Grenchen
Neuer Dirigent, neues Konzept: Das Stadtorchester wagt den Neustart

Der neue Dirigent des Grenchner Stadtorchesters Ruwen Kronenberg erklärt, was vom neuen Konzept zu erwarten ist.

Nadine Schmid
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Der Grenchner Musiklehrer Ruwen Kronenberg übernimmt den Taktstock des Stadtorchesters.

Der Grenchner Musiklehrer Ruwen Kronenberg übernimmt den Taktstock des Stadtorchesters.

Nadine Schmid

Am 8. April hält das Stadtorchester in seiner bisherigen Form sein letztes Konzert mit dem verdienten und langjährigen Dirigenten Daniel Polentarutti ab. Danach wird Musikschullehrer und Profimusiker Ruwen Kronenberg (42) den Taktstock schwingen.

In Grenchen aufgewachsen, spielte Kronenberg zum ersten Mal mit sechzehn im Stadtorchester. Später nach seiner Ausbildung zum Geigenlehrer in Basel wirkte er als Zuzüger mit. Er ist in verschiedenen Formationen musikalisch tätig und setzt sich dabei nicht nur mit Klassik, sondern mit den verschiedenen Genres der Musik auseinander, so mit der Volksmusik, der Unterhaltungsmusik und dem Jazz.

Herr Kronenberg, es wurde von einem neuen Konzept für das Stadtorchester gesprochen. Wie würden Sie dieses umschreiben?

Ruwen Kronenberg: Ich wurde von Vereinsseite angefragt, ein Konzept auszuarbeiten, das die Kosten senkt und den Nachwuchs sichert. Die letzten Konzerte brachten rote Zahlen. Die Konzerte sollen in Zukunft weniger kosten, es wird weniger Zuzüger brauchen und es wird eine stärkere Zusammenarbeit mit der Musikschule geben. Die Literatur wird angepasst, sodass sie für den Nachwuchs spielbarer wird. Das Orchester erhält dadurch eine Chance auf die Zukunft. Wenn das Orchester so weitergemacht hätte wie bisher, hätte es möglicherweise irgendwann nur noch aus Zuzügern bestanden. Der Nachwuchs fehlt komplett. Man schaffte es zwar immer wieder, jemand Junges hereinzuholen, aber nur für kurze Zeit.

Das Stadtorchester hatte stets die Tore für den Nachwuchs offen. Was denken Sie, ist der Grund für das geringe Interesse der Jungen?

Das kann viele Gründe haben. Ein Grund ist aber sicher der hohe technische Anspruch. Es wird vom Nachwuchs erwartet, dass er bereits das nötige Rüstzeug mitbringt. Das Stadtorchester nahm zuvor wenig Rücksicht auf Nachwuchsspieler. Es hat ja eine glorreiche Zeit hinter sich. Die Uhrenpatrons leisteten sich ein grosses Orchester, Profis wurden zugezogen. Kaum einer der Dirigenten hat dieses Konzept je hinterfragt, sondern mit Begeisterung übernommen.

Man sagt aber auch, dass anspruchsvolle Literatur den Ehrgeiz weckt.

Sicher. Aber wir können von den wenigsten Jungen heute ein solches Engagement erwarten. Wenn wir wollen, dass sie länger bleiben, dann gilt es, Rücksicht zu nehmen. Ich muss auch sagen, dass ich meine Schüler nicht überfordern oder verbrennen will. Musik soll fordern, aber auch Spass machen. Von meinen Schülern hat kaum jemand Interesse fürs Stadtorchester geäussert. Obschon ich die Konzerte jeweils ankündete, kamen zudem nur wenige als Zuhörer.

Wie viele Musikschüler werden beim Stadtorchester mitspielen?

Da das Streicherensemble der Musikschule eine sehr starke soziale Gruppe ist und zusammenbleiben will, werde ich versuchen, es als Ganzes mitzunehmen. Es wären zehn bis fünfzehn Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 12 bis 25 Jahren. Das Ensemble soll es aber weiterhin an der Musikschule geben. Im Orchester mitzumachen, ist ganz klar freiwillig. Neben dem Ensemble für die Kleinen werde ich also wieder eines für die Grösseren aufbauen. Es wird eine Durchmischung geben im Orchester. Zusammen können sich die Jungen zudem leichter integrieren.

Der Entscheid des Orchesters wurde nicht einstimmig gefällt. Wird es Rücktritte geben?

Das kann sein. Ich hoffe aber, dass viele bleiben. Verein und Orchester brauchen alle Altersklassen. Solche Diskussionen sind übrigens nicht neu, es gibt sie bereits seit etlichen Jahren. Die Entscheidung war ganz sicher keine leichte. Wir alle mögen Daniel Polentarutti, er ist sehr umgänglich und beliebt. Es war für uns beide keine angenehme Situation, ich war plötzlich der Konkurrent. Ich habe eigentlich nicht geplant, das Orchester zu übernehmen, doch dann wurde ich gefragt. Durch meine Tätigkeit als Instrumentallehrer war ich schon immer das Bindeglied zwischen der Musikschule und dem Orchester.

Nun werden die Stücke einfacher, bedeutet das einen Besucherrückgang?

