Wohntage Grenchen
Nachkriegs-Architektur war «menschenfreundlich und lebensbejahend»

Das Kulturhistorische Museum zeigt Beispiele guter Nachkriegs-Architektur. Die Mittel für den neuen Baustil waren anfangs durch den Krieg begrenzt. Dafür wurden erstmals international gleiche Bauelemente verwendet.

Daniela Deck
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Wohntage in Grenchen
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Claude Barbey
Alfred Fasnacht
Lukas Walter

Wohntage in Grenchen

Hansjörg Sahli

Häuser sind nicht zu übersehen. Doch ihre Geschichte geben sie nicht auf den ersten Blick preis. Dabei haben sie viel zu erzählen, denn die Architektur lässt sich nicht von den Menschen trennen. Die einen verwirklichen sich in den Häusern, die anderen profitieren davon, und manchmal lässt sich beides verbinden. In jedem Fall spiegelt die Bauweise den Zeitgeist.

Das Kultur-Historische Museum hat sich zusammen mit dem Historischen Museum Olten und dem Architekturforum im Touringhaus in Solothurn daran gemacht, diesen Schatz an Baugeschichte der Jahre 1940 bis 1980 im Kanton zu heben. Mit der Vernissage an der Absyte machte Grenchen am Donnerstag nicht nur den Anfang bei den öffentlichen Anlässen zum Thema. Die Vernissage markierte zugleich den Auftakt zu den Grenchner Wohntagen.

Umgekrempelter Alltag

«Es handelt sich um eine menschenfreundliche und lebensbejahende Architektur», erklärte Alfred Fasnacht, Stiftungsratspräsident Museum Grenchen. «Anders als zuvor stand nun heller, erschwinglicher Wohnraum zur Verfügung - mit Zentralheizung. WC und Badezimmer gab es fortan in jeder Wohnung.»

Der Zuwachs an Komfort ging «mit teils krassen Veränderungen beim Alltagsleben» einher, wie Fasnacht betonte. Als Beispiele nannte er Fernseher (ab 1953), Kühlschränke und Selbstbedienungsläden. 1953 eröffnete die Allgemeine Konsumgenossenschaft in Grenchen das erste Geschäft. Nur ein Jahr später folgte Migros.

Trotz aller Erleichterungen, das Leben war besonders für die Frauen weiterhin anstrengend, was Fasnacht zu einem «Loblied auf die Hausfrau und Mutter» animierte. Als Arbeiterfrau war diese gerade in Grenchen oft doppelt belastet, in der Fabrik und im Haushalt. Mit Augenzwinkern erinnerte der Stiftungsratspräsident daran, dass die Männer hingegen vom «gemachten Nest» profitieren konnten, sobald die Sirene zum Schichtende heulte.

Neue Massstäbe

Die Ausgangslage für den neuen Baustil war schwierig, die Mittel anfänglich durch den Krieg begrenzt. Doch der Wunsch nach Licht und Funktionalität setzte sich durch. Schwierig präsentiert sich jetzt auch die Aufgabe der kantonalen Denkmalkommission sinnvolle und gerechte Kriterien für den Schutz der Bausubstanz dieser Epoche festzulegen.

Selber Machen: Wie ein Nähkästchen zu Lego kommt

Häuser lassen sich nicht wie Konsumgüter ineinander packen. Das Kultur-Historische Museum löst das Problem mit der neuen Ausstellung im Erdgeschoss und im zweiten Stock originell. Ausstellungsmacherin Barbara Maggio sorgt mit Schachteln für das Raumerlebnis. Versenkt und reliefartig hervorgehoben präsentieren sich Bilder, Baupläne und erklärende Texte. Gelegentlich darf der Besucher, die Besucherin selbst Hand anlegen. So zum Beispiel beim Schulhaus Halden, das hälftig aus einem Nähkästchen und einem Modell aus Lego besteht.
Kinder und Erwachsene dürfen sich als Stadtplaner versuchen. Dazu liegen Kopien von Luftbildern der Stadt bereit. Mit Farbstiften lassen sich ganze Quartiere planieren und mit Hochhäusern überbauen - ohne Lärm, Staub und ohne zeitraubende Einsprachen von Nachbarn.
Die Architekturreise findet nicht nur in Grenchen statt. Am 20. November folgt die Vernissage im Historischen Museum Olten. Am 5. Dezember stellt Michael Hanak sein Inventarbuch in Solothurn vor. (dd)

Ausserdem erläuterte Kommissionspräsident und Stadtbaumeister Claude Barbey den Gästen die Besonderheiten dieser Bauwerke: «Zum ersten Mal in der Baugeschichte wurden innerhalb kurzer Zeit dieselbe Formensprache und dieselben Bauelemente auf verschiedenen Kontinenten verwendet. Vorherrschend waren Stahl, Beton, Glas, Sichtmauerwerk, aber auch Holz.» Durch Skelettbauweise sei die Trennung von Statik und Hülle erreicht worden.

Bei ihrer Arbeit stützt sich die Kommission auf das neu erstellte Inventar, das der Bauhistoriker Michael Hanak für den Kanton erstellt hat. 200 Objekte sind darin nach den Kriterien «einzigartig», «hervorragend» und «bedeutungsvoll» klassiert, wobei sich daraus kein Anspruch auf Denkmalschutz ableiten lässt. 33 befinden sich in Grenchen - welche, verrät der Computer im Erdgeschoss des Museums.

Herausforderung Hochhaus

Lukas Walter, Präsident des kantonalen Museumsverbundes, sorgte für die Überleitung von der Theorie zur Praxis. Er verwies auf das Ruffini-Hochhaus, sein Lieblingsgebäude der Epoche. Anhand der schieren Grösse dieses Bauwerks erklärte er, warum die Ausstellung (siehe separater Text ) mit der Präsentation von Modellen zurückhaltend ist.

Schliesslich verdankte er Claude Barbeys Engagement, der sich aufgrund seiner Pensionierung nächsten Frühling aus der Organisation der Wohntage zurückzieht.

Weitere Veranstaltungen der Wohntage: 5. November, 10 Uhr, Parktheater: Fachtagung mit Bundesrat Johann Schneider Ammann zum Thema «Hohe Mieten als Folgen der Personenfreizügigkeit» (Kostenpflichtig); Donnerstag, 7. November, 17.30 Uhr, Kunsthaus: Verleihung der kantonalen Architekturpreise; 7.-9. November, Abend, Bilderprojektion «Vivre à Granges» an die Westfassade des Bundesamtes für Wohnungswesen, Storchengasse; 11. November, 18.30 Uhr ,Kino Rex; «Mon Oncle», Filmklassiker von Jacques Tati über Tücken moderner Designarchitektur und «Gebäudeautomation».

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