Grenchen

«Nur wer es selber gespürt hat...» – Stadtpolizisten werden getasert

Diese Woche haben die ersten Grenchner Stadtpolizisten ihre Ausbildung mit dem Elektroschockgerät Taser erhalten.

Zu dieser Ausbildung, welche Stadtpolizeikommandant Christian Ambühl mit seinem Korps durchführt, gehören ein theoretischer und ein praktischer Teil. Bei letzterem haben sich die Polizisten selber tasern lassen. «Nur so erfahren die Leute, wie sich der Einsatz des Gerätes als Betroffener anfühlt. Damit wird der verantwortungsvolle Umgang mit dem Taser unterstützt», begründet Ambühl die Notwendigkeit dieser «Taser-Taufe», die er selbstverständlich auch hinter sich hat.

Ambühl ist ein eigentlicher Experte des Tasereinsatzes, hat er doch in einer früheren Funktion die Sondereinheit des Grenzwachtkorps am Gerät ausgebildet und dieses auch schon mehrmals in Ernstfällen eingesetzt. Für ihn sind die gelben Geräte, die etwas aussehen wie eine Spielzeugwaffe, das Deeskalierungsmittel par excellence. «In den meisten Fällen genügt es schon, ein paar Funken zu erzeugen, dann kommen die Leute zur Vernunft», erklärt Ambühl. Die Funken sind auch zu hören, man fühlt sich allein vom Klang «elektrisiert». Und noch viel besser sei, dass man damit in den meisten Fällen auf den Schusswaffengebrauch verzichten könne. Ein solcher sei als letztes Einsatzmittel wenn immer möglich zu vermeiden. Eine Schussabgabe löst polizeiseitig auch immer Untersuchungen aus, weil die Folgen gravierend sein können.

Und die gemischten Patrouillen?

Trotzdem hat Ambühls Ankündigung, als erste Polizei im Kanton Solothurn vier Taser anzuschaffen, einigen Staub aufgewirbelt. Weil die Kantonspolizei noch auf das Gerät verzichtet, ist beispielsweise der Status der gemischten Patrouillen noch nicht geregelt, wie Ambühl einräumt. Dennoch galt es diese Woche für die ersten drei Grenchner Stadtpolizisten ernst mit der Taser-Ausbildung. Nach einem theoretischen Teil über die rechtlichen Grundlagen und die Technik des Gerätes amerikanischer Provenienz folgte ein praktischer Teil, in welchem Einsatzsituationen geübt wurden. Die Nordbahnhof-Turnhalle dient dazu als Ausbildungsbasis.

Hier wurde die Manipulation an der Waffe geübt, zuerst mit «blinder» Munition, dann im scharfen Schuss. Die Geräte können bis zu einer Distanz von gut sieben Metern eingesetzt werden, bei einer idealen Einsatzweite von 3 bis 5 Metern. Das Magazin enthält zwei «Schüsse».

50'000 Volt im Leib

Diese bestehen aus einem Doppelsatz kleiner Metallpfeile mit Widerhaken, die durch einem dünnen Draht mit dem Gerät verbunden sind. Ein Laserpointer hilft beim Zielen. Danach werden während 5 Sekunden Stromstösse einer Spannung von 50 kV (bei gleichzeitig nur wenigen Milliampere Stromstärke) ausgesandt, welche die Muskulatur lahmlegen bzw. kontrahieren. Gegebenenfalls kann der Stromstoss verlängert werden. Das «Opfer» kann sich nicht mehr bewegen.

Nach der Theorie galt es, erste scharfe Schüsse auf «gfürchig» aussehende Pappkameraden abzufeuern. Und das richtige Herausziehen der Pfeile zu üben, danach war nach einer schriftlichen Prüfung der Selbstversuch angesagt.

Um unnötige Verletzungen zu vermeiden, wurden die Elektroden mittels Klammern an der Kleidung befestigt. Zwei Kameraden hielten zudem den Probanden fest, um einen unkontrollierten Sturz abzufedern. Diese spüren übrigens nichts vom Stromstoss.

«Das Schlimmste für mich war das Warten, bis der TV-Journalist die Kamera scharf gestellt hatte», sagt Stadtpolizist Stefan Künzli, leicht säuerlich grinsend nach dem schmerzhaften Erlebnis. Und dann ernsthafter: «Es waren sehr, sehr lange fünf Sekunden. Jede Sekunde länger als die vorher.»

Gelähmtes Zwerchfell

Auch Marco Regolo und die taffe Polizistin Iris Brunner stellten sich der Herausforderung. Schmerzensschreie bei allen dreien inklusive. «Der Schmerz ist intensiv von Kopf bis Fuss spürbar. Ich hatte zudem den Eindruck, dass mich jemand mit aller Macht gegen die Brust tritt. Ich konnte nicht mehr atmen», erklärt Brunner. – «Dies kommt von der Lähmung des Zwerchfells», erklärt Mario Wiesenthal, Leiter des Rettungsdienstes. Er war für den Notfall auf Posten, denn in seltenen Fällen könne es nach einem Tasereinsatz zu Herzflimmern kommen.

Die beiden Kandidaten und die Kandidatin haben den Tasertest bestanden und konnten vom Kommandant ein entsprechendes Diplom entgegennehmen. In den nächsten Wochen sollen weitere Stadtpolizisten am Gerät ausgebildet werden.

Meistgesehen

Artboard 1