Kunsthaus Grenchen

Natur erleben, erkunden, herstellen

Im Kunsthaus Grenchen zeigt die Ausstellung «Über die Natur hinaus – in Transformation» vier verschiedene Kunstpositionen.

Es ist dies die letzte Ausstellung, welche das Kunsthaus Grenchen unter der Leitung von Eva Inversini zeigen kann. Nach neun Jahren wird sie bekanntlich ab Februar 2017 ihre neue Aufgabe als Leiterin des Amtes für Kultur und Sport des Kantons Solothurn übernehmen.

Umso erfreuter zeigte sich Inversini bei der Präsentation der neuen Ausstellung, dass es ihr gelungen sei, gerade diese fünf Künstler zu einer gemeinsamen Schau zusammenzubringen. «Alle standen schon länger auf meiner Ausstellungs-Wunschliste», meinte sie und erklärte weiter: «Die ganze Vorarbeit für diese Ausstellung fand während des ganzen Jahres statt. Alle Beteiligten haben sich immer wieder ausgetauscht. Eine sehr erfreuliche Sache.»

Es sind vier Frauen und ein Mann, die sich künstlerisch, teils fast wissenschaftlich, dem Thema Natur, insbesondere Pflanzen und unserem Umgang damit widmen. Im Neubau des Kunsthauses hat jeder der Kunstschaffenden seinen eigenen Bereich; die Arbeiten sind einander gegenübergestellt und ergänzen sich so.

Wissenschaftliche Annäherung

Zunächst erblickt man im Neubau die Arbeiten des Künstlerinnen-Duos Ursula Jakob und Jacqueline Baum aus Burgdorf und Biel. Die beiden Frauen arbeiten seit 2009 zusammen. In ihrem Projekt «Connected in Isolation: Isolations- und Transformationsprozesse in Kunst und Wissenschaft» untersuchen sie seit einiger Zeit Vorgänge der Isolierung von Objekten aus der Natur, insbesondere von Blumen. Unter den Blumen ist es für sie die Tulpe, die zum Objekt einer wissenschaftlich-künstlerischen Annäherung wird. Neben Heliogravuren von verschiedenen Blumen zeigen Jakob/Baum ein eindrückliches Video, welches Fragen nach der Massenproduktion und Künstlichkeit von Tulpen aufwirft. Gegenüber sind Fotoarbeiten von Lorenz Olivier Schmid zu sehen. Der Aarauer untersucht nach einem ganz eigenen, von ihm entwickelten Verfahren die Veränderungen, die sich bei Pflanzen durch Pressung und Lagerung ergeben. Mittels hochpräziser Fotografie entdeckt er so ein geheimes Leben und Farbenspiel, das verblüfft.

Albrecht Dürers Rasenstück

Sonya Friedrich ist zum ersten Mal im Kunsthaus Grenchen zu Gast. Die in Bettlach lebende Künstlerin ist fasziniert von Dürers Zeichnung «Das grosse Rasenstück» aus dem Jahr 1503. «Vor allem begeistert mich Dürers damaliges Wagnis, ein Bild von Augenhöhe aus zu zeichnen. Auch dass die Blüten der Pflanzen nicht im Blühzustand zu sehen sind und das ganze Rasenstück als eigentliches Unkraut angesehen wird, es dem Meister aber dennoch wert war, es minutiös zu zeichnen.» Friedrich hat über das Bild, welches im Original in der Albertina in Wien hängt, eine tiefgreifende Korrespondenz mit Biologen und Kunstsachverständigen geführt und entdeckt, dass sich die Fachleute bis heute nicht einig darüber sind, welche neun Gräser und Pflanzen Dürer nun denn abgebildet hat.

Auf Augenhöhe

Die Künstlerin hat dennoch neun Arten ausgekundschaftet und zeigt diese nun dreidimensional einzeln, wie sie in der Natur vorkommen, auf sogenannten «Taburettli», ebenfalls auf Augenhöhe, wie auf Dürers Bild. Um die empfindlichen Pflanzen auf diese Art zeigen zu können, hat sie ein eigenes Konservierungsverfahren entwickelt. Die Pflanzen wurden mittels eines speziellen Salzes haltbar gemacht. Dazu stellt die Künstlerin ein kleines Gipsmodell des Ateliers von Dürer aus, in dem der Meister beim Malen des «Rasenstücks» beobachtet werden kann. Auf einem Gestell, das Friedrich «SommerSprossen» nennt, ist eine Art dreidimensionales Tagebuch erkennbar. Vieles, was die Künstlerin in diesem Jahr erlebte, ist auf diesem Gestell zu entdecken.

Wir vermuten doch meist

Béatrice Gysin, in Biel lebende Kunstschaffende, hat einzelne ihrer Arbeiten, welche zum Teil schon früher entstanden sind, zu einer Rauminstallation im hinteren Bereich des Kunsthaus-Neubaus zusammengestellt. «Es ist auch für mich immer wieder erstaunlich, zu entdecken, wie Arbeiten, die ich schon vor längerer Zeit realisierte, die neueren ergänzen», sagt Gysin. Zunächst zieht eine 29-teilige Zeichnungsserie den Blick auf sich. Kreise, Unendlichkeit, Fleiss und Meditation sind Stichworte, die dem Betrachter einfallen. «Mit gefällt es, mit meinen Arbeiten eine Art Vermutung auszulösen. Wir alle wissen doch vieles, aber auch vieles sehr ungenau.» Je älter sie werde, je ungewisser werde auch alles, meint sie noch. Bemerkenswert an Gysins Schaffen ist die grosse Hingabe und Beharrlichkeit, die sie im Schaffungsprozess entwickelt. Zu sehen ist auch ihre Arbeit «Archäologie der Zukunft», ein Schrank, der mit Leinenkassetten und zum Teil mit bearbeiteten Alabasterplatten gefüllt ist. Das Aufbewahren von Vergänglichem will sie demonstrieren.

In der «Villa Girard», dem Altbau des Kunsthauses, sind dann weitere Objekte und Zeichnungen der fünf Künstler zu sehen. Hier wurde ergänzend und im Dialog gehängt. Augenfällig sind wieder Friedrichs Installationen «Maie-stäge» oder «Flüschterchlee», eine Hommage an den Autor Lewis Caroll. Jakob/Baum zeigen eine weitere Videoarbeit mit dem Titel «leaves». Von Lorenz Olivier Schmid sind kleinere und grössere Press-Ätzungen zu sehen, und vor Béatrice Gysins Haar-Leuchter bleibt man erstaunt stehen.

Bis 19.Februar- Offen: Mi-Sa 14-17 Uhr; So 11-17 Uhr; 24./25.12.12.2016 und 31.12./1.1.2017 geschlossen

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