Kurz vor zehn Uhr am Freitagmorgen war es im Tissot Velodrome soweit: Samuel Flückiger hatte soeben den 641. Kilometer zurückgelegt und damit einen neuen 24- Stunden-Rekord in der Altersklasse 50-60 aufgestellt.

Freunde und Bekannte waren zum Gratulieren gekommen, die Siegeshymne «We are the champions» erklang und der 58-jährige Utzenstorfer gönnte sich eine letzte kurze Pause; schwang sich danach aber wieder aufs Rad, denn schliesslich blieb ihm eine knappe halbe Stunde Zeit, um die Rekordmarke noch höher zu schrauben.

Der Tritt wirke dabei weiterhin erstaunlich rund, die Ideallinie verliess er kaum und ein Lächeln – so schien es – umspielte seine Lippen. Schliesslich hatte Samuel Flückiger 652,808 Kilometer in 24 Stunden zurückgelegt, über 2611 Runden auf dem 250-Meter-Oval gedreht. Das entspricht einem Stundenmittel von 27,2 Kilometern, wobei die Pausen dabei natürlich miteingerechnet sind. Im Sattel brachte er es auch gegen Schluss noch auf über 31 Stundenkilometer.

Schuhe ausziehen, Gratulationen entgegennehmen, Interviews geben, hiess es danach für den Ausdauersportler. Er sei sehr zufrieden und glücklich, müde, aber nicht kaputt, gab er zu Protokoll. Schmerzen verspüre er eigentlich nur im Handgelenk. Gestartet war Samuel Flückiger am Donnerstagmorgen um 10.30 Uhr. Und das ziemlich schnell. In den ersten Stunden legte er jeweils um die 34 Kilometer zurück. Zu schnell? «Es war geplant, schnell anzugehen. Denn man weiss, dass es gegen Schluss immer härter wird, die Pausen häufiger», erklärte der neue Rekordhalter dazu.

Freude pur. Von links nach rechts: Velodrome-Geschäftsführer Peter Wirth, Betreuer René Schiegg, Rekordmann Samuel Flückiger, die Velodrome-Mitarbeiterinnen Barbara Wirth und Elena von Ballmoos sowie Betreuer Hans Wüthrich

Freude pur. Von links nach rechts: Velodrome-Geschäftsführer Peter Wirth, Betreuer René Schiegg, Rekordmann Samuel Flückiger, die Velodrome-Mitarbeiterinnen Barbara Wirth und Elena von Ballmoos sowie Betreuer Hans Wüthrich

Mitten in der Nacht, so nach gut 13 Stunden habe er realisiert, dass das Unterfangen wohl gelingen würde. Kurz danach hätten ihn aber die wohl unvermeidlichen Krisen erwischt: «Dann ist es reine Kopfsache, dennoch durchzukommen.» Aber vor allem seine beiden Betreuer hätten ihm dabei rausgeholfen. Diese sind in der Radsportszene keine Unbekannte. Hans Wüthrich ist ein ehemaliger Elite-Rennfahrer, der heute in Burgdorf einen Rennshop betreibt.

Der Selzacher René Schiegg hat das 24-Stunden-Abenteuer bereits hinter sich. Mit 610, 135 Kilometern hält er den Rekord der über 60-Jährigen. Die Beiden waren für die Verpflegung zuständig, für das Reparieren eines allfälligen Defektes, und eben als moralische Stütze unentbehrlich. Engagiert hat sich selbstredend auch das Velodrome-Team. Geschäftsführer Peter Wirz hielt die Interessierten via Soziale Medien auf dem Laufenden, Hallenchef Juan Espasandin und sein Stellvertreter Kilian Krähenbühl sorgten dafür, dass die Zeitmessung stets funktionierte.

Samuel Flückigers sehnlichster Wunsch nach dem Husarenritt war der nach einer Dusche. Wie lange er seine Parforce-Leistung wohl noch spüren werde? «Im Moment fühlt es sich nicht schlecht an. Am Montag werde ich auf jeden Fall wieder an meinem Arbeitsplatz bei der JHCO Elastic in Zofingen stehen.»

Einen Traum hegt der mehrfache Weltrekordhalter in Sachen Extremsport (Rad, Inline-Skating) noch: Er möchte einmal am «Race Across America», dem härtesten Velorennen der Welt, teilnehmen. Rein sportlich ist das kein Problem. Der Knackpunkt sind die Finanzen: «Um die 60'000 Franken würde eine Teilnahme wohl kosten. Mal sehen. Vielleicht schliesse ich mich auch einem Team an.» Sagt es, begibt sich zu den letzten Fototerminen und dann endlich unter die ersehnte Dusche.

Samuel Flückiger gibt sich vor dem Start zu 24-Stunden-Rennen im Velodrome zuversichtlich

Samuel Flückiger gab sich vor dem Start zu 24-Stunden-Rennen im Velodrome zuversichtlich