Manch ein Grenchner, Bettlacher oder Lengnauer bekommt seine Post seit kurzem nicht mehr zur gewohnten Zeit am Morgen, sondern unter Umständen erst am Nachmittag. Ein Umstand, der die Leute ziemlich verärgert, wie man oft vernimmt. Sie lassen ihren Frust dann an denen aus, die am wenigsten dafür können: den Briefträgern – oder wie es im Fachjargon heisst, den Zustellern.

Angefangen hat das Ungemach damit, dass die Briefträger Anfang September in ein neues Zentrum in Bettlach verlegt wurden und ihre Touren neu von dort aus machen. Die alte Briefzentrale in Grenchen war zu eng geworden. Von Bettlach aus operieren etwas über 50 Briefträger für die Gemeinden Grenchen, Bettlach, Selzach, Lengnau, Pieterlen, Meinisberg und Safnern. Und, wie das oft üblich ist, wenn neue Räumlichkeiten bezogen werden, schraubte man an den bestehenden Arbeitsstrukturen und stellte die gesamte Organisation auf den Kopf: Touren wurden neu definiert, der Innendienst neu organisiert.

Andreas Keller von der Gewerkschaft Syndicom erklärt: «Diese Umstellung erfolgt in der gesamten Schweiz. Neu werden die Adressen digital erfasst und die Briefe werden in einer der drei grossen Zentralen, beispielsweise in Härkingen, dann entsprechend der Routen, welche die Briefträger laufen, automatisch sortiert.

Die Routen werden auf der Basis von Karten und früheren Erhebungen vom Computer zusammengestellt und funktionieren in der Theorie. Aber eben, in der Praxis funktioniert es dann manchmal nicht. Dann muss man Feinjustierungen vornehmen – und damit habe man in Bettlach einfach viel zu spät begonnen.

Die Umstellung hatte in der neuen Zentrale in Bettlach zur Folge, dass einerseits Briefträgerteams aufgelöst und neu gebildet wurden, die Postboten ihre Post zum Teil selber sortieren mussten und unterschiedlich lange, neue Touren zugewiesen bekamen.

Der Ärger war gross: «Da beschliesst irgend ein Sesselfurzer, alles auf den Kopf zu stellen, obwohl er keine Ahnung von unserer Arbeit hat», sagt ein Briefträger, der namentlich nicht genannt werden will. Manche Touren umfassten nun plötzlich über 750 Haushalte, wogegen andere Briefträger nur knapp 400 Haushalte zu bedienen haben. «Manche Leute, die bisher ihre Post um 9 Uhr oder früher im Briefkasten hatten, erhalten diese erst am Nachmittag, weil sie am Ende einer überlangen Tour gelandet sind.»

Kommt dazu, dass die Post neuerdings auch Betreibungsunterlagen zustellt mit bis zu vier Zustellversuchen pro Tag. «Wenn man die Leute am Nachmittag nicht erreicht, muss man nach 17 Uhr nochmals los, da dauert dann ein Arbeitstag plötzlich 12 Stunden, weil man schon um 5 Uhr in der Früh begonnen hat.»

Zwar seien keine Stellen abgebaut worden, im Gegenteil: Einigen Briefträgern, welche in einem Teilzeitpensum angestellt sind, wurde das Pensum erhöht. Aber auch das reichte nicht, um die Defizite, welche die Neuorganisation offensichtlich mit sich brachte, abzufedern.

Kontakt mit Gewerkschaft

Statt aber die Faust im Sack zu machen, nahmen die Briefträger Kontakt mit Vertretern ihrer Gewerkschaft «Syndicom» auf. Andreas Keller von der Syndicom Bern suchte das Gespräch mit den beiden Verantwortlichen in der Region, Reto Clavadetscher und René Guillaud.

Keller wurde zu einer Sitzung nach Bettlach eingeladen und konnte vor Ort mit den Betroffenen kurze Einzelgespräche führen. Was er hörte, übertraf seine schlimmsten Erwartungen: «In den 16 Jahren, in denen ich bei der Syndicom bin, habe ich noch nie so etwas erlebt.»

Das Personal stehe unter einem sehr starken Leistungsdruck. Er habe den Eindruck gewonnen, dass etliche kurz vor einem Zusammenbruch stehen oder innerlich schon gekündigt haben. Viele klagten über körperliche Beschwerden wie Rückenschmerzen und Schlaflosigkeit, viele auch über Probleme im privaten Bereich, die auf die Überbelastung zurückzuführen seien.

Keller: «Es gibt in den meisten Firmen immer Stänkerer, die alles nur schlecht finden, aber auch Angepasste, die immer Verständnis aufbringen. In Bettlach habe ich aber keine einzige positive Aussage gehört! Alle waren derselben Meinung.» Konkret: Viele hatten regelmässig Arbeitszeiten von über 10 Stunden pro Tag und nicht selten wurden innerhalb von zwei Monaten über 80 Überstunden angehäuft, ohne Möglichkeit der Kompensation innert nützlicher Frist.

Das Gespräch mit den Verantwortlichen sei sehr konstruktiv verlaufen, diese hätten auch Massnahmen, wie die Anstellung zusätzlicher Arbeits- und Hilfskräfte, in Aussicht gestellt. Massnahmen, die laut Keller zu spät greifen. «Der gesundheitliche Zustand des Personals ist katastrophal und man steuert unweigerlich auf ein Desaster zu. Das Arbeitszeitgesetz wird ständig übertreten und die Fürsorgepflicht täglich verletzt.»

Keller bezweifelt auch, dass der Zeitpunkt für den Umzug und die Umstellung so kurz vor Weihnachten gut gewählt waren. Dem widerspricht die Post allerdings und stellt fest, dass der Zeitpunkt des Umzugs bewusst so gewählt worden sei (siehe separater Artikel).

Jetzt wird optimiert

Weil sich die Briefträger Grenchens und Umgebung zur Wehr setzten, wird nun die Neuorganisation überarbeitet und optimiert, diesmal mit Einbezug der Betroffenen. Ganz Zurückbuchstabieren könne man nicht, aber wenigstens würden die Direktbetroffenen jetzt auch angehört: Von jeder der regionalen Briefträgergruppen würden nun ein bis zwei Personen beigezogen, um bei den notwendigen Optimierungen mitzuhelfen, heisst es seitens der Briefträger. Auch seien die verantwortlichen Führungspersonen jetzt auch aktiv vor Ort in Bettlach.

Bis die «neue» Neuorganisation allerdings zum Tragen kommt und die Post wieder zu einer «normalen» Zeit ausgeliefert wird – falls überhaupt –, dürfte noch einige Zeit verstreichen. Aber wenigstens ist man daran, die Ungleichheiten bei den Touren anzupassen und auszugleichen.