Wer den Grenchner Kleiderladen von André Fleury betritt, fühlt sich zuerst einmal wie in einem gewöhnlichen Kleiderladen – bis ihm das Rattern der Nähmaschinen bewusst wird.

Von aussen nicht sichtbar eröffnet sich hinter einer schmalen Wand eine eigene, bald schon vergangene Welt: Hinter dem Verkaufsbereich befindet sich wohl einer der letzten Nähsäle in der Schweiz, wo Kleider nach Mass und mit viel Handarbeit geschneidert werden, wo Nähmaschinen in einer Reihe stehen und wo grosse Stoffbahnen gelagert werden.

André Fleury steht an einem Tisch in seiner Kleiderfabrik. Um seinen Hals hat er ein Meterband, hinter ihm stapeln sich auf einem Regal Stoffrollen. Entlang einer Papierform schneidet Fleury sorgfältig ein Hosenbein aus dem Stoff. «Fast alle Kleiderfabriken sind ins Ausland gegangen. Wir sind einer der letzten Betriebe, die noch nach Mass zuschneiden und nähen.» Ende Januar 2012 schliesst André Fleury den Traditionsbetrieb altershalber.

Jedes Schnittmuster wird behalten

Herrenhosen, darauf hat sich das Grenchner Geschäft konzentriert. Grosse und kleine, korpulent und dünn – aber immer massgeschneidert. Im Winter sind es vorzugsweise dunklere Stoffe, im Sommer hellere.

In seinen Händen hält Fleury Bestellscheine. Ennetbaden, Gossau, Erlinsbach oder Arlesheim: André Fleury liefert seine massgeschneiderten Produkte in die ganze Schweiz. Per Post oder Mail übermitteln die Kunden ihre Masse.

Aus Klebepapier wird das Schnittmuster vorgefertigt, in einigen Stunden sind die Hosen genäht. Mit Reisverschluss oder Knopf an der Gesässtasche, je nach Kundenwunsch. Gebügelt und verpackt geht das Paket zur Post.

Jedes Schnittmuster wird bei André Fleury aufbewahrt: Name und Adresse des Kunden werden auf die Papiervorlagen geklebt und auf einem Gestell in der Näherei abgelegt. Bestellt der Kunde erneut, kann Fleury auf das Muster zurückgreifen. Aus Deutschland und Österreich stammt der Stoff. Marengo, grau und dunkelblau sind die beliebtesten Farben.

Auch bekannte Namen

1953 hat André Fleurys Vater das Geschäft an der Marktstrasse eröffnet. Bis vor fünf Jahren war es dort, seither ist es im Postmarkt. Mit Direktwerbung in die Haushalte hat der Betrieb über Jahrzehnte seinen Kundenstamm aufgebaut. Auch bekannte Leute gehören dazu. Namen verrät Fleury aber keine.

«Es bricht mir fast das Herz»

Im Nähatelier stehen Maschinen, für die es kaum mehr Ersatzteile gibt. Jede hat eine spezielle Funktion: Eine näht Doppelstiche, die man nur auf einer Seite der Hosen sieht, eine andere ist speziell für Hosensäcke.

An der Seite der Knopflochmaschine befindet sich ein Zählrad. Hunderttausende Knopflöcher hat die Maschine schon hergestellt. André Fleury will die Maschinen möglicherweise an ein Hilfswerk verschenken.

«Wenn die Maschinen wegkommen, dann bin ich sicher nicht hier», sagt Verena Fleury etwas wehmütig. Seit 1971 arbeitet sie im Betrieb ihres Mannes mit, zuerst noch bei den Schwiegereltern. 1973 hat das Ehepaar geheiratet, 1987 haben sie den Laden von André Fleurys Eltern übernommen.

«Es bricht mir fast das Herz», steht auf dem E-Mail eines Kunden, das Verena Fleury in den Händen hält. Seit 25 Jahren hat der Kunde seine massgeschneiderten Hosen im Grenchner Konfektionsgeschäft bestellt.

«Das Aufhören tut schon ein wenig weh, wenn man solche Reaktionen erhält», sagt Verena Fleury. Die Verbundenheit ist gross, auch mit den Angestellten. Zwei Frauen nähen die Hosen. 20 Jahre arbeitet Carmela Bellucci bei Fleurys, Therese Finlayson 19 Jahre.