Dass so viele Leute an der Vernissage im Kunsthaus Grenchen erscheinen würden, damit hatte Liliana Heimberg, die Projektleiterin von «Verschiebungen 18/18 – eine szenografische Annäherung an den Landesstreik» nicht gerechnet. Denn schon bevor die «Ausstellung» offiziell eröffnet wurde, war jeder Hocker im Foyer besetzt und Besucherinnen und Besucher lauschten gespannt den Geschichten, die da über Kopfhörer erzählt wurden.

Geschichten, die die Historikerin Edith Hiltbrunner in langen Recherchen und mühsamer Sucharbeit zusammengetragen hatte. Hiltbrunner erlangte den Mastertitel im Jahr 2010 mit einer Studie zum Thema Generalstreik 1918 in der Region Grenchen-Solothurn. Zwei Jahre später gab sie auch ein Buch zum Thema heraus.

Die Schweiz in der Krise

In ihrer Rede bezeichnete sie den Landesstreik als politische Krise, welche die Schweiz vor 99 Jahren durchlebt hat und die zum 100-Jahr-Jubiläum nächstes Jahr die Schweizerinnen und Schweizer immer wieder beschäftigen werde. Der Ausdruck «Landesstreik» suggeriere eine gewisse Einheitlichkeit, so Hiltbrunner. «Ein Streik, der das ganze Land erfasste. Die ganze Gesellschaft war betroffen. Dass dem nicht so war und dass der Landesstreik ganz unterschiedlich erlebt wurde, das ist das Ziel des Kunstprojekts ‹Verschiebungen 18-18›».

Kleine thematische Zusammenstellung von Aussagen aus den rund 30 Interviews, welche die Solothurner Kunstvermittlerinnen Alina Mathiuet, Sarina Pfluger und Simone Mutti in allen Regionen des Kantons zu Themen des Landesstreiks geführt haben.

Anhand verschiedener Quellen wolle man zeigen, wie Solothurnerinnen und Solothurner in verschiedenen Teilen des Kantons die Streiktage erlebten. «Manche waren davon kaum betroffen, für andere war es ein wichtiges Erlebnis in der persönlichen Biografie.» Willibald Beerli zum Beispiel arbeitete damals als Pater im Kloster Mariastein und wusste vom Generalstreik, weil dort stationierte Truppen dislozierten und die Nächte unruhig waren deswegen. Der Grenchner Uhrmacher Werner Triebold ging damals nach draussen, weil er die Schüsse hörte, die die Waadtländer Soldaten auf die Streikenden abgaben. Unter den Toten, die auf einer Treppe beim Restaurant Ochsen im Zentrum von Grenchen lagen, entdeckte er einen Bekannten.

Sie habe nach Stimmen gesucht, welche die politische Krise Landesstreik miterlebt haben. Entstanden sei eine Quellensammlung, ähnlich einem Teppich: An einigen Stellen dick gewoben, an anderen Stellen dünn oder gar mit Löchern, weil es zu einigen Akteuren keine Quellen gebe oder diese noch nicht entdeckt wurden.

Schwieriges Thema für Grenchen

Für Grenchen sei der Landesstreik ein schwieriges Thema, so Hiltbrunner, weil hier wie gesagt drei Männer vom Schweizer Militär erschossen wurden. Dieses Ereignis müsse man aus der damaligen Zeit heraus verstehen. «Die Zeiten waren unsicher, die aussenpolitische Situation nach dem Krieg instabil. Innenpolitisch war die Schweiz zerrissen, ein Drittel der Bevölkerung lebte in wirtschaftlicher Not und war auf Unterstützung angewiesen, die Parteien waren feindselig und gehässig.»

In Grenchen kam es zu einer unglücklichen Verkettung von ungünstigen Umständen und Fehlern. Die vom Solothurner Regierungsrat angeforderte Truppenverstärkung aus der Waadt traf just zu dem Zeitpunkt ein, als sich die bereits hier stationierten Truppen und Streikenden in Auseinandersetzungen befanden. Füsiliere wurden nicht über den Waffengebrauch instruiert, Patrouillen waren trotz anderslautender Weisung in zu kleinen Formationen unterwegs.

