Grenchenberg
Nicht nur Grenzen zwischen Kulturen überwinden: Diese Mauer hat viele Zwecke

16 Jugendliche aus vier Ländern renovierten auf der Wandfluh gemeinsam eine Trockenmauer.

Noëlle Karpf
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Naturkultur-Lager auf dem Grenchenberg
9 Bilder
Hier oben auf der Wandfluh haben die 16 Jugendlichen aus vier Ländern während neun Tagen zusammen gearbeitet.
Die Trockenmauer auf der Wandlfluh ist etwas über 100 Meter lang.
Drei Teilnehmer des Jugendlagers (von links): Rawda Hussein, 19 Jahre alt, Palästina, John Boder, 22 Jahre alt, Palästina, Shani Rosenblit, 19 Jahre alt, Israel.
Anfang Woche haben die Jugendlichen alte Teile der Mauer abgerissen. Nach neun Tagen haben sie die Mauer mit neuen Steinen wieder aufgefüllt.
Diese Mauer soll als Kulturerbe auch noch in 100 Jahren stehen.
Auch sie haben am Lager teilgenommen (von links): Ryan Dorgan, 20 Jahre alt, Irland und Dominic Glaaser, 17 Jahre alt, Kanton Aargau.
Die Jugendlichen arbeiten den ganzen Tag an der Trockenmauer, die Sponsoren und Projektpartner schauen zu.
Bereits zum fünften Mal fand das alljährliche Lager des Vereins Naturkultur statt. Trockenmauer Lager Naturkultur Grenchenberg Jugendliche

Naturkultur-Lager auf dem Grenchenberg

Noëlle Karpf

«Ihr habt wirklich viele Kühe hier», sagt John. Der 22-jährige Palästinenser ist zum ersten Mal in der Schweiz. Er verbrachte neun Tage lang auf dem Grenchenberg, zusammen mit 15 anderen Jugendlichen aus der Schweiz, Palästina, Israel und Nordirland. Sie alle nahmen am Projekt und Jugendlager «Building Walls – Breaking Walls» teil, organisiert vom Solothurner Verein Naturkultur.

Es sei schon eindrücklich gewesen, einmal wie die Leute in den Bergen zu leben, sagt der Palästinenser, der dieses Landschaftsbild von seiner Heimat her gar nicht kennt. Seine 19-jährige Kollegin Rawda nickt zustimmend. Die Kühe seien ja schon etwas angsteinflössend gewesen. Diese Angst habe sie aber inzwischen abgelegt. Jeden Tag mussten die Jugendlichen nämlich über Wiesen und Viehweiden marschieren, um zu der Trockenmauer auf der Wandfluh zu gelangen.

Brücke zwischen Kulturen

Den Jugendlichen soll die Arbeit an der Trockenmauer vor allem helfen, Grenzen zwischen den Kulturen zu überwinden. So arbeiteten Israeli und Palästinenser, nordirische Protestanten und Katholiken jeden Tag gemeinsam auf der Wandfluh. Sie sollen eine physische Mauer bauen und gleichzeitig symbolische Mauern niederreissen. Wie die «Peace Wall» in Nordirland, die katholische und protestantische Quartiere voneinander trennt. Oder die Sperranlage, die eine Grenze zwischen Israel und dem Westjordanland – einem Teil von Palästina – darstellt.
«Das war eine gute Erfahrung», sind sich die Teilnehmer des Jugendlagers einig.

«Ich habe noch nie zuvor gemauert», erklärt der 17-jährige Dominic aus dem Kanton Aargau. Diese Erfahrung habe ihm gutgetan. Nebst dem Handwerk sei es auch toll gewesen, andere Kulturen kennen zu lernen, erzählt die 19-jährige Rawda, die sich selbst als Vertreterin Palästinas vorstellt. Ihr Kollege John stimmt wieder zu. Das Essen in der Schweiz sei ja auch sehr gut, und die Leute ganz lustig. Und nach der Woche haben die Palästinenser auch ihre anfängliche Angst vor Kühen überwunden.

Kulturerbe, Ortsgrenze, Viehzaun

Bereits zum fünften Mal fand das Jugendlager auf dem Grenchenberg statt. Dabei steht stets die Trockenmauer im Schwerpunkt: Die Jugendlichen bauen die Mauer gemeinsam mit ihren Gruppenleitern zurück und erneuern sie dann mit frischen Steinen. So erlernten die 16 Teilnehmer einen Teil des Trockenmaurer-Handwerkes. Daneben standen auch Aktivitäten wie Wandern oder Klettern, kultureller Austausch und gemeinsames Kochen auf dem Lager-Programm.

«Wir hatten dieses Jahr wirklich sehr gutes Wetter», zieht Lagerleiter Jörg Lötscher Bilanz. Der Präsident des Vereins, Oliver Schneitter, fügt hinzu, einige Teilnehmer packe es von Beginn an, andere müsse man etwas mehr motivieren – das sei aber ganz normal. «Und am Schluss nehmen alle ihre Erfahrungen mit.» Die Mauer erfülle dabei gleich verschiedene Zwecke auf einmal. «Wir bauen hier eine Mauer, die noch 100 Jahre lang stehen kann», sagt Lötscher. Die Mauer trage ganz unterschiedliche Handschriften – je nach Steinsorte und Menschengruppe, die daran gearbeitet hat. So erhalte man ein wichtiges Kulturgut.

Früher war so eine Trockenmauer aber auch ein Zaun für das Vieh auf der Weide. Gleichzeitig markiert sie die Grenze zwischen Grenchen und Bettlach auf der Wandfluh. «Und Wanderer haben einfach so Freude, wenn sie die Mauer beim Vorbeigehen betrachten können», fügt Lötscher an.