Grenchen
Nach der Krise war für die Uhrenstadt vor der Krise

Nach der Certina-Schliessung 1977 atmete man in Grenchen zunächst auf. Doch es sollte noch viel schlimmer kommen.

André Weyermann
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Historiker Daniel Kauz ist auch Projektleiter der neuen Grenchner Stadtgeschichte.

Historiker Daniel Kauz ist auch Projektleiter der neuen Grenchner Stadtgeschichte.

André Weyermann

Unter dem Titel «Grenchen im Angesicht der Uhrenkrise: Ausmass und Bekämpfung» gab der Historiker Daniel Kauz (er ist auch Projektleiter der neuen Grenchner Stadtgeschichte, die Ende Februar erscheinen wird) erhellende Einblicke in eine Zeit, die Grenchen nachhaltig geprägt hat. Im vollbesetzten Kultur-Historischen Museum beschäftigte sich der Referent mit den verschiedenen Phasen der Krise in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts, deren Ursachen, sowie den Versuchen, ihr Herr zu werden.

Nach Jahren der Hochkonjunktur traf die Nachricht von Kurzarbeit und Entlassungen bei der ASUAG (Zusammenschluss der Rohwerkfabrikanten) und der Baumgartner Frères die Stadt ziemlich unverhofft. «Man schätzte das Ganze zuerst als temporäre Erscheinung ein», erklärte Daniel Kauz. Und man schien damit richtig zu liegen. Nach dem Schock der Schliessung der Rohwerkabteilung der Certina 1977 erholte sich die Branche tatsächlich.

Struktur und Konjunktur

Allerdings kehrte die Krise zu Beginn der 80er Jahre mit umso grösserer Wucht zurück und erfasste nun grosse Teile der Uhrenindustrie. Ein komplexes Zusammenspiel einer Vielzahl von Faktoren sei dafür verantwortlich gewesen: «Dabei spielten teilweise langfristig wirkende Strukturmomente und kurzzeitig greifende Entwicklungen zusammen». Daniel Kauz verwies insbesondere auf teilweise veraltete Strukturen (Uhrenstatut) sowie unüberschaubare Firmenkonglomerate, in welchen die interne Konkurrenz zuweilen mehr Energie beanspruchte, als der Kampf gegen den gemeinsamen Widersacher auf dem Weltmarkt. Dazu sei der Umstieg auf die Automatisierung erst spät erfolgt, die Konkurrenz aus dem Fernen Osten war erstarkt.

Der Ölschock und die massive Aufwertung des Frankens kamen hinzu. Schliesslich sei man auch am Ende einer Generation der Patrons angelangt, welche sich teilweise nicht vorstellen konnten, dass die mechanische Uhr nicht mehr das Mass aller Dinge sein sollte.

Grenchen reagierte in einer ersten Phase mit Arbeitsbeschaffungsprogrammen für Jugendliche, da die Jugendarbeitslosigkeit überproportional hoch war.

Einseitige Ausbildung

Die Krise habe aber auch strukturelle Aspekte ans Tageslicht gebracht. Die Lehrlingsausbildung, welche lange in der Hand der Industrie verblieben ist, war ziemlich einseitig ausgerichtet. «Es wurden vor allem Mechanikerstellen angeboten, zukunftsträchtige Sparten wie Elektrotechnik oder Elektronik hingegen wurden vernachlässigt», stellte Daniel Kauz fest. Aber natürlich wurden auch Massnahmen für alle Betroffenen ergriffen (Metallbearbeitung, Holzbearbeitung).

Grundlegende Ziel sei dabei die Erhaltung der Leistungs-und Vermittlungsfähigkeit gewesen. Hilfreich war in diesem Zusammenhang, dass sich Bund und Kanton finanziell an den Programmen beteiligt haben. Zudem ermöglichte es die Gesetzgebung damals noch, dass mit der Absolvierung eines Kurses auch die Bezugsberechtigung für Arbeitslosengelder verlängert wurde.

Die Massnahmen erlaubten es, die hohe Arbeitslosigkeit von 3,7 Prozent (Schweizer Durchschnitt 0,9 Prozent) zu senken. Übrig blieb aber die «strukturelle Arbeitslosigkeit», welche besonders ältere, teilweise invalide, in irgendeinem Sektor hochqualifizierte sowie ungelernte Arbeitnehmende betraf.

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