"Was dieser Bauer aus der Präfektur Fukushima erzählte, war erschütternd. Am 15. März, drei Tage nach dem Erdbeben, musste er plötzlich Hals über Kopf seinen Hof verlassen und drei Dutzend Kühe unbeaufsichtigt zurücklassen. Als er am 26. März zurückkam, war die Hälfte der Tiere schon eingegangen, andere lagen im Todeskampf. Er habe nicht einmal ein Gewehr gehabt, um sie von ihren Leiden zu erlösen», erzählte er Martin Walter. Am Abend musste er das Sperrgebiet wieder verlassen. Als der Bauer später erneut auf seinen Hof kam, waren alle Kühe tot. Sie starben zwar nicht an atomarer Strahlung, aber an Hunger und Durst.

Unbewohnbarer Landstrich

So wie diesem Bauern ging es 100 000 Einwohnern südöstlich der japanischen Stadt Fukushima, die innerhalb des 20-km-Sperrgürtels lebten. Sie haben alles verloren. Nach dem Erdbeben, dem Tsunami und der resultierenden Reaktorkatastrophe wird dort für ganz lange Zeit nichts mehr sein, wie es war.

Martin Walter, Hausarzt aus Grenchen, kämpft als Mitglied der internationalen Organisation ÄrztInnen zur Verhütung eines Atomkriegs (IPPNW) schon seit Jahrzehnten gegen die Atomenergie. «Als ich am 11. März 2011 von der Stärke des Erdbebens erfuhr, schwante mir schon Böses. Die Wasserstoffexplosionen bestätigten die Befürchtungen, und als Cäsium austrat, wusste ich: Es muss eine Kernschmelze erfolgt sein.» Als Fachmann für medizinische Folgen von radioaktiver Belastung war Walter in den Tagen nach der Atomkatastrophe ein gefragter Interviewpartner. Doch schon bald ging das Interesse der Medien wieder zurück. Nicht aber Walters Mitgefühl mit der betroffenen Bevölkerung. Im Herbst reiste die Zürcher Journalistin Susan Boos erstmals ins Gebiet von Fukushima für ein Buchprojekt. Auf einer zweiten Reise im Dezember hat Walter sie begleitet.

Eigene Messungen

Das Paul-Scherrer-Institut stellte ihm einen geeichten Geigerzähler für genaue Messungen der Radioaktivität zur Verfügung. Einmal gelang es einem Teil der Gruppe auch, in die 20-km-Sperrzone rund um das zerstörte Atomkraftwerk vorzudringen. «Wie wir es bewerkstelligten und wer uns dabei half, darüber kann ich jetzt nichts sagen.»

In der Sperrzone, aber auch in den angrenzenden Gebieten wie der Stadt Fukushima selber würden grosse Anstrengungen zur Dekontamination unternommen, berichtet Walter. Die oberste Schicht Erdreich wird abgetragen und in grossen Plastiksäcken zwischengelagert. Die Strassen sehen aus, als streike die Müllabfuhr. «Eigentlich weiss niemand, wohin mit dem Material», so Walter. Die Dekontaminierung soll bis 2020 dauern und sogar auf den Waldboden ausgedehnt werden. Eine Sisyphusarbeit.

Sisyphus-Arbeit

Denn das radioaktive Material werde, beispielsweise durch Taifune, immer wieder neu verteilt von Gebieten, die noch verseucht sind, in bereits dekontaminierte Abschnitte. «Wie diese Arbeit zu bewältigen ist, kann ich mir noch nicht vorstellen, von den Kosten ganz abgesehen», meint Walter. Und so ist es denn auch nicht verwunderlich, dass sein Messgerät die höchste atomare Verseuchung ausserhalb der Sperrzone gemessen hat, in einem Aussenquartier der Stadt Fukushima. In einem Strassengraben habe er dort eine Belastung von 97,2 Mikrosievert gemessen. Das ist 1000-mal mehr als der normale Wert. «Das Ausmass der Schäden, die Aussichtslosigkeit einer raschen Behebung und die andauernde heimtückische Belastung der Menschen waren und sind für mich deprimierend», bilanziert Walter.

Er begrüsst deshalb ausdrücklich, dass die Bevölkerung in und um Fukushima schon bald angefangen hat, selber Strahlungswerte zu messen, denn die Belastungen seien lokal sehr unterschiedlich. Messgeräte könne man im Internet in genügender Zahl beschaffen.

Insgesamt stellt Walter den Behörden von Fukushima in Sachen Kooperation ein gutes Zeugnis aus. «Sie tun, was sie können, und haben uns höflich und ohne spürbares Misstrauen empfangen.» Sogar die Verantwortlichen der inzwischen völlig vom Staat abhängigen Kraftwerkbetreiberin Tepco hätten Auskunft gegeben. «Wir mussten allerdings die Fragen vorher schriftlich stellen.» Boos und Walter hatten für ihren Japanaufenthalt einen Dolmetscher zur Verfügung.

Kein Jod verteilt

Einen grossen Vorwurf aber machen Walter und auch andere Sachverständige den japanischen Behörden. «Nach dem Unfall wurde versäumt, die Bevölkerung mit Jodtabletten zu versorgen.» Es gebe klare internationale Vereinbarungen, die zur Jodabgabe verpflichten, wenn eine Strahlungsmenge von 100 Millisievert (mS) auf die Schilddrüse erwartet wird. «Dieser Tatbestand war längst erfüllt. Kleinkinder mussten sogar Belastungen bis 280 mS ertragen», empört sich Walter.

Ein Projekt für Kinder ist es denn auch, das Martin Walter jetzt starten möchte: Nach dem Unfall wurden einige Dutzend Mütter mit Kleinkindern (die ausserhalb der Sperrzone wohnten) auf eigenen Wunsch nach Kyoto evakuiert. Sie leben dort in leer stehenden Plattenbauten ehemaliger Verwaltungsbeamter. Mit einer dieser Mütter möchte Walter jetzt zusammenarbeiten: Anhand der Milchzähne, die eingesammelt und zur Untersuchung in die Schweiz geschickt würden, könnte ihre Belastung mit dem Isotop Strontium 90 (Halbwertszeit 29 Jahre) gemessen werden. «Ein Labor, das mir diese Untersuchung kostenlos offeriert hat, habe ich schon», freut sich Walter, der damit ein kleines Stück zum Gesundheitsmonitoring der Fukushima-Opfer beitragen kann.

Atomreaktoren heruntergefahren

Die japanischen Atomreaktoren (55 an der Zahl) seien inzwischen bis auf zwei alle abgeschaltet. Die Stromversorgung sei durch Gas, Kohle und Öl bis auf weiteres gewährleistet. «Das Land muss zwar Strom sparen, aber es funktioniert auch ohne Atomkraftwerke weiter», meint Walter, der für eine rasche Abschaltung auch der Schweizer Meiler plädiert. Dass das Bundesverwaltungsgericht nun faktisch die Abschaltung von Mühleberg verordnet hat, ist für ihn Good News. «Und jetzt wäre Beznau 1 an der Reihe, denn es ist das älteste AKW der Welt.»