Der Artikel im Grenchner Tagblatt über den schlechten Zustand der Stadtbibliothek, des Schulhauses I, wo sie untergebracht ist, und die Aussagen von Stadtpräsident Boris Banga dazu (wir berichteten) riefen Maya Karlen, die Leiterin der Schulverwaltung, auf den Plan. «Das kann ich so nicht stehen lassen», meinte sie und verfasste eine Richtigstellung.

Sie wolle die Polemik aus der Sache bringen, eventuelle Missverständnisse aus der Welt räumen und die Dinge so darstellen, wie sie in Tat und Wahrheit seien, sagt sie auf Anfrage.

In ihrer Richtigstellung zitiert sie als Erstes den Stadtpräsidenten anlässlich der Jubiläumsrede zur 100-Jahr-Feier der Bibliothek, in der Banga den Sinn und die Wichtigkeit der Stadtbibliothek unterstreicht. Aber das war 2003. Aktuell präsentiert sich die Bibliothek in einem schlechten Zustand, sie ist in einem renovationsbedürftigen Haus untergebracht, ist schlecht möbliert, hat zu wenig Platz und sollte trotzdem zu einer modernen Mediathek weiterentwickelt werden.

«Die Wichtigkeit war immer unbestritten, aber in den letzten Jahren sind in den Budgetrunden praktisch alle Projekte der Baudirektion und Vorstösse der Bibliothekarin zur Verbesserung der Situation an der Finanzierung gescheitert. Die Wertschätzung und das Commitment fehlen anscheinend komplett. Man will zwar Innovation, will aber gleichzeitig nichts dafür ausgeben.»

Vor zwei Jahren zum Beispiel wurde ein Projekt der Baudirektion zum Ausbau auf zwei Stockwerke abgelehnt, es landete in einer Schublade, und seither schlummert es dort.

Nicht die Bibliothekarin ist schuld

Karlen stört sich insbesondere daran, dass die Bibliothekarin Brigitte Stettler angegriffen und indirekt sogar für den miserablen Zustand verantwortlich gemacht wird. Das sei nicht korrekt. Stettler habe immer verstanden, aus den vorhandenen Mitteln das Beste zu machen, und versucht, zusätzliche Mittel für die Entwicklung der Stadtbibliothek zu erhalten. «Sie hat sogar eigenes Mobiliar von zu Hause mitgenommen, weil sie die Mittel nicht erhielt.»

Banga warf der Bibliothekarin im Artikel vor, sie habe es bisher versäumt, ein Konzept für die Weiterentwicklung der Bibliothek vorzulegen, und habe keine Vision, wie eine zeitgemässe Mediathek auszusehen habe, und Veranstaltungen wie Lesungen fänden auch keine statt. «Brigitte Stettler hatte aber nie den Auftrag, ein Konzept auszuarbeiten. Das war meine Aufgabe als ihre Vorgesetzte», erklärt Karlen.

Und diesen Auftrag für ein Konzept einer modernen Mediathek habe sie erst im September 2012 von der Gemeinderatskommission erhalten, zusammen mit der Genehmigung, ein externes Gutachten durchführen zu lassen. Gleichzeitig wurden aber die Mittel für Mobiliar und Werbung aus dem Budget gekippt.

Zu den angeblich nicht stattfindenden Anlässen schreibt Karlen: «In den letzten 12 Jahren haben insgesamt 40 Anlässe stattgefunden, nicht zuletzt, weil die Bibliothekarin grosse Kreativität und Eigeninitiative an den Tag legte.»

Gutachten gibt schlechte Noten

Das Gutachten des externen Expertenbüros liegt inzwischen vor und kommt zu vernichtenden Schlüssen: Platz-, Raum- und Lichtverhältnisse und die aktuelle Möblierung genügen den heutigen Ansprüchen überhaupt nicht. Bezogen auf die Einwohnerzahl wäre eine Mindestgrösse von rund 600 Quadratmetern erforderlich, aktuell sind es 375 Quadratmeter.

Der Medienbestand sei zwar ausreichend, müsste aber, um am aktuellen Ort gut präsentiert zu werden, um rund 30% reduziert werden. Das muss laut Karlen unter allen Umständen vermieden werden. «Wir können ja nicht einfach den Goethe ins Lager räumen, nur weil wir keinen Platz haben, um ihn anständig zu präsentieren.» Eine attraktive Bibliothek sei ausserdem Treffpunkt für Jung und Alt. Leseecken und eventuell eine Cafeteria wären wünschenswert, heisst es in der Studie weiter.

Recherchen zeigen, dass man bei einem Vergleich mit den Stadtbibliotheken von Olten und Solothurn auch bei den Stellenprozenten in Grenchen hinterherhinkt. Olten: 350%, Solothurn gar 2200%, Grenchen nur 110 Stellenprozente.

Ganz zu schweigen von den Beträgen, die die jeweiligen Städte für ihre Stadtbibliotheken bereit sind zu investieren. Während es in Solothurn jährlich um etwas mehr als eine halbe Million geht, sind es in Grenchen nur gerade 175 690 Franken (Rechnung 2012), davon 4000 Franken für Mobilien. Olten weist in der Rechnung 2012 einen Nettoaufwand von 667 000 Franken für die Stadtbibliothek aus. Rund 114 000 Franken davon entfallen auf Büromaterial, Heizung, Energiekosten und ... Mobiliar.

Idee für einen neuen Standort

«Ohne einen Ausbau, der unweigerlich auch eine Aufstockung des Personals erforderlich macht, können wir den Auftrag, eine moderne Mediathek einzurichten, gar nicht erfüllen», sagt Karlen. Und da der jetzige Standort ohnehin zur Diskussion gestellt wird - der Schulraumbedarf aufgrund der Sekundarschulreform muss zuerst abgeklärt werden -, käme für Karlen auch ein neuer Standort infrage: Die Alte Turnhalle wäre sowohl von der Fläche als auch vom Standort her geeignet.

«Man könnte einen Zwischenboden einziehen und hätte dann auch den Platz, um die im Gutachten geforderten Anforderungen zu erfüllen. Aber das kostet halt eine Stange Geld.»