Genossenschaftswohnung
Mieterparadies mit Sonnen- und Schattenseiten

Andreas Toggweiler
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Blick von einem Balkon in die Witi.

Blick von einem Balkon in die Witi.

Andreas Toggweiler

In Grenchen werden diese Woche Fachleute aus der ganzen Schweiz und aus dem angrenzenden Ausland an den Wohntagen über eines der wichtigsten menschlichen Grundbedürfnisse, das Wohnen, unterhalten. Sie werden dabei auch Anschauungsbeispiele diskutieren, wie die Wohnsituation den sozialen Zusammenhalt beeinflusst.

Besten Anschauungsunterricht würde auch Grenchen selber bieten. Hier gibt es eine breite Palette von Wohnumfeldern und einen intakten Wohnungsmarkt mit ansprechend hoher Leerwohnungsziffer: Liegenschaften, in denen mit minimalem Aufwand und hoher Fluktuation maximale Rendite erzielt wird, stehen neben Neubauten für soziale Aufsteiger und (hoffentlich) solvente Neuzuzüger. Auch immer mehr ansprechend renovierte Altbauten gibt es in der Stadt und nicht zuletzt das nebenstehend beschriebene «Genossenschafts-Idyll» mit äusserst günstigen Mietbedingungen. Jede Form hat dabei ihre Berechtigung und spricht ein spezielles Mietersegment an.

Gerade die Genossenschafts-Modelle sorgen dabei dafür, dass auch im untersten Preissegment keine Ghettoisierung stattfindet, der soziale Zusammenhalt (inklusive soziale Kontrolle) intakt bleibt und damit lebendige Quartiere Bestand haben. Das ist nicht zuletzt dem Engagement der Beteiligten zu verdanken.

Die Medaille Mieterparadies Grenchen hat aber zweifellos auch eine Rückseite. Die Politik beklagt zusehends, dass die Neuzuzüger nicht das Steuersubstrat mitbringen, welche die auf Bevölkerungswachstum erpichten Behörden gerne sähen. Noch immer schwirrt auch die Idee eines «Millionärshügels» in gewissen Köpfen rum. Wie wenn nicht gerade diese Klientel in Sachen Steueroptimierung mit allen Wassern gewaschen wäre.

Dass Grenchen aufgrund seiner industriellen Struktur auf absehbare Zeit noch immer ein soziodemografisches Handicap aufweisen wird, daran wird sich so schnell nichts ändern. Leute, welche nachts die Magazine der Drehautomaten auffüllen, sind sicher nicht die Top-Steuerzahler. Aber sie fahren gerne grosse Autos und kaufen jährlich einen noch etwas grösseren Flatscreen. Auch das hält am Ende die Wirtschaft in Schwung.

andreas.toggweiler@azmedien.ch

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