Freitag Nachmittag, kurz vor 15 Uhr. Ein Lieferwagen von «Tischlein deck dich» fährt vor den Eingang des Eusebiushof. Drinnen haben die Helferinnen unter der Leitung von Christa Brotschi – eine von vier Leiterinnen, die sich die Arbeit teilen – bereits die Tische bereitgestellt. Kisten mit Lebensmitteln, Fertigprodukten, Getränken, Körbe mit Früchten und Gemüse sowie Styroporbehälter mit gekühlten Frischwaren werden nach drinnen getragen und auf den Tischen verteilt.

Die Helferinnen – Frauen der Kirchgemeinde, der Organisation «Dienst am Nächsten» und weitere Freiwillige – bereiten die Waren vor. «Wir wissen nie im Voraus, was wir erhalten», sagt Christa Brotschi. An diesem Freitag beispielsweise gibt es nebst Gemüse, Salat, Trauben, Orangen und Äpfeln viel Raclettekäse diverser Geschmacksrichtungen und milden Weichkäse. Auch Tuben mit Mayonnaise sind reichlich vorhanden. Fertigpizza, Kürbisrisotto, Salatsaucen, Fertigsuppen, Brotaufstrich, Hamburger-Brötli und einiges mehr wurde von «Tischlein deck dich» angeliefert, deren eine Verteilzentrale sich in Grenchen an der Neckarsulmstrasse befindet. Insgesamt sind rund 20 Personen turnusweise an der Abgabestelle im Eusebiushof im Einsatz.

Die Personenanzahl ist entscheidend

Der Verein «Tischlein deck dich» ist strengen Kontrollen unterworfen (siehe auch Kasten). Auch die Helferinnen müssen sich an die Vorschriften halten. So dürfen die Gemüsekörbe beispielsweise nicht auf den Boden gestellt werden. Die Frauen bereiten nun Säcke mit einem Sortiment an Früchten und Gemüsen vor, gemeinsam wird festgelegt, wie viel von jedem Produkt jede Person erhalten soll. «Für Haushalte mit mehr als drei Personen können wir zwei Büchsen Vermicelles abgeben, falls sie das möchten, für kleinere Haushalte eine Büchse. Mayo so viel sie wollen, wir haben reichlich», instruiert Christa Brotschi ihre Helferinnen.

Um 16 Uhr treffen die ersten Kunden ein. Sie werden durch den Seiteneingang in einen kleinen Saal geführt. Dort stehen sie Schlange, wo zwei der Freiwilligen die Karten kontrollieren und  und von jeder Person einen Franken einziehen. «Hier wird nichts verschenkt: Jede Person, die bei uns Waren bezieht, bezahlt einen Franken pro Karte. Unabhängig davon, wie gross der Haushalt ist». Aus einem Sack ziehen die Bezügerinnen und Bezüger dann ein Nummernlos. In der Reihenfolge werden sie später einzeln von Helferinnen aufgerufen und in den Saal mit den Waren geführt. Dort können sie die Lebensmittel in ihre mitgebrachten Taschen und die für Frischprodukte obligatorischen Kühltaschen abfüllen.

Man kennt sich, die Frauen und ein paar wenige Männer plaudern miteinander. Eine rund 40-jährige Frau schwärmt über das Angebot: «Ich habe drei Kinder, mein Mann arbeitet, aber sein Lohn reicht nicht. Unsere finanzielle Situation ist sehr angespannt. Deshalb erhalten wir Unterstützung von der Sozialhilfe, die uns auch die Berechtigungskarte für ‹Tischlein deck dich› ermöglicht hat. Eine wirklich gute Sache, die uns das Leben sehr erleichtert.» Die Ausländerin, die seit ihrer Jugend in der Schweiz lebt, lobt auch das freundschaftliche Verhältnis, das sie mit den Helferinnen und Helfern pflegen dürfe: «Das ist so etwas wie eine zweite Familie geworden in den drei Jahren, in denen ich regelmässig hier vorbeikomme.»

Eine junge Frau ist mit ihrem Kind eingetroffen. Als alleinerziehende Mutter, die als Tagesmutter arbeitet, sei sie auf Sozialhilfe angewiesen. «Es ist eine grosse Erleichterung für mich, wenn ich hier Milchprodukte, Gemüse und Getränke erhalte», sagt die junge Schweizerin. Manchmal gebe es auch Dinge, die sie sich beim Grossverteiler schlicht nicht leisten könne, wie zum Beispiel teure Fruchtsäfte. «Es gibt zwar oft wenig, weil wir nur zu zweit sind. Aber in den letzten knapp zwei Jahren spürte ich das doch deutlich im Portemonnaie.» Der 71-jährige Rentner, ein Schweizer, hat aus dieser Zeitung von dem Angebot erfahren. «Da ich Ergänzungsleistungen erhalte, konnte ich mich beim Verein ‹Dienst am Nächsten› anmelden, die dann den Antrag an ‹Tischlein deck dich› gestellt haben. Nun bin ich sehr froh, kann ich einmal pro Woche den Kühlschrank füllen. Das hilft mir ungemein», sagt er lachend und scherzt mit der Helferin, die ihn abholt.

Bis jetzt wenige Schweizer

«Schweizer machen bis jetzt nur einen kleinen Prozentsatz aus», sagt Christa Brotschi. Die meisten ihrer Kunden seien Ausländer, viele Familien aus Nordafrika oder dem Balkan hätten die Karten erhalten. «Ich weiss nicht, ob Schweizer sich schämen oder so. Aber jedermann kann in eine Notsituation geraten und könnte von diesem Angebot profitieren, unabhängig von der Herkunft. Wir haben jedenfalls immer grosse Freude, wenn jemand zu uns kommt, den wir vielleicht noch aus unserer Jugendzeit kennen.»

Christa Brotschi fände es wünschenswert, dass beispielsweise Rentnerinnen oder Rentner mit Ergänzungsleistungen oder Personen mit kleinen Einkommen und Schwierigkeiten, finanziell über die Runden zu kommen, bei einer der zuständigen Stellen anfragen, ob sie eine Berechtigungskarte erhalten könnten. «Dafür muss sich wirklich niemand schämen.»

Mittlerweile wurden die rund 40 Personen, die für insgesamt rund 110 Menschen Lebensmittel beziehen, alle durch den Saal geführt und haben ihre Taschen gefüllt. Einige warten noch auf die zweite Runde: Jetzt werden die übriggebliebenen Artikel verteilt. «In anderen Verteilzentren werden die Resten in die Zentrale zurückgeführt. Wir können das, was wir bis zuletzt nicht an die Leute abgeben können, ans Schmelzi-Wohnheim liefern, eine wirklich gute Sache», schliesst Christa Brotschi.