussen vor der Tür bleiben werden, weil deinetwegen grössere Familien­feiern nicht möglich sind? Was empfindest du, wenn alte Menschen in Alterszentren keine Besuche empfangen dürfen und verzweifeln, weil sie nicht wissen, ob sie nächstes Jahr noch unter uns weilen werden? Klopfst du dir auf die Schulter, wenn du siehst, wie sich Menschen vor anderen Menschen fürchten und sich augenscheinlich aus dem Weg gehen?

Findest du es cool, wenn Jugendliche bereits in der Grundschule Masken tragen oder Lehrabgänger ihre Diplome ohne würdigen Rahmen entgegennehmen müssen?

Lachst du dir ins Fäustchen, wenn der gesamte Breitensport lahmgelegt wird und sogar Junioren nicht mehr auf dem neu erstellten Kunstrasen Fussball spielen dürfen?

Warum richtest du so viel Schaden an? Wolltest du uns bestrafen, weil du beobachtet hast, wie die Welt aus dem Ruder läuft? Stelltest du fest, dass weltweit die Zahl der menschenverachtenden Staats­präsidenten zunimmt? Haben wir zu wenig gegen den Raubbau der Natur gemacht? Haben wir es mit der Mobilität übertrieben, weil wir glaubten, jede Ecke der Welt kennen lernen zu müssen?

Wir haben Infektionskrankheiten wie die Pest, die Pocken oder die Cholera besiegt und dachten, so etwas käme nie mehr vor. Wir belächelten bis vor einem Jahr die Asiaten, als sie mit Gesichtsmasken ausgerüstet unsere Uhrenindustrie besuchten. Heute sieht man im Zentrum Grenchens fast nur noch maskentragende Menschen. Wir haben im Sommer auf grosse Reisen verzichtet und uns auf unzählige Wanderungen oder Velotouren in der näheren Umgebung beschränkt.

Virus, wir haben die Lektion verstanden! Du hast uns unsere Grenzen und Fehler brutal vor Augen geführt. Es ist nun Zeit für dich, zu gehen. Oder du mutierst zu einem guten Virus, das zur Bekämpfung von bisher unheilbaren Krankheiten eingesetzt würde. Nützlich zu sein, ist das viel schönere Gefühl, als nur zerstörerisch zu wirken, das gilt auch für uns.

Du würdest eine bessere Welt, eine Welt voller Demut hinterlassen. Dafür haben wir einen sehr hohen Preis bezahlt.

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