Lesung
Melinda Nadj Abonjis Roman handelt von Gesellschaften, Kultur und Sprachen

Die ungarisch-schweizerische Schriftstellerin Melinda Nadj Abonji las in Grenchen Ausschnitte aus ihrem ersten Roman «Tauben fliegen auf» vor, der zwei grosse Buchpreise erhalten hat.

Nadine Schmid
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Melinda Nadj Abonji im Kunsthaus.

Melinda Nadj Abonji im Kunsthaus.

Nadine Schmid

Sie steht am runden Tischchen im Foyer des Kunsthauses, das aufgeschlagene Buch in Händen, die Füsse fest am Boden. Ihre Stimme fesselt, ist lebendig, klar und gefühlsbetont.

Sie liest Ausschnitte aus ihrem Roman «Tauben fliegen auf» vor; man hängt ihrem geschaffenen Rhythmus an den Lippen und folgt der Sprache gebannt, die spielerisch und malerisch Bilder schafft, die Welt so auf den Punkt bringt, wie sie ist.

Am Donnerstagabend war die ungarisch-schweizerische Schriftstellerin Melinda Nadj Abonji in Grenchen zu Gast. Ursprünglich war die Lesung für Januar angesagt, doch musste sie wegen Erkrankung auf März verschoben werden. Organisiert wurde der Anlass von Granges Melanges und stiess auf breites Interesse.

Etwas Zärtliches

Für ihren ersten Roman «Tauben fliegen auf» erhielt Abonji sowohl «den Deutschen Buchpreis» als auch den «Schweizer Buchpreis». Das kam für sie sehr überraschend, damit gerechnet hatte sie nicht. In ihrem Buch, an dem sie sechs Jahre gearbeitet hat, geht es um die Frage der Heimat. Ildikos Familie verliess das serbische Vojvodina, als Migranten kamen Vater, Mutter und die beiden Töchter in die Schweiz.

An der Zürcher «Goldküste» betreiben die vier 1993 ein Café, doch obschon sie bereits eingebürgert sind, sind sie nicht richtig angekommen. Sie sind hin- und hergerissen zwischen zwei Welten, zwischen der zurückgelassenen Heimat und dem Wunsch, Teil der Schweizer Gesellschaft zu sein.

«Heimat ist etwas sehr Persönliches und Zärtliches, sie kennt keine Grenzen», so Abonji, die auch in der Kunst- und Musikbranche tätig ist. Im Buch gibt es Zeitsprünge, die Szenen sind nicht linear angeordnet. So wie das Leben eben ist, sagt Abonji.

In ihrem Roman kommt den Sprachen ein grosser Stellenwert zu. Die serbische Syntax und ungarische Redewendungen sind darin integriert. Auch Schweizerdeutsch, Englisch und Italienisch kommen vor. «Die Sprachen schliessen sich nicht aus, sondern inspirieren einander», beschreibt die Autorin. Wortbedeutungen werden ironisch und treffend auseinandergenommen und hinterfragt.

So beispielsweise der Begriff der Schwarzarbeit, der ganz eigen interpretiert wird: Ein Pfarrer in seiner schwarzen Kleidung sei ein Schwarzarbeiter, aber auch Diebe oder Kohlenschlepper, die ganz schwarz von der Kohle sind.

Für Abonji sind Sprache und Stimme etwas Essentielles. Es sei etwas vom Schlimmsten, in ein fremdes Land zu kommen und plötzlich stumm zu sein. So erging es ihr selbst, als sie als Kind mit ihren Eltern aus Vojvodina in die Schweiz kam. Schon sehr früh musste sie sich mit der deutschen Sprache auseinandersetzen. Die Begeisterung des Publikums wurde am Ende des Anlasses durch den starken und lang anhaltenden Applaus noch einmal betont.