Grenchen
Nimmt die Sanierung des ehemaligen Warenhauses an der Löwenkreuzung endlich Gestalt an?

Das Dach der Bielstrasse 1 und 3 an der Löwenkreuzung in Grenchen ist mit Baublachen bedeckt. Warum dieses jedoch bedeckt wurde, weiss niemand.

Daniela Deck
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Das Gebäude ist in schlechtem Zustand. Das schon undichte Dach wurde mit Bauplanen abgedeckt.

Das Gebäude ist in schlechtem Zustand. Das schon undichte Dach wurde mit Bauplanen abgedeckt.

Oliver Menge

Nach den erfreulichen Nachrichten aus der Arztpraxis Bamberger am Mittwoch macht ein weiteres Gebäude an der Bielstrasse von sich reden. Doch diesmal ist noch nicht klar, ob es sich um eine gute oder eine schlechte Nachricht handelt: Seit einigen Wochen ist das Dach der Bielstrasse 1 und 3 an der Löwenkreuzung mit Baublachen abgedeckt.

Ist der provisorische Schutz des Daches ein weiterer Beweis für den Zerfall des einstigen Prachtgebäudes aus dem Jahr 1950? Mieter der Liegenschaft hatten schon früher nach Sturmwinden Ziegel auf der Strasse gefunden. Oder deutet die Massnahme darauf hin, dass die Sanierung endlich bevorsteht?

Im Besitz einer Briefkastenfirma

Niemand weiss es. Die zuständige Liegenschaftsverwaltung in der Stadt Bern gibt keine Auskunft und verweist an die Eigentümerin, die Granges 135 SA (so benannt nach den drei beteiligten Hausnummern der Biel strasse). Dabei handelt es sich um eine Briefkastenfirma mit Sitz in Lausanne. Die Firma ist für Anfragen nicht erreichbar.

Nach dem Verkauf des einstigen Warenhauses (erst Meyer Söhne, später Innovation) 2017 war die Hoffnung gross, dass ein Investor sich der markanten Häuserzeile annehmen würde. Diese ist dringend sanierungsbedürftig und zeigt im hinteren Teil (Hausnummern 3 und 5) Zerfallserscheinungen. Ein riesiges Volumen auf drei Stockwerken, respektive vier Stockwerken: Bielstrasse 3, wartet auf die Erneuerung.

Die grossen (Schau-)Fensterfronten, teilweise nur einfach verglast, sowie die fehlende Wärmedämmung der 70-jährigen Mauern machen die Liegenschaft zum energetischen Albtraum. Die Mieter haben schon vor Jahren zur Selbsthilfe gegriffen, um ihre Heizkosten zu senken. So hat zum Beispiel das Digirama neue Fenster eingebaut. Mieter machen sich Sorgen um das geschützte Gebäude.

Das Gebäude vereinigt alle Merkmale des 50er-Jahre Stils auf sich

«Ein wahres Bijou von einem Bau der 50er Jahre verkörpert das Geschäftshaus des ehemaligen Warenhauses Meyer Söhne AG (Architekten Gebr. Bernasconi, Nidau und Biel) - später Innovation - an der Löwenkreuzung in Grenchen», heisst es im «Grenchner Stadtwiki» unter dem Eintrag «Bauten der 50er-Jahre». Obwohl der Bau sehr früh, nämlich schon im Jahre 1950, ausgeführt wurde, vereinigt er alle Merkmale des 50er Jahre Stils auf sich.

«Das Gebäude zählt gewiss zu den schönsten Vertretern dieser Epoche in Grenchen», heisst es weiter. Der untere Teil ist den Schaufenstern und dem Eingang reserviert. Abgetrennt und geschützt von einem Vordach, bilden Eingang und Schaufenster den tragenden Teil der dreigeschossigen Fassade. Im oberen Teil der Fassade, jeweils über den Fensterfronten setzten die Erbauer Kunststeinplatten ein mit quadratischer Musterung unten und über der oberen Fensterfront mit Mäandermuster.

Das durch Stufengesimse und Nut abgesetzte Flugdach mit seinen vertieften Rechteckmustern schliesst die Fassade nach oben ab und setzt sie in ihren eigenen Raum. Die beiden Fensterfronten wirken als aufgesetzte Bänder. Die grossen, zurückgestuften Glasflächen mit der filigranen Unterteilung verleihen dem Gebäude Eleganz und Leichtigkeit.

Die abgeschrägte Schaufensterecke an der Löwenkreuzung (pfeilergestützter Unterzug) sollte der Übersicht der vielbefahrenen Kreuzung dienen, wie aus dem damaligen Projektbeschrieb hervorgeht. Verkehrssicherheit war schon vor einem halben Jahrhundert eine wichtige Sache. (rrg)

Interesse scheint auf Mieteinnahmen beschränkt

Bisher gibt es keine Anzeichen, die auf eine grundlegende Renovation hindeuten. Wie schon zu Zeiten des Vorbesitzers scheint das Interesse der neuen Besitzerin auf die Mieteinnahmen beschränkt. Dem Vernehmen nach soll es im Hintergrund der gesichtslosen SA einen Investor geben, der im Dachstock der einstigen Innovation ein Geschäft eröffnen will. Falls das stimmt, so lässt sich das Unternehmen Zeit.

Seit dem Verkauf an die Granges 135 sind schon dreieinhalb Jahre vergangen. «Wir machen uns Sorgen um den Zustand des Daches. Die Abdeckung mit Baublachen ist auf längere Sicht keine Lösung», sagt Pascal Brunner, Inhaber des City Fit im ersten Stock. Diese Bedenken teilt die Stadtverwaltung. Angesichts der prominenten Lage im Zentrum hat die Stadt grosses Interesse an der Erhaltung des einstigen Warenhauses.

«Die Liegenschaft Bielstrasse 135 hat den Schutzstatus kommunal erhaltenswert», sagt Stadtbaumeister Aquil Briggen. «Die Liegenschaft hat einen sehr prominenten Standort in Grenchen und daher einen hohen Stellenwert für das Grenchner Stadtbild. Die Löwenkreuzung ist historisch und auch heute noch ein bedeutender Verkehrsknoten.» Entsprechend müsse zu den umliegenden Gebäuden Sorge getragen werden.

Stadt will Eigentümerin in die Pflicht nehmen

Offenbar sollen diesen Einschätzungen Taten folgen. Denn Briggen erklärt: «Wir kennen den baulichen Zustand des Gebäudes und haben mit den verantwortlichen Personen Kontakt aufgenommen.» Welche Forderungen die Baudirektion stellt und bis wann diese erfüllt sein sollen, dazu gibt Briggen keine Auskunft. Ebenso wenig darüber, ob die Baudirektion Massnahmen zur Instandstellung verfügt hat oder beabsichtigt, eine solche Verfügung zu erlassen. Grundsätzlich, so Briggen, habe die Behörde die Möglichkeit, Sanierungsmassnahmen zu verfügen.

Stadtpräsident François Scheidegger hat sich vor einem halben Jahr inoffiziell ein Bild der Sanierungsbedürftigkeit des Geschäftsgebäudes gemacht, wie er sagt. Besonders die Südseite der Gebäudeteile 3 und 5 (an der Breitengasse) sei «in einem schlimmen Zustand». Er hofft auf eine rasche Sanierung, gibt aber zu bedenken: «Ein Bauprojekt in dieser Grössenordnung ist anspruchsvoll in der Planung. Da braucht es Geduld.»