Wie malt man Schmerz? Wie malt man Leid, heisse, stinkende Luft? Oder das Glück, den Tag lebend überstanden zu haben? Die Malerin sitzt auf einem Hocker vor der Staffelei, einen Pinsel und eine Farbpalette in der Hand.

Einmal steht sie auf, um ein Glas Wasser zu trinken, ein anderes mal, um eine Zigarette zu rauchen. Sie denkt darüber nach, wie sie das Erlebte im Krisengebiet auf die Leinwand bringen kann, und scheitert bis zum Schluss daran.

Das Publikum erhält dabei direkten Zugang zu ihrer Gedankenwelt. Es lauscht den Überlegungen und Erinnerungen der Malerin, die meist sehr direkt, aber auch auf poetische Weise verstörende Bilder schaffen und die nackte Realität im Krisengebiet Kabul beschreiben.

Am Freitagabend gab es die Möglichkeit, sich mit Granges Melanges in Fleurlis Fabrigg mit Afghanistan und den dortigen Zuständen zu beschäftigen.

Auf der einen Seite wurde das Theaterstück «Land ohne Worte» von Dea Loher gezeigt, mit der auf ganzer Linien überzeugenden Schauspielerin Sandra Sieber als Darstellerin. Dea Loher war selbst einmal in Afghanistan und hat die Lage dort hautnah miterlebt.

Auf der anderen Seite erzählte Sofia Afzali, die seit sieben Jahren in Grenchen lebt, von ihrem Heimatland. Dazu zeigte sie Bilder. Schöne Landschaften, traditionelle Trachten und zerbombte Gebäude wurden vorgeführt.

Ausserdem hatte Afzali Köstlichkeiten aus Afghanistan zubereitet, die es zu geniessen galt. So einen kalten Tee aus Minze, Joghurt und Gurke. In einem Krisengebiet zu leben, ist einer ganz anderen Normalität unterworfen. «Man weiss jeweils nicht, ob man den Tag überlebt und nach Hause zurückkehren wird», so Afzali.

In einem Land ohne Worte

Wenn man die Malerin fragt, wie es war, bleibt sie stumm. Auf ihrer Suche nach der richtigen Darstellungsmöglichkeit lauscht sie auch den aufgenommenen Worten des Malers Mark Rothko, den sie am meisten bewundert und der Selbstmord begangen hat.

Obschon er mit sehr dunklen Farben malte, glühen seine Bilder von innen heraus, wie sie findet. Die Überlegungen der Malerin führen dem Zuschauer verschiedenes vor Augen und bringen zum Nachdenken.

Vor ihrer Reise nach Afghanistan glaubte die Malerin zu wissen, wie sie die Krise malen würde: Wie einen ausgestellten Tierkadaver, an dem die Ameisen nagen. Es sollte ein abstraktes Bild werden, in den Farben Rot, Gelb und Grau, ein Bild, in dem man den Tierkadaver und die Ameisen nicht mehr sieht, aber beim Betrachten dennoch fühlt.

Die Realität solle gemalt werden, keine Petunie, denn die sei zu schön und sei nicht wie das Leben. Die Malerin spricht von einem Treffen bei einem Swimming Pool mit Menschen, denen Körperteile fehlen. Sie erzählt, von der Angst, nie genug Luft zu bekommen, von unerträglicher Trockenheit und Gestank.

Erschütternd ist auch eine Begegnung mit einem Mann und einem Mädchen. Als dieses den Schleier entfernt, kommt verbrannte Haut zum Vorschein und ein zahnloser Mund. «So ein Leben will niemand», hält die Malerin fest. Sie überlegt sich, ein Bild zu schaffen, das die eigene Angst reflektiert, eines, das unerträgliches Kopfweh bereitet und so weiss ist, wie es im Moment eines Bombeneinschlags ist, also dem kurzen Augenblick zwischen der heilen Welt und der totalen Zerstörung.

Doch die Malerin malt bis zum Ende kein Bild, was die Unmöglichkeit unterstreicht, eine solche Situation so darzustellen, dass man ihr gerecht wird.

Ein Bild ist nicht gleich Realität

«Das Stück ist ein Mittel, um zu zeigen, wie schwierig und unmöglich es ist, den Krieg und damit die Lage in einem Krisengebiet darzustellen», findet Sandra Sieber, die die Malerin verkörperte.

Sie hat diese Rolle bereits zuvor einmal gespielt und kann sich vorstellen, sich weiter mit diesem Stück zu beschäftigen. «Es zeigt auch, was der Anblick des Krieges mit einem Menschen macht.» Wenn man einen Krieg nicht selbst erlebt habe, könne man sich das Leben in einem Krisengebiet nicht vorstellen.

Das Leid, die Angst, aber auch das Glück, bei einem Bombenanschlag nicht in der Nähe gewesen oder irgendwo auf Wasser gestossen zu sein. «Ein Bild kommt nicht nur annähernd an die dortige Realität heran», erklärt Sieber und spricht auch auf die Flüchtlingskrise an.

«Wir dürfen also nicht vergessen, dass diese Menschen, die zu uns kommen, aus einem Krisengebiet kommen und Schreckliches, für uns nicht Fassbares durchlebt haben.»