Das lässt sich nicht sagen. Die Frage ist, wieso das Publikum kommt. Kommt es wegen des Programms? Oder wegen der Mitspieler? Es wäre schön, alle Altersklassen anzutreffen, auch Familien samt Kindern. Es gibt unendlich viele schöne Stücke, die technisch nicht zu anspruchsvoll sind wie den Karneval der Tiere, den wir im Herbst spielen. Man sollte für alles offen sein und sich nicht allzu sehr auf die häufig gespielten Werke beschränken. Es ist natürlich ein gewisses Risiko, die weniger bekannten Komponisten zu spielen.

Kann Ihr Konzept auch das Orchester als Verein wiederbeleben?

Es wäre schön, wenn der Verein wieder auflebt, wenn man beispielsweise nach den Proben zusammen etwas trinken ginge. Ich plane, stärker mit regionalen Vereinen zusammenzuarbeiten, wie mit der Stadtmusik oder mit Chören. Der Verein ist wichtig für die Stadt. Früher gab es mehrere losgelöste Musikgruppen, deren Mitglieder vor allem dem Orchester angehörten. Vielleicht haben plötzlich ein paar Lust auf eine solche Formierung. Und, wer weiss, vielleicht spielen wir irgendwann wieder eine grössere Sinfonie. Es wäre schön, Laienbläser ins Orchester zu holen. Man sieht: Es ist ein langfristiges Projekt. Es geht nicht von heute auf morgen. Und wichtig ist auch: Es wird sicher nicht alles über den Haufen geworfen, man soll das Stadtorchester weiterhin als solches erleben können.

«Es war eine gute Zeit in Grenchen»

An einer ausserordentlichen Generalversammlung beschloss der Verein, nach einer langen Diskussion einen neuen Weg einzuschlagen. Dirigent Daniel Polentarutti wollte aber sinkendes musikalisches Niveau nicht hinnehmen. Polentarutti übernahm 2009 das Amt des Stadtorchesterdirigenten. Unter seiner Stabführung wurden namhafte Werke wie Händels Wassermusik oder Beethovens Violinkonzert in D-Dur aufgeführt (Solist: Alexandre Dubach).

Das Engagement Polentaruttis und des Stadtorchesters brachte ihnen 2016 den Kulturpreis ein. Nach dem nächsten Konzert im April werden sie jedoch getrennte Wege gehen. «Es ging um einen Grundsatzentscheid», äusserte sich Polentarutti. «Es ging darum, ob man sich am bisherigen Konzept orientiert und nur punktuell die Reihen mit Nachwuchsspielern aufstockt, oder ob man es im grösseren Stil tut.»

Letzteres bedinge aber eine bescheidenere Ausgestaltung des Konzertprogramms. «Für mich war klar, dass ich das Orchester nicht weiter dirigieren würde, wenn es sich für die zweite Variante entscheidet. Mein Ziel ist jeweils, das Niveau möglichst zu halten und namhafte Solisten auf die Bühne zu holen. Es sind ja Weltstars nach Grenchen gekommen.» Diese kämen jedoch meist nur, wenn auf einer bestimmten Ebene Musik gemacht werde. Die spärliche Besetzung des Orchesters sei in der Tat ein Problem, dessen man sich annehmen müsse. «Nun gibt es einen Neuanfang. Das ist eine Chance, birgt aber auch Gefahren. Ich hoffe, dass der Plan aufgeht. Das Programm muss einfach attraktiv bleiben, um das Publikum anzulocken, und das Herbstkonzert mit dem Karneval der Tiere ist so etwas.» Polentarutti kam immer gerne nach Grenchen, man gehe im Guten auseinander. «Es war eine tolle Zeit und deswegen tut es mir auch leid. Vielleicht ergibt sich ja irgendwann wieder eine Zusammenarbeit, ausgeschlossen ist es nicht.»

Der Verein des Stadtorchesters besteht gegenwärtig aus 28 Mitgliedern, davon sind 8 Ehrenmitglieder. Letztes Jahr wurde der Vorstand komplett neu gebildet, mit Andrea Valli als Präsidentin. «Die entscheidende Generalversammlung war eine mit sehr vielen Diskussionen, aber es war schlussendlich ein eindeutiger Entscheid», so Valli. Die Stimmung sei zunächst getrübt gewesen. «Es war allen ein Anliegen, unseren Dirigenten gebührend zu verabschieden. Es bestand die Angst, dem nicht gerecht werden zu können. Doch als beschlossen wurde, noch ein Frühlingskonzert mit ihm aufzuführen, besserte sich die Stimmung schlagartig.» Daniel Polentarutti habe sehr viel für das Stadtorchester getan. Valli: «Er schaffte es jeweils, das gesamte Orchester mitzuziehen und zu begeistern. Alle Konzerte mit ihm sind jeweils toll geworden.»

Der Verein zeigt sich erfreut, dass Ruwen Kronenberg die musikalische Leitung übernimmt. Das neue Konzept empfindet der Verein als grosse Chance. Die technisch zu anspruchsvolle Literatur hat den Nachwuchs überfordert. Valli: «In den letzten Jahren kamen ein paar Junge schnuppern, und ihre Feedbacks ergaben, dass sie weder die nötige Zeit noch Energie aufwenden könnten.» (nsg)

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