«Falscher Galopp», ruft Berta Dörig und bremst Napoleon mit der Stimme. Für einmal bewegt sie ihr Pferd nicht unter dem Sattel, sondern frei laufend in der Halle. Konzentriert hebt sie die Peitsche um einige Zentimeter und Napoleon galoppiert fünf Meter entfernt wieder los, diesmal mit dem richtigen Vorderbein zuerst. Berta Dörig nickt zufrieden und beginnt zu erzählen.

Seit sie 25-jährig anfing zu reiten, ist Berta Dörig mit der Alten Reithalle an der Dählenstrasse verbunden.

1958 erlebte sie da ihre erste Reitstunde. Nach einem Praktikum im deutschen Gestüt Marbach begann sie hier im Stall zu arbeiten. Bald schon besass die zierliche Frau ihr erstes Pferd, «einen Angloaraber, ein ganz edles Tier. Eigentlich war er völlig ungeeignet für eine Anfängerin, aber ich habe bald den ‹Rank› mit ihm gefunden.» Schwierig war der gemeinsame Start, weil das Pferd zuvor von zwei Besitzern schlecht behandelt worden war. Auf Dressur- und Springwettkämpfe folgte die Ausbildung auf dem Kutschbock.

Ausritt in Begleitung

Fahren ist neben dem Springen die Disziplin, die Berta Dörig schon vor einiger Zeit aufgegeben hat. Sie erklärt: «Wer mit Pferd und Wagen verantwortungsvoll unterwegs sein will, muss fähig sein, jederzeit schnell vom Bock zu springen, und dafür bin ich nicht mehr beweglich genug.» Dass sie es mit Napoleon beim Reiten gemütlich nimmt und gegenwärtig nur wenig galoppiert, hat hingegen mit einer Rippenverletzung zu tun, die noch nicht ganz ausgeheilt ist. Verletzt habe sie sich nicht etwa rund um das Pferd, sondern beim Spaziergang mit dem Hund.

Ein Zugeständnis ans Alter ist die Entscheidung, nur noch in Begleitung auszureiten. Die Gewohnheit, ihr Pferd den Sommer über beim Wohnhaus an der Waldheimstrasse zu halten und nur im Winter im Pensionsstall einzustellen, hat die unternehmungslustige Rentnerin aufgeben müssen. Pferde dürfen nicht mehr einzeln gehalten werden.

Ein gutes Auge für Qualität

«So alt, wie ich bin, kann man doch kein Pferd mehr kaufen», sagte sich Berta Dörig 2011. Ihr grosser Irländer, Sherry Boy, war in die Jahre gekommen und am Anfang jenes Jahres war die Besitzerin fest überzeugt, mit seinem Tod dereinst die Reitkarriere zu beenden. Doch dann fiel ihr in den Ferien in Les Reussilles im Berner Jura der zweimonatige Napoleon auf. «Er war auf dem Nachbarhof, wo ich die Milch holte. Spontan habe ich zum Besitzer gesagt ‹dieses Fohlen darf auf keinen Fall in die Metzg›.»

Als besagtes Fohlen bei der Prämierung im Herbst sehr gute Noten bekam, sei sie «ein bisschen stolz» gewesen. «Bei der jahrzehntelangen Arbeit mit Pferden habe ich doch ein Auge für Qualität bekommen.» Von Bekannten liess sie sich schliesslich überzeugen, Napoleon, ihr viertes Pferd, zu kaufen.

Nach drei Jahren auf der Fohlenweide in Frankreich, gab Berta Dörig den Freiberger bei der Pächterin der Alten Reithalle, Cordelia Weber, in die Ausbildung. «Ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis, das Team hat eine gute Arbeit geleistet», sagt die Pferdebesitzerin und kehrt Napoleon für einen Moment den Rücken zu. Sofort nimmt der kräftige Braune die Gelegenheit wahr, um Pause zu machen. Zutraulich trottet er zu ihr in die Mitte der Reithalle und lässt sich streicheln.

Genügend Bewegung sorgt für Sicherheit

«Ich achte darauf, dass er sich genügend bewegt», sagt die Besitzerin, als sie ihr Pferd für ein paar weitere Runden im Trab wieder auf die Reitbahn schickt. «Das ist bei jedem Pferd die beste Ausgangslage, damit es unter dem Sattel anständig und verlässlich ist.» Deshalb hat sich Berta Dörig die Unterstützung einer Reiterin gesichert, die ihr hilft, Napoleon zu bewegen und ihn regelmässig ausreitet.

Wie lange sie selbst noch genügend beweglich ist, um sich in den Sattel zu schwingen, darüber macht sich die Seniorin keine grossen Gedanken. «Ich nehme jeden Tag, wie er kommt. Napoleon macht mir viel Freude. Als ich darüber nachdachte, ob ich ihn kaufen soll, ermutigte mich jemand mit dem Argument, dass das Pferd mir Lebensinhalt und eine Aufgabe gibt. Das stimmt genau.»