Wütende Streikende beschimpften die Soldaten, und in der aufgeladenen Stimmung erteilte ein Waadtländer Major den Schiessbefehl, der drei Uhrmacher das Leben kostete. Keineswegs das einzige Mal in jenen Jahren, dass Zivilpersonen durch das Militär erschossen worden seien, erläuterte Hiltbrunner: Ein Jahr zuvor schon verloren vier Menschen in Zürich bei der Niederschlagung einer Sympathiekundgebung für die Russische Revolution das Leben, ein Jahr nach dem Landesstreik wurden fünf Menschen in Basel getötet, als ein Generalstreik mit Waffengewalt niedergeschlagen wurde. Die Jahre 1917 bis 1921 waren Krisenjahre und der Landesstreik war die Spitze eines sozialen Konflikts, das politische System der Schweiz sei infrage gestellt worden.

«Eine kühne Angelegenheit»

Auch schwierige Themen wie der Landesstreik müssten thematisiert werden, sagte Stadtpräsident François Scheidegger in seinem Grusswort. «Es soll daran erinnert werden, der Kontext beleuchtet und ein Bezug zur Gegenwart hergestellt werden», so Scheidegger. Genau das gelinge mit dem Projekt «Verschiebungen 18/18». Scheidegger wies auch auf die eigene Geschichtsaufarbeitung der Stadt Grenchen hin, die demnächst in Buchform erscheint.

Die Macherinnen und Macher dieses Projekts hingegen hätten eine ungewöhnliche Art der Geschichtsvermittlung gewählt, die über das Ohr. «Sich der Geschichte über das Gehör zu nähern, ist in einer Welt, die immer stärker von Bildern dominiert wird, eine kühne Angelegenheit», meinte Scheidegger, der für die ungewöhnliche Art der Geschichtsvermittlung dankte.

Wichtige Wegmarke

Der Weg zur Gegenwart sei durch Wegmarken gezeichnet. Weniger wichtige und wichtige, sagte Landammann Remo Ankli anlässlich der Vernissage im Kunsthaus Grenchen. Der Landesstreik sei für die Schweiz und ganz besonders für den Kanton Solothurn eine wichtige Wegmarke. Das sei auch der Grund für den Regierungsrat, die Aktivitäten rund um das 100-Jahr-Jubiläum des Landesstreiks zu unterstützen.

Dabei handle es sich einerseits um das Projekt «Verschiebungen 18/18», das nun zum zweiten und letzten Mal mit fünf neuen Hörstücken auf Tournee durch den Kanton geht. Andererseits findet nächstes Jahr unter anderem in Olten ein grosses Theaterprojekt mit mehreren hundert Teilnehmenden statt – ein Projekt, an dem auch die Projektleiterin Liliana Heimberg als künstlerische Leiterin beteiligt ist.

Der Landammann hatte sich im Staatsarchiv die Protokolle der Regierungsratssitzungen in der fraglichen Woche rund um den 10. November angesehen. Der damalige Regierungsrat habe offensichtlich über viele Punkte, das Polizeiwesen etc. beraten, sich aber nicht einmal mehr getraut, die Dinge schriftlich festzuhalten. Es sei eine schwierige Zeit gewesen für den Kanton Solothurn. Die Feindseligkeiten seien so weit gegangen, dass sogar die Redaktion der Solothurner Zeitung Polizeischutz für sich und für die Zeitungsverträger angefordert habe.

Aber keine Seite habe ihre Anliegen letztlich durchsetzen können. So sei der Weg zur Sozialpartnerschaft geebnet worden. Ankli gab der Hoffnung Ausdruck, dass die Projekte rund um den Landesstreik nächstes Jahr eine nationale Ausstrahlung erreichen.