Industrieverband Grenchen
Noch überwiegt die Zuversicht bei den Industrievertretern

Der St. Galler Ökonom Ralf Seiz war «Stargast» am Wirtschaftsforum des Industrie- und Handelsverbandes Grenchen und Umgebung (IHVG) im Parktheater.

Andreas Toggweiler
Merken
Drucken
Teilen
Der Ökonom Ralf Seiz im Gespräch mit Reto Kohli, Dominik Blösch und Silvio Bertini.

Der Ökonom Ralf Seiz im Gespräch mit Reto Kohli, Dominik Blösch und Silvio Bertini.

Hanspeter Bärtschi

Sven Zybell, Vizepräsident des IHVG, stellte den laut NZZ «einflussreichsten Ökonomen der Schweiz» vor, der zum Thema «Finanzanlagen im heutigen Umfeld» referierte. «Damit setzen wir einen Kontrapunkt zum allgegenwärtigen Thema Corona», meinte Zybell.

«Es wurde alles und jedes gerettet»

«Werden der Staat und die Zentralbanken uns immer wieder retten können?», lautete eine von Seiz’ bereits zu Beginn in den Raum gestellt Frage. Eine Frage, die er – er räumte es ein – nicht beantworten könne. Aber: «Diesmal hat es jedenfalls funktioniert.» So hätten die Länder und Zentralbanken durch massive Interventionen die Wirtschaft vor den schlimmsten Auswirkungen der Coronakrise bewahren können. «Alle haben sich massiv verschuldet.»

Dies habe in erster Linie einen beispiellosen Börsenboom ausgelöst, was man zurzeit an der Kapitalisierung der grossen (Tech-)Konzerne beobachten könne. Vor allem diese hätten von Corona profitiert. Der «Wall Street» stellte er die «Main Street» (Realwirtschaft) gegenüber. Diese zahle durchaus ihren Preis mit sinkendem BIP, steigender Verschuldung und Umverteilung von arm zu reich.
«Es wurde beliebig Geld gedruckt und alles gerettet, jeder Blumenladen, jede Bank», sagte Seiz. Dies habe zur Überhandnahme von sogenannten «Zombie-Firmen» geführt – Firmen, die mit ihrer Geschäftstätigkeit nicht einmal die Zinsen ihrer Schulden begleichen können. Der Anteil dieser Firmen betrage normalerweise etwa 2 Prozent, jetzt seien es 12 Prozent. «Notwendige Marktbereinigungen werden verhindert», gab Seiz zu bedenken.

Positives Bild von Aktienanlagen

Vom Aktienmarkt an sich zeichnete er ein positives Bild. Dieser erziele trotz der Rückschläge auf lange Sicht positive Renditen, und das mache ihn für diese Anlageklasse zuversichtlich, sofern man die Regeln der Kunst (z. B. Diversifikation) beachte.

Der Umstand, dass z. B. Tesla innerhalb einer Woche mehr als 100 Milliarden an Wert zugelegt und jetzt mehr Börsenwert habe, als alle europäischen Autobauer zusammen, müsse schon etwas stutzig machen. «Es gab auch schon Überflieger, von denen man heute kaum mehr redet, beispielsweise Nokia.»
Unter der Leitung von Reto Kohli unterhielt sich Seitz anschliessend mit Silvio Bertini, Finanzchef bei der Firma Mawatec, und Dominik Blösch, CEO der zur Blösch-Gruppe gehörigen Platit AG. Die Krise dürfe nicht davon abhalten, in moderne Produktionsmittel zu investieren, waren sich Blösch und Bertini einig. «Sonst sind wir produktionstechnisch schnell weg vom Fenster.»

Vor dem Referatteil hielt der IHVG unter dem Vorsitz von Erwin Fischer seine Generalversammlung ab. Im Vorstand kam es zu einigen Mutationen. Für die abtretenden Hans-Rudolf Gottier, Jean-Claude Cattin und Reto Stöckli wurden neu Damiano Casafina, Richard Aschberger und Ronnie Dürrenmat ins Gremium gewählt. Reto Kohli orientierte, dass nach Zuschuss in die Stiftung in der Höhe von 30000 Fr. die drei nächsten Ausgaben der Berufsmesse IB Live von 2022, 2024 und 2026 (finanziell) gesichert seien.