Leistungseinschränkung
Migros bietet ab Sommer in Grenchen eine Lehre für junge IV-Bezüger an

Die Zahl der Jugendlichen, die zu IV-Bezügern werden, nimmt zu. Der Grossverteiler Migros bietet nun Lehrstellen an, um ihnen den Weg in den Arbeitsmarkt zu erleichtern. Die IV-Stelle Kanton Solothurn begrüsst das neu auf Grenchen ausgedehnte Projekt.

Franz Schaible
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Projektleiter Markus Siegenthaler instruiert Lernende mit einer Leistungseinschränkung in der Berner Migros-Filiale Bubenberg.

Projektleiter Markus Siegenthaler instruiert Lernende mit einer Leistungseinschränkung in der Berner Migros-Filiale Bubenberg.

Zur Verfügung gestellt

Eine echte Chance für den Berufseinstieg – das soll auch für Jugendliche mit einer gesundheitlichen oder sozialen Beeinträchtigung gelten. Das hat sich der Grossverteiler Migros auf die Fahne geschrieben und bietet deshalb jungen IV-Bezügerinnen und -Bezügern eine zwei- oder dreijährige Grundausbildung im Detailhandel an. «Wir wollen damit ermöglichen, dass diese Jugendlichen nach der Lehre den Einstieg in den 1. Arbeitsmarkt schaffen», erklärt Markus Siegenthaler, Projektleiter bei der Genossenschaft Migros Aare.

Der Start des Projektes erfolgte bereits im vergangenen August in der Filiale Bubenberg in Bern. Sechs Jugendliche mit Leistungseinschränkung haben dort ihre Berufslehre als Detailhandelsfachfrau/-fachmann oder als Detailhandelsassistentin/-assistent begonnen. Nun baut Migros Aare das Angebot aus und startet mit diesem auch in den Filialen in Grenchen und in Aarau.

In der Uhrenstadt und in Aarau sollen im kommenden August je fünf bis sieben Lernende ihre Ausbildung beginnen, sagt Siegenthaler. «Ziel ist es, dass in drei Jahren in allen drei Filialen über alle Lehrjahre je 15 IV-Bezügerinnen und -Bezüger die Ausbildung absolvieren.» Für den Standort Grenchen spreche – nebst der optimalen Lage direkt beim Bahnhof und dem grossen Einzugsgebiet von Biel bis Solothurn –, dass das dortige Team das Tagesgeschäft im Griff habe und bereit sei, sich auf «Neues» einzulassen. Letzteres sei unabdingbar, bedeute doch für die Ausbildner der Umgang mit Jugendlichen mit einer Leistungsbeeinträchtigung vorab im psychischen Bereich auch Neuland. «Denn die Einschränkungen sind nicht immer sichtbar, und so gibt es immer wieder Situationen, in welchen diese Menschen anders reagieren, als man sich gewohnt ist.» Deshalb würden die Teamleiter speziell ausgebildet. Das übernimmt die Co-Projektleiterin, die Berner Band-Genossenschaft, die sich seit Jahrzehnten für die berufliche Integration von Menschen mit einer Beeinträchtigung einsetzt.

Vermehrt landen Jugendliche aus psychischen Gründen bei der IV-Stelle

Auch im Kanton Solothurn bestätigt sich der gesamtschweizerische Trend, wonach die Anzahl der Anmeldungen von Jugendlichen bei der Invalidenversicherung steigt, wie Martin Gabl, Geschäftsleiter der IV-Stelle Kanton Solothurn, erklärt. Und die Zahl der Jugendlichen, die von der IV bei der erstmaligen beruflichen Ausbildung unterstützt werden, nehme rasant zu. 2009 waren es 216 Fälle, 2013 fast 400. Die Gründe seien fast ausschliesslich im psychischen Bereich angesiedelt. Ob zu Recht lässt er offen. Nur so viel: «Es muss verhindert werden, dass Jugendliche durch eine Überdiagnostik zu früh medikalisiert werden.» Wer irgendwie von der Norm abweiche, werde heute vermehrt als früher medizinisch behandelt und eine Diagnose erstellt. Damit werde der Weg zur IV erst geöffnet, denn ohne Diagnose gebe es keine IV-Leistungen, zeigt Gabl die Zusammenhänge auf. «Früher hat es in unserer Gesellschaft einfach mehr vertragen als heute.» Deshalb begrüsst Gabl das Projekt der Migros «Berufsausbildung für junge IV-Bezüger» sehr. Dadurch könne die von der IV bereits über längere Zeit verfolgte Strategie -Jugendliche wenn immer möglich im 1. Arbeitsmarkt und nicht in institutionellen Organisationen, sprich geschützten Rahmen, auszubilden - weiter ausgebaut werden. «Wir sind laufend am Akquirieren von entsprechenden Ausbildungsplätzen», meldet Gabl. Dazu stehe man «im intensiven und konstruktiven Kontakt mit der Solothurner Wirtschaft» und baue diesen Bereich aus. Der Erfolg der Bemühungen zeige sich in der Abnahme der Berentungen. So sei die Zahl der Neurenten für 18- bis 19-Jährige von 64 im 2010 auf 52 im vergangenen Jahr gesunken. (FS)

Zwar werden die Lernenden während der gesamten Ausbildungszeit durch diese Berufsbildner begleitet. «Eine Sonderwurst gibt es aber nicht», hält Siegenthaler fest. Die «Stifte» besuchen wie alle anderen Lernenden die öffentliche Berufsschule. «Es braucht ein wohlwollendes Umfeld, aber ohne falsche Rücksichtnahme.» Die Zuweisung der Kandidatinnen und Kandidaten erfolgt durch die jeweilige IV-Stelle. Sie müssen bei der Migros eine vierwöchige Schnupperlehre absolvieren. Siegenthaler: «Zusammen mit den Experten der Band-Genossenschaft klären wir ab, ob die jungen Erwachsenen diese Herausforderung annehmen können und wollen und ob sie den schulischen Anforderungen genügen werden.»

Voll integriert und ernst genommen

Als «fantastisch» bezeichnet Siegenthaler die gemachten Erfahrungen in der Berner Filiale Bubenberg. Die Lernenden fühlten sich voll integriert und ernst genommen. Bei der praktischen Arbeit im Laden gebe es keine Probleme, einzelne Lernende benötigten hingegen noch schulische Unterstützung. Und das Team engagiere sich sehr bei der Betreuung der Jugendlichen, auch wenn der Zeitaufwand beträchtlich sei. Sein Fazit: «Das Projekt ermöglicht für beide Seiten eine extreme Horizonterweiterung.»

Das Hauptziel des Projektes sei wie erwähnt, dass die Lernenden nach der Lehrzeit «voll im 1. Arbeitsmarkt integriert sind». Deshalb sei jetzt schon klar, dass sich Migros bemühen werde, für alle Lehrabgänger eine passende Lösung zu suchen. «Wir werden sie bestimmt nicht sitzenlassen.»

Offene Türen

Bei der IV-Stelle Kanton Solothurn rennt der Grossverteiler mit seinem Projekt offene Türen ein. «Wir verfolgen eine konsequent auf den 1. Arbeitsmarkt ausgerichtete Ausbildungsstrategie für gesundheitlich beeinträchtigte Jugendliche», erklärt Martin Gabl, Geschäftsleiter der IV-Stelle. Dazu brauche es Unterstützungsstrukturen sowohl für die Lernenden wie auch für den Betrieb. Dies werde nun mit dem Migros-Projekt in Zusammenarbeit mit der Band-Genossenschaft in Bern verstärkt ermöglicht. «Dass ein Grossverteiler ein jährliches, festes Kontingent von entsprechenden Ausbildungsplätzen anbietet, ist in unserer Region ein Novum», sagt Gabl. Schon die bisherigen Aktivitäten in diesem Bereich hätten zu einem erfreulichen Rückgang der Neurentenquote geführt (siehe Kasten). «Eine Ausbildung im 1. Arbeitsmarkt erleichtert den Jugendlichen die spätere Arbeitssuche und wirkt rentenverhindernd oder zumindest rentenvermindernd.»

Die IV Solothurn empfehle ihren Klienten eine Lehrstellenbewerbung, wenn aufgrund der berufsberaterischen Abklärung eine hohe Eignung und Neigung für den Verkaufsberuf bestehe. Bereits eine Person sei für das Projekt bei der Migros in Grenchen angemeldet.

Die IV finanziere zum einen die begleitende Unterstützung der Fachpersonen aus der Band-Genossenschaft, die sowohl die Lernenden wie auch den Arbeitgeber während der gesamten Lehrzeit betreuen und coachen. Die IV verfüge dazu pro versicherte Person über den Supported Education Tarif von 1400 Franken je Monat. Andererseits finanziere die IV den Lohn für Lernende ab 18 Jahren in Form eines IV-Taggeldes. Lernende unter 18 Jahren erhalten den normalen Lehrlingslohn von der Migros. Die zusätzlichen Aufwendungen in den Filialen und die Mehrkosten der individuellen Berufsbildung werden durch das Kulturprozent der Migros Aare finanziert.