Staad

Mit 88 Jahren steht Lydia Strausak noch immer am Herd

Lydia Strausak in der Küche des Restaurants in Staad.

Lydia Strausak in der Küche des Restaurants in Staad.

Lydia Strausak führt seit vielen Jahren das Restaurant Strausak. Die Bäuerin aus dem Waadtland kam 1948 nach Staad.

An diesem Sonntag ist der runde Tisch in der Gaststube besetzt. Es wird viel gelacht. Politik wird thematisiert, auch sportliche Themen gehören dazu. «Wo ist Fred?», fragt einer der Männer, der ein Bier vor sich stehen hat.

Er habe ihn schon länger nicht mehr gesehen, schiebt er nach. Ein anderer Gast will ihn vor kurzem in der Stadt angetroffen haben. Erleichterung ist im Gesicht des Fragestellers auszumachen.

Immer mehr Leute gesellen sich zur Runde. Stühle werden dazugestellt. Die später Eintreffenden sitzen in der zweiten Reihe. Vor dem Gasthaus am grossen Holzbalken sind zwei Pferde angebunden. Auch ihre Reiter gehören zur fröhlichen Runde.

Als der Stall noch voller Kühe war

Lydia Strausak sitzt derweil mit ihrer Tochter Ursula Strausak im an die Gaststube angrenzenden Säli und gibt Auskunft. Die rechte Hand der Mutter ist verbunden. Am heissen Fett hat sie sich eine Verbrennung zugezogen. «Nicht zum ersten Mal», kommentiert Lydia Strausak trocken und schmunzelt.

Die gelernte Bäuerin aus dem Waadtland ist 1948 nach Staad gekommen und hat ein Jahr später ihren Mann, Hans Strausak, geheiratet. Damals war der Stall noch voller Kühe, und Pferde gehörten dazu. Zum einen wurden die Pferde als Arbeitstiere in der Landwirtschaft eingesetzt, zum andern ritt Hans Strausak seine Pferde an Concours oder führte Kutschen und Wagen an Hochzeiten und andern gesellschaftlichen Anlässen.

Die prächtigen Schimmel züchtete er selber. In einem Kasten bei der Eingangstüre sind zahlreiche Zeugen von erfolgreichen Concours-Teilnahmen aufbewahrt. «In der Wohnung im ersten Stock sind weitere Trophäen von damals aufbewahrt», gibt Lydia Strausak bekannt.

Tochter trat in die Fussstapfen

Im Jahre 1925 wurde das Säli angebaut. «Der Holzboden stammt noch aus dieser Zeit», bemerkt Strausak und zeigt nicht ohne Stolz auf den gepflegten Bodenbelag. «Ehemals stand hier eine Kegelbahn», weiss sie. Kurz vor dem Tod ihres Mannes, 1986, wurde der baufällige Stall durch einen neuen ersetzt. Längst sind die Kinder ausgezogen, geblieben ist Ursula Strausak, der jüngste Spross der Familie.

Wie ihre Mutter ist sie Bäuerin geworden. Sie zeigt ein Foto ihrer Abschlussklasse am Wallierhof 1996. Als einzige Frau sticht sie heraus, die Schürzenträgerin unter all den strammen Jungbauern. Anschliessend hat sie den Wirtekurs absolviert und unterstützt seit einigen Jahren ihre Mutter beim Betrieb der Wirtschaft.

In der Gaststube ist es inzwischen leerer geworden. Ein Mann liest die Zeitung, laut kommentiert er einige Ereignisse und erhält Unterstützung von Lydia Strausak, die an ihrem angestammten Tisch sitzt und auch in Zeitungen blättert.

Zwei Frauen, die mit ihren Vierbeinern gewandert sind, bringt Ursula Strausak Getränke. Lydia Strausak spricht gerne von vergangenen Zeiten, ohne die Gegenwart zu verkennen. Von Fasnachtsveranstaltungen berichtet sie, von «Metzgeten», als Gäste Schlange standen und sich gar auf die Treppe zum Obergeschoss setzten, um die Köstlichkeiten aus der Küche zu geniessen. «Metzgete» ist immer noch Programm, die Stammgäste wissen wann. Publiziert wir der Anlass nicht, aber Geniesser kommen zuhauf.

Nie in den Ferien gewesen

Ein Feiertag der besonderen Art ist jeweils der 16. März. Wenn die Fischerei auf Forellen beginnt, ist das Restaurant Strausak mit dem Duft von Erbsensuppe und «Knödli» erfüllt. Auch der ehemalige Bundesrat Leon Schlumpf gab sich einst die Ehre, im «Strausak» einzukehren. Ob er die weitherum beliebte Hamme mit Kartoffelsalat oder die Spezialbratwürste genossen hat, ist nicht überliefert.

Lydia Strausak war nie in den Ferien, viele Leute jedoch machen bei ihr Ferien. Der angrenzende Campingplatz ist in der Saison ausgebucht. Gäste aus der ganzen Welt sind anzutreffen. Unvergesslich die Ankunft von Campern aus Algerien, die mit einem klapprigen Auto angereist waren und sich sofort im Paradies fühlten. Nahe der Aare, ruhig und gemütlich und in Sichtweite des Juras, können schon paradiesische Gefühle aufkommen.

Gerechnet wird auf Französisch

Der Strausak-Cup, ein Wettbewerb von Fischern, die sich in der Saison die Klinke in die Hand geben, gehört natürlich auch zur gemütlichen Wirtschaft. Ein Schaukasten an der Wand dokumentiert, dass diese Tradition lebt. Gar der «Staader-Engel» wurde vor Jahren in Staad verliehen. Der Schreibende hatte dazu eine Geschichte geschrieben, an die sich Lydia Strausak gerne erinnert. Im März des vergangenen Jahres wäre ein Jubiläum fällig gewesen. «Ich habe es glatt vergessen», bemerkt die Wirtin und lacht.

Seit nunmehr 120 Jahren sind Anwesen und Gastwirtschaft im Besitz der Familie. Strausak geht zu einem Gast, der zahlen will. Wenn sie die Kassenzettel addiert, rechnet sie immer noch in Französisch, ihrer Muttersprache. «Ich liebe meinen Beruf und habe ihn immer geliebt», gibt Lydia Strausak bekannt und man glaubt ihr. Das Gehen macht ihr zwar öfters Mühe, sie will aber, solange es geht, Gastgeberin im «Strausak» bleiben.

Die Wirtschaft in Staad wurde 1561 erstmals urkundlich erwähnt. In diesem Jahr stiftete die Regierung Jac. Strousack, Wirt zu Staad, ein gemaltes Fenster. Mehr als
2 Pfund und 12 Schilling hat es gekostet, wie aus der Seckelmeisterrechnung hervorgeht. Quelle: Werner Strub, Heimatbuch Grenchen, 1949